warum ich mit einem geschichtenschwein lebe
wahlverwandtschaftlich geschichtenverstrickt
eigentlich möchte ich diese geschichte nicht erzählen.
aber das geschichtenschwein besteht darauf. es nörgelt herum.
das kann kein mensch aushalten.
also bitte:
zuerst muß ich ein unangenehmes geständnis formulieren -
mein name ist robert suydam und ich bin geschichtensüchtig.
die wurzel dieses übels ragt zurück bis in mein drittes lebensjahr. damals schaute ich verspielt und neugierig am schrank meiner eltern nach oben und, wumms, bekam den sammelband griechischer sagen von gustav schwab mitten zwischen die pausbäckchen. nachdem ich angemessen herumgeplärrt hatte, wurde mir die nase geputzt und als wiedergutmachung mein erstes eigenes buch geschenkt: "der riese timpetu". darin wird in anschaulichen bildern erläutert, wie besagter riese eine maus verschluckt, sich deshalb unwohl fühlt und zu einem arzt geht. dieser ist gott sei dank ein genie und gibt ihm sofort eine katze zum verschlucken, woraufhin alles wieder gut wird. allerdings nur im bauch des riesen timpetu.
in meinem kopf geht es seitdem dauernd bergab.
ich wurde in einen raben und einen schwan verwandelt, mußte hemden aus brennesseln nähen, mit hexen kämpfen und über eine gelbe backsteinstraße wandern. ganze indianderstämme und die horden des dschingis khan sind über mich hinweggeritten, man band mich an raketen und schoß mich in den weltraum. in einem u-boot bin ich weiß der geier wieviele meilen unter dem meer herumgetaucht und als ich mich in eine prinzessin verliebt habe, um ein wenig stabilität in dieses tohuwabohu zu bringen, wurde das hübsche ding sogleich von einem drachen gefressen.
all dieser wahnsinn geht natürlich nicht spurlos an einem kind vorüber und es sollte niemanden erstaunen, dass ich ein verstörter mensch mit vielfältigen marotten wurde, deren schlimmste die körperliche abhängigkeit von immer neuen geschichten ist.
ich habe versucht, ohne geschichten zu leben.
aber dann wird alles nur noch schlimmer. mein linkes auge beginnt wild zu zucken, ich rülpse unkontrolliert das alphabet rückwärts und halluziniere einen ballett tanzenden elefanten mit zylinder und reifröckchen, auf dessen kopf eine weiße ratte lauthals gedichte von gottfried benn aufsagt.
das geht natürlich garnicht.
also habe ich gelernt, mit der geschichtensucht zu leben.
das größte problem eines süchtigen ist immer die beschaffung von ausreichend konsumierbarem material in hinlänglicher qualität, genauestens abgestimmt auf die eigenen bedürfnisse. das kann durchaus zur vernachlässigung einiger anderer lebensaspekte führen.
an dieser stelle kommt das geschichtenschwein in`s spiel.
diese art schwein ist sehr selten. ich habe über einige jahre hinweg nur von einem einzigen exemplar gehört, das in einem buch mit kindergedichten wohnt und dort auch nicht wegziehen möchte.
die besondere fähigkeit dieser eigenartigen kreatur ist schnell beschrieben. genau wie das trüffelschwein ein talent dafür hat, den pilz unter der erde zielsicher zu erschnüffeln, vermag das geschichtenschwein die seltensten geschichten aufzuspüren.
für einen abhängigen wie mich wäre es also der ideale lebensgefährte gewesen.
aber leider und überhaupt, wie oben beschrieben.
da kann man nichts machen.
nicht?
das schicksal kriecht sabbernd rückwärts und verschluckt dabei die merkwürdigsten dinge.
so kam es, das ich eines nachts eine wüste prügelei mit dem schweinehund hatte, der damals bei mir lebte. er bedrohte mich gerade mit der bratpfanne, ich tastete verzweifelt nach dem nudelholz und plötzlich sackte er bewußtlos zusammen. hinter ihm stand ein leibhaftiges geschichtenschwein, wiegte bedächtig das telefonbuch vom märchenwald in einer hand und brummte übellaunig:
"so geht das nicht weiter."
weil es eindeutig recht damit hatte, schlich ich mich in die hütte des besoffenen försters, stahl sein gewehr, erschoß den schweinehund und stopfte ihn aus. als erinnerung und mahnung.
es war eine ziemlich blutige angelegenheit. die igel hielten ihren kindern die augen zu, die frettchen zeigten mit dem finger auf mich und behaupteten, sie hätten es ja schon immer gewußt.
der alte herr uhu schaute streng drein. jedenfalls dachte ich das. später gestand er mir, dass er immer so starr glotzt, wenn er scharf auf frische eingeweide ist.
seitdem lebt das geschichtenschwein bei mir.
wir sind als komplizen eines mordes aneinander gebunden.
ich weiß nicht so recht, wohin das führen soll.
Tags: Robert, Suydam




Kommentare
Weitermachen, bitte.
18.05.2012, 13:32 von zehnmomentewird wohl passieren :-)
18.05.2012, 23:42 von robert_suydamIch kucke dann also weiter über den Gartenzaun;)
19.05.2012, 10:45 von zehnmomenteIch mag's. Ich brauch noch kein Geschichtenschwein, weil Song of Ice and Fire und Sanderson und Rothfuss es mir noch sehr gut besorgen :D Ich meine natürlich...mit Geschichten...er...ja...lies Song of Ice and Fire...
16.05.2012, 23:08 von LeyluraLegbreaker*lach* ... ja, unter dem aspekt einer wollüstigen beziehung kann man es auch sehen ... aus diesem blickwinkel steckt herr s. vermutlich in einer aufreibenden dreiecksgeschichte mit dem schwein und der erwachsenen mosca mye und keine ahnung wem noch. im dunkeln tauchen sie auf & verschwinden wieder ... denkbar wenig jugendfrei wird auch dabei einiges besorgt.
16.05.2012, 23:15 von robert_suydamder lektürehinweis ist notiert.
Bitte einfach immer weiter der Nase nach :)
16.05.2012, 22:37 von Mrs.McHmit einem schwein als begleiter betrachte ich das als anzügliche bemerkung :-D
16.05.2012, 22:38 von robert_suydamDas darfst Du, denn manche Schweine finden Trüffel.
16.05.2012, 22:40 von Mrs.McHach, hurra. eine echte lebensperspektive.
16.05.2012, 22:43 von robert_suydamPerspektiven sind meine Spezialität.
16.05.2012, 22:45 von Mrs.McH* oink * :-)
16.05.2012, 22:46 von robert_suydam