Oliver_Stolle 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 2

War's das schon?

Wer sind wir? Was wollen wir? Wo führt das alles hin? Kurz vor dreißig bekommen wir auf einmal Panik. Eine Zwischenbilanz.

Es kann eine Absage von allen Freunden gleichzeitig sein, die am Freitagabend nicht Bier trinken wollen, weil sie lieber zu Hause bleiben und kochen. Es kann eine Frage der Geliebten sein, ob man zum Beispiel schon mal darüber nachgedacht habe, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Es kann ein Vormittag in einem Büro sein, an dem du dich auf einmal wunderst, was zur Hölle du eigentlich jeden Tag in diesem gottverlassenen Vorort anstellst. Es kann aber auch einfach eine Zahl sein, die aus der Unendlichkeit der Zeit vor dir auftaucht. Der Spaß ist vorbei, mein Lieber, flüstert die Zahl, du hast dich lange genug vergnügt. Was genau der Auslöser für jene tiefe Verunsicherung ist, die einen irgendwann vor dem dreißigsten Geburtstag ereilt, macht keinen großen Unterschied. Bin ich auf dem richtigen Weg? Das fragt sich die junge Ärztin, die zum ersten Mal erlebt, was es heißt, jeden Tag zum Einsatz auf der Intensivstation anzutreten. Habe ich alles richtig gemacht? Das fragt sich der Praktikant einer Werbeagentur, der die Semesterferien während seines Politikstudiums
überall dort verbrachte, wo man sicher keine Kontakte für einen schnellen Einstieg in den Wunschberuf knüpft. Was will ich im Leben noch erreichen? Das fragt sich die hoffnungsfrohe
Betriebswirtin, deren Freund ihr gesteht: »Ich möchte ein Kind.«

Auf einmal hat man das Bedürfnis, aufzurechnen und zu vergleichen, ob das Leben den Erwartungen entspricht. Woher kommt dieser Hang zur Selbstbeschau, die in so vielen Fällen in einer handfesten Krise endet? Scheinbar von heute auf morgen verändert sich der Blick auf unsere spielerisch zusammengebastelte Existenz – egal ob sich bei einem selbst etwas verändert oder nur viele ehemalige Klassenkameraden Fotos von sich mit einem Säugling auf dem Arm verschicken. Plötzlich scheint nicht mehr alles ein Experiment zu sein. Nicht mehr jedes Tun ist nur Ausprobieren. Nicht mehr alles ist nur etwas, das zu anderem hinführen soll. In einer Mischung aus ein wenig Stolz und sehr viel Panik stellen wir fest: Das ist es jetzt wohl, das richtige Leben.

Leben im Patchwork: Auf der Suche nach Identität

Eigentlich sollten wir solche Zweifel ja gut kennen. Wir sind die erste Generation, die im Bewusstsein aufgewachsen ist, ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können. Wir müssen biografisch improvisieren wie niemand zuvor. Wir leben in einer Zeit, schreibt Heiner Keupp, Identitätsforscher und Professor für Sozialpsychologie in München, »in welcher der Umgang mit den eigenen Lebenszielen, Partnerschaftsmodellen und Wohnvorstellungen zunehmend flexibel gehandhabt werden kann und muss.« Hunderte verschiedene Studiengänge, eine noch höhere Zahl möglicher Sexualpartner, ein Jahrmarkt der Lebensmodelle, Weltanschauungen und Geschmäcker – von der richtigen Automarke bis zur Antwort auf Sinnfragen ist alles offen.

Dass jeder selbst entscheiden kann, was er aus seinem Leben machen will, ist ein Phänomen säkularer Gesellschaften. Nur wer nicht mehr an schicksalhafte Lebensläufe glaubt, zweifelt derart grundsätzlich, ob er alles richtig macht. Aufgrund von Individualisierung und Pluralisierung in der Moderne wächst die Zahl möglicher Lebensformen und Vorstellungen von Normalität. Das Leben unserer Großeltern prägten Kriege. Die Generation unserer Eltern war wenigstens in ihrer Jugend von politischen Haltungen verbunden. Wir müssen uns selbst überlegen, was wir gut finden und was wir wann erlebt haben wollen.

Und so leben wir im Taumel scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten mehrere Leben auf Probe. Zwischenbilanzen finden unter diesen Umständen häufig statt. Je flexibler Biografien verlaufen, desto schwieriger ist es für den Einzelnen, eine Identität zu wahren. Doch weil wir uns die Maßstäbe für unsere Selbstbeschreibung selbst setzen, ist die Rückschau nicht nur normaler, sie ist auch schwieriger geworden. Es muss, so Heiner Keupp, »der Umgang mit Ungewissheit ertragen werden, ohne Selbstorganisation und individuelle Verantwortung ist der Einzelne zum Scheitern verurteilt.« Wir sind eben nicht nur in der Lage, unser Leben selbst zusammenzubasteln. Wir sind auch dazu verurteilt.

Reality Bites: Das Ende des Moratoriums

Zu einem bestimmten Zeitpunkt scheint dieses alltägliche Ausbalancieren jedoch zu einem massenhaften Ungleichgewicht zu führen. Die beiden amerikanischen Journalistinnen Alexandra Robbins und Abby Wilner führten Interviews mit mehr als zweihundert Twentysomethings, die sich trotz guter Zukunftsaussichten unglücklich oder verängstigt fühlten. Die Ergebnisse ihrer Befragungen fassten sie in dem Buch »Quarterlife Crisis« zusammen. Die Sinnkrise der Mittzwanziger, so die Autorinnen, »ist möglicherweise die einzige Phase, in der die Menschen sich wirklich gnadenlos nach ihrer Zukunft fragen und danach, wie sie sich aufgrund ihrer Vergangenheit entwickelt.«

Der Psychoanalytiker Erik Erikson stellte schon in den 50er Jahren fest, dass unsere Kultur in der Übergangsphase zwischen Jugend und Erwachsensein eine Frist gewährt. Er bezeichnete diese Zeit, in der jeder im privaten und beruflichen Bereich mehr oder weniger nach Laune herumprobieren kann, als Moratorium – eine Art Schonraum, der genützt werden will, um in dieser unklaren Welt seinen Platz zu finden, ohne dass jeder Versuch gleich bedeuten muss, dass es ewig so weitergeht. Heute scheint diese Phase so selbstverständlich durchlebt zu werden, dass die eigentlichen Probleme erst auftreten, wenn sie zu Ende geht.

Verunsichernd kann das Ende des Moratoriums scheinbar auch für jene sein, die alles richtig gemacht haben. Die jungen Deprimierten in »Quarterlife Crisis« haben einen funktionierenden Freundeskreis, beste Chancen auf Geschlechtsverkehr, Aussichten auf eine ausgezeichnete Karriere, machen Ferien in fremden Ländern – wenn alles möglich ist, hat eben auch nichts mehr eine Bedeutung. Nach aktuellen Studien leidet ein Großteil junger Amerikaner und Kanadier an einer »diffusen Identität«: In ihrer vorauseilenden Angepasstheit verlieren sie sich selbst in der geforderten Flexibilität.

Ausweitung der Kuschelzone: Spätes Erwachen

Früher Erfolg ist nicht unbedingt das Hauptproblem junger Deutscher. Doch der Optionsüberschuss erschwert die Entscheidung für die richtige Alternative genauso, wenn vieles von dem, was uns an Lebensentwürfen vorschwebt, gar nicht zu erreichen ist. In dem Maß, wie wir immer früher immer mehr können, werden wir nicht nur immer früher das Gefühl des Überdrusses erleben. Wir werden auch immer häufiger an unsere Grenzen stoßen oder mit anderen konfrontiert werden, die mehr aus ihren Möglichkeiten gemacht haben. Gleichzeitig müssen wir immer später immer weniger – weshalb wir zum Zeitpunkt unserer ersten Zwischenbilanz nicht mehr automatisch Errungenschaften auf der Habenseite verbuchen können.

Es gab einmal eine Zeit, in der die Jugend mit der Volljährigkeit endete. Üblicherweise betrachteten Soziologen jemanden als erwachsen, wenn er die Schule abgeschlossen hat, Geld verdient und nicht mehr bei den Eltern wohnt. Eine aktuelle britische Studie zeigt, dass heute nicht einmal ein Drittel der Dreißigjährigen diese drei Kriterien erfüllt. Kein Wunder, dass kaum ein Sozialwissenschaftler zögert, bis weit über das dreißigste Lebensjahr hinaus von Jugend zu sprechen – wenn er sich überhaupt auf ein Alter festlegen lässt. Viele Entwicklungspsychologen definieren Jugend mittlerweile weniger über das reale Lebensalter als über bewältigte Entwicklungsprozesse. Das Moratorium, jene Ausprobierphase, die bei Erikson spätestens Anfang zwanzig abgeschlossen sein sollte, wird als Zustand begriffen, der im Leben immer wieder auftauchen kann.

Doch je länger wir herumprobieren, desto länger schieben wir auch Entscheidungen hinaus. Und je später wir aus jener Kuschelzone gestoßen werden, in der nichts etwas zählt, desto wahrscheinlicher werden wir bei unserem späten Erwachen mit den ersten Alterserscheinungen konfrontiert, die uns sehr deutlich machen, dass es keine Luxuskrise ist, die da durchlebt werden will. Immer lauter tickt die Uhr. Biologisch bei Frauen, die sich noch fortpflanzen wollen. Fast so laut bei Männern, die sich gerne zusammen mit einer Frau vermehren würden, die nicht sehr viel jünger ist und die sie auch schon ein paar Jahre kennen, bevor sie mit ihr gemeinsam eine Familie gründen.

Erwartungen an einen Dreißigjährigen: Das Imperium schlägt zurück

Druck macht bei aller Toleranz gegenüber alternativen Lebenskonzepten ein unaufdringliches, aber doch sehr präsentes Bild vom perfekten Menschen: viel erlebt, viel gelebt, trotzdem alles im Griff, selbstverständlich einen interessanten Job, viel Zeit für Freunde und eben auch für die gutaussehende Frau oder den erfolgreichen Mann und – man will ja lässige junge Eltern sein – natürlich ein Kind. Der Dreißigjährige, wie er hinter den vielen oberflächlichen, nur scheinbar beliebigen Bildern als Idealtypus dominiert, ist ein Übermensch. Weil er so präsent ist, vergleichen wir uns mit ihm. Weil er ein Übermensch ist, fällt der Vergleich negativ aus. Der panische Beigeschmack der verfrühten Bilanz ist auch ein Symptom kollektiv gepflegter maßloser Erwartungen und widersprüchlicher Ansprüche.

Die »Patchworkidentität«, schreibt Keupp, »erleben viele Menschen als Verlust, als Unbehaustheit, als Unübersichtlichkeit, als Orientierungslosigkeit und Diffusität. Und sie versuchen sich mit allen Mitteln ihr gewohntes Gehäuse zu erhalten«. Entsteht da – als Reflex auf eine noch verwirrendere, noch unübersichtlichere und vor allem weniger hoffnungsvolle Zeit – eine neue Sehnsucht nach einer stabilen Biografie? Kaum blicken wir auf die Kehrseite der Freiheit, werden wir zu weinerlichen Angstsparern mit dem dringenden Bedürfnis, das bisschen, was an Schäfchen da ist, so schnell wie möglich ins Trockene zu bringen.

Doch gleichzeitig spüren wir, dass sich da etwas in uns sträubt. Man nennt dieses Gefühl »Fixeophobie«. Es ist die Angst vor dem Festgelegtwerden, die Angst vor dem Verlust von Optionen. Schließlich hatten wir zehn Jahre Zeit, eine Strategie zu entwickeln, die es uns ermöglichte, viel zu erleben, ohne dafür auf etwas verzichten zu müssen. So sehr wir uns nach einem Ende der Beliebigkeit sehnen, so sehr fürchten wir es auch.

Warum wir getrost nicht erwachsen werden können

Nur wer weiß, was er an Kapital zur Verfügung hat, kann Entscheidungen treffen, wie es in seinem Leben weitergehen soll. Bei vielen hat sich erst jetzt genügend Bildung, Erfahrung, Geld angesammelt, um nicht mehr nur im Konjunktiv über die eigene Zukunft nachzudenken. In diesem Sinn ist eine ordentliche Zwischenbilanz eine solide Basis, sein Leben noch einmal – oder endlich – in die Hand zu nehmen. So richtig es ist, sich an einem entscheidenden Punkt im Leben darüber klar zu werden, wie es weitergehen soll, so falsch wäre die Annahme, dass mit dem Erwachsensein alle Ungewissheiten vom Tisch wären.

Die Sicherheit, die jenes Bild vom perfekten Dreißigjährigen suggeriert, gibt es nicht mehr. Der ganz normale Alltag eines Familienlebens oder die Überraschungen einer Berufswelt, in der Sicherheiten wie eine lebenslange Festanstellung zur Ausnahme geworden sind, kann man sogar noch vorausahnen. Doch gegen das, was Psychologen eine »Normalitätskrise« nennen, schützt professionelle Jugendlichkeit wahrscheinlich am besten – wenn sie zum Beispiel darin besteht, Optionen offen zu halten. Sonst bleibt die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden, einfach zu groß.

Über eines kann sich allerdings niemand hinweglügen: Wiederholungen stellen sich in fast allen Bereichen des Erlebens ein. Wir waren verliebt. Wir führten Beziehungen. Wir gingen auf Reisen. Wir waren verunsichert, betrunken, traurig. Und in dem Moment, in dem wir uns dessen bewusst werden, können wir diese Erkenntnis nicht mehr rückgängig machen. Was du mit dreißig nicht erlebt hast, wirst du nie mehr so unbefangen erleben können. Muss das ein Problem sein? Der vielleicht interessanteste all der Vergleiche, die man um die dreißig anstellt: Ein junger Karrierist plagt sich mit den gleichen Zweifeln wie einer, der seine Jugend verschlafen hat. Umarmen wir also unsere Vergangenheit. Und blicken in die Zukunft.

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