fantatierchen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 3

Wachstumsschmerzen

Aber ich liege hier. Im Bett. Und starre an die Decke, obwohl ich allüberall hin könnte.

Es gibt diese Momente. Da liege ich im Bett, starre an die Decke und habe das Gefühl, die Decke starrt zurück. Als würde ich dort oben noch einmal schweben, herausgelöst aus mir selber, nur mehr irgendein abstruses ätherisches Geistwesen, und mich betrachten, wie ich dort liege und die Decke betrachte. Sie ist der einzige weiße Fleck in meinem Zimmer. Der einzige, der so rein und klinisch, so weit und leer geblieben ist, wie alles war, als ich hier vor gar nicht langer Zeit eingezogen bin. Und während die Gedanken über weiße Raufaser spazieren, bildet sich in meiner Brust der gewohnte Krawattenknoten, der sich fest zuzieht und mir die Luft abschnürt.

Früher war das anders, denke ich jetzt. Früher gab es keine Krawatten, und auch keine weißen Decken. Früher war alles bunt, sogar wenn man wütend und traurig war. Früher gab es diese Leere nicht. Und doch ist mein Leben jetzt so viel reicher an allen möglichen Dingen: auf meinem Konto liegt mehr Geld, in meinem Kopf tummelt sich mehr Wissen, in den Schränken mehr Kleidung (und ganz viel mehr Schuhe). Und da sind viel mehr Perspektiven. Auf immer engerem Raum. Denn wenn man größer wird, werden Räume plötzlich automatisch kleiner - das ist eine ganz logische Sache, ganz natürlich, völlig unaufhaltbar. Hatte ich früher noch davon geträumt, Schriftstellerin zu werden, nur Schriftstellerin und ganz bestimmt nichts anderes, sitze ich heute in einem Büro in der Universität und weiß, die ganze Welt steht mir offen. Die besteht nicht mehr nur aus dem Haus meiner Eltern, den fünfen aus der Nachbarschaft und all den dazugehörigen Gärten - nein, die Welt ist so groß wie die Welt wirklich ist und ich weiß, ich kann allüberall hin.

Aber ich liege hier. Im Bett. Und starre an die Decke, obwohl ich allüberall hin könnte.

Denn ich möchte nicht.

Diese Welt da draußen, die war früher in meinem Kopf. Da, wo heute nur noch Zahlen und Fakten sind, nurnoch die Ausdrucks- und nicht mehr die Inhaltsseite. Und statt der Schuhe lag Spielzeug im Schrank. Wann habe ich aufgehört zu spielen? Oder, besser gefragt: wann fing die Welt an, für mich ein realer Ort zu werden, der nichts magisches mehr hatte? Du musst daran wachsen, haben sie gesagt. Das ist eine unglaubliche Chance, die du bekommen hast. Aber ich habe Wachstumsschmerzen. Warum tut wachsen nur so weh? Da sind all die ungelebten Träume, all die Vorstellungen und Fantasien, die ich auf meinem Weg hatte und die nun einfach nichts, nichtig geworden sind, weil ich mich für einen anderen entschied. Warum bleibt beim Wachsen so viel auf der Strecke? Die Decke antwortet nicht.

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