MaasJan 11.07.2012, 18:06 Uhr 19 36

Wabern.

.

An einem dieser Abende entglitt ihm das Leben. Obschon er kein gebärfreudiges Becken besaß und durchaus zu reden vermochte, einen Muttermund konnte er nicht vorweisen.

Nur diese Leere, die auch eine Wochenbettdepression erfüllte, spürte er deutlich.

Anfangs war es nur ein sachtes Pochen das, einem Radiergummi bewehrten Bleistift gleich, seine Schläfen malträtierte. Aber mit jedem Druck sickerte die Leere tiefer in seinen Kopf und begann nach und nach, sich zwischen seinen Gedanken einzunisten. Zunächst unmerklich, aber schleichend doch mit veritabler Vehemenz verdrängte die Leere all seine Gedanken. Nicht auszudenken, hatte er früher sinniert, wie sich ein Gedächtnisverlust auswirken würde.

Damals hatte er jeglichen Gedanken schaudernd beiseite geschoben. Angst hatte ihn beschlichen, ganz ähnlich der Leere, all seine Gedanken gelähmt und die Erinnerung an bessere Zeiten Tag für Tag ausradiert.

Am Ende war sein Kopf gefüllt mit einem vollgesogenen Naturschwamm aus Ängsten.

Aber immerhin konnte er noch denken.

Doch an einem unheilvollen Abend verkehrte sich sein Leben in das Gegenteil.

Er war Gast auf einer Patinée gewesen. Eigentlich ein harmloses Zusammentreffen in gediegenem Rahmen, bei dem man zusammen saß und das eigene Korrodieren begutachtete – so man denn mit Kupfer bedeckt war. Zugegeben, die wenigsten waren das und so saß man trinkend beisammen und ließ den Abend dahingleiten. Türkis war jedenfalls noch niemand geworden und deshalb verließ er die Feier als einer der typischen Taschenzecher, die den Alkohol nicht nur in sich, sondern auch in kleinen Dosen am Körper heimführten.

Doch schon beim ersten Schritt auf den regennassen Asphalt schlug ihm die drückende Schwüle mitten ins Gesicht, riss beachtlich an den Nasenflügeln und wirbelte durch seinen Kopf ohne Rücksicht auf Verluste.

Für einen kurzen Moment wurde ihm schwindelig und er musste sich an einen Laternenpfahl stützen, um nicht sein labiles Gleichgewicht zu riskieren.

Als der sternenklare Himmel wieder das mehr oder minder bunte Feuerwerk in seinem Sichtfeld verdrängt hatte, war es merkwürdig ruhig um ihn herum geworden.

Fast schien es, als sei er allein auf der Welt.

Aber das wäre zu einfach gewesen.

Vielmehr war genau der Teil der Welt verschwunden, den er durch den Schwindel so oder so halbwegs unter den Füßen verloren hatte.

Etwas mulmig wurde ihm dadurch durchaus zumute und er bewegte sich auf leicht wackeligen Beinen in ihm bekanntere Gefilde.

Geholfen hatte es trotzdem wenig.

Die einmal entstandene Leere konnte er nicht so einfach hinter sich lassen und so grub sie sich tief und tiefer in seinen Kopf.

Der Schwamm mit all seinen Ängsten wurde zusehends trockener, aber in gleichem Maße verschwand auch seine Welt.

Dabei war er mitnichten dement oder schwachsinnig geworden. Es geschah einfach. Die Menschen, die er gestern noch kannte, waren heute noch Schemen und morgen schon verschwunden. Mit ihnen autokassierten auch ihre Häuser, Eindrücke und Hinterlassenschaften, wie Sandburgen im Meer der Leere. Anfangs hatte es ihn noch amüsiert, aber als eines Morgens sein Nachbar, der diese Woche das Treppenhaus wienerte, verschwunden war und die Treppe zu seiner Wohnung gleich mit, glich es es schon einem ausgewachsenen Problem, wieder auf die Straße zu gelangen.

Mit einer Hängeleiter hatte er sich beholfen, es aber dann doch vorgezogen schnell in eine Wohnung Parterre zu ziehen.

Sicher war sicher.

An einem guten Tag verbrachte er eine schöne Zeit an einem Baggersee, bis auch dieser Landstrich dem Mahlstrom seiner schwindenden Gedanken zum Opfer gefallen war.

Nach einiger Zeit gab es nahezu keine Orte mehr, an denen er sich gerne aufhielt.

Zumindest erinnerte er sich an keine.

Niemand wunderte sich über die löchrige Wirklichkeit. Fast schien es, als habe sich mit dem Verschwinden seiner Gedanken das Denken in den Köpfen der Menschen begonnen, aufzulösen.

Niemand darf denken.

Vielleicht war das die Maxime, die die neue Welt im Innersten zusammenhält.

Im Grunde war es gerecht, jeder Mensch war gleich und wenn er nicht dachte, dann durfte niemand denken. Je schneller alles um ihn herum in die dumpfe Vergessenheit galoppierte, desto mehr ließ er die Zügel schleifen. Es dauerte nicht lange und er verließ kaum noch das Bett. Es war keineswegs die Angst, die ihn an sein Lager fesselte.

Es war vielmehr so, dass es sich nicht mehr lohnte.

Die Einöde um ihn herum wurde immer umfassender und eines Morgens (falls es denn noch einer war, so sicher konnte er sich da nicht mehr sein) öffnete er seine Augen und schwebte. Umsehen erschien ihm nicht lohnenswert und so schloss er die Lider wieder und fasste den Entschluss, über sich selber nachzudenken.


Tags: Ba, -, kommagetrennt
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19 Antworten

Kommentare

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  • 2

    Die Startseitentexte werden immer besser. :-)

    Dass du hier die Absätze vernünftig machst, empfinde ich als pure Provokation!^^ Sprachliche Anregungen gab ich ja schon an anderer Stelle, die Idee und Geschichte an sich sind natürlich absolut umwerfend.

    14.07.2012, 22:52 von Trebor-Faust
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  • 0

    Guter Text. Diese Gedanken kommen mir irgendwie bekannt vor. Es knorzt und knarzt am Anfang wegen dem Schreibstil, aber dann hat's man auch schon gelesen. 

    14.07.2012, 16:04 von denkanstosser
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  • 0

    Die Eloquenz ist nicht gespielt. Wahrlich gelungen und zudem angenehm verspuhlt.

    14.07.2012, 03:37 von JohnnyBravo
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  • 0

    So soll es sein. Mit dem Text. Nach gaaanz vorne! :)

    13.07.2012, 19:13 von Mrs.McH
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  • 1

    ich wollte nur kurz anmerken, dass ICH den kommentar von moritz nicht gelöscht habe ;-)

    13.07.2012, 11:58 von MaasJan
    • 2

      friede sei mit dir :-D

      13.07.2012, 12:06 von Traumversinken
    • 0

      Gibs zu!

      13.07.2012, 12:08 von quatzat
    • 0

      ä ä

      13.07.2012, 12:10 von MaasJan
    • 1

      ich geb beten damit die schuld an mir vorrüber geht

      13.07.2012, 12:11 von Traumversinken
    • 3

      ich wars.

      13.07.2012, 13:07 von Max-Jacob_Ost
    • 0

      chrchrchr

      13.07.2012, 13:13 von quatzat
    • 0

      max macht mutig.

      13.07.2012, 14:29 von Traumversinken
    • 0

      Max, ich hoffe du hast ein Dach über den Kopf - denn ich befürchte, der Zorn Gottes wird nun über dich kommen. Mt 3,6

      13.07.2012, 20:35 von rubs_n_roll
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  • 5

    'Es wabert in den Gedanken von NEON-User MassJan'

    chrchrchr

    13.07.2012, 10:05 von quatzat
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  • 3

    Schreibstil hat Luft nach oben, aber ich mag die Idee sehr gerne. Das Moritz.Dingens hab ich direkt gesperrt, damit sich das digitale Karzinom nicht so ungestört hier ausbreitet. Und an deinem Kommentarstrang sieht man ja, wie schnell das geht.

    12.07.2012, 23:21 von MisterGambit
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  • 0

    Den Text mag ich.

    12.07.2012, 19:28 von topfbluemchen
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  • 3

    Was für Drogen nimmst Du ?
    Egal...sehr abgefahren.

    11.07.2012, 18:55 von cosmokatze
    • 1

      außer industriezucker gar keine - schätz ich jenfalls.

      12.07.2012, 12:15 von frau.von.ungefaehr
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  • 1

    Find ich immer noch ein nettes Gedankenspiel maasgerecht serviert. Wobei ich es schöneer gefunden hätte, wäre er mit einem Hängegleiter parterre gezogen anstatt einer Hängeleiter.

    Egal.

    Er erfüllt die Dentsche Norm und regt im wahrsten Sinne des Wortes und des Ausdrucks zum Denken an.

    11.07.2012, 18:23 von quatzat
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