Orang 17.04.2005, 18:16 Uhr 58 1

Von Nudelsalaten und Schuhbergen

Eine Hommage an die Maßlosigkeit.

Offen gestanden ich habe so meine Aussetzer. Manchmal werfe ich Treta-Packs vom Balkon in den Innenhof. Ich finde das lustig. Ab und zu treffe ich Gleichgesinnte, meistens aber müssen mich meine Freunde vor Gröberem bewahren. Natürlich bin ich bei solchen Aktionen nicht mehr ganz nüchtern. Und in manchen Kreisen bin ich mittlerweile zu persona non grata avanciert. Ein zweifelhafter Ruf, der einem aber auch so manche Freiheit schafft, ganz nach dem Motto „Ist der Ruf erstmal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“
Dabei bin ich eigentlich unschuldig. Schuld sind die vielen Feiern, die immer langweiliger werden.

Früher war das anders. Da ging Papas CD-Spieler kaputt, der beste Freund kotzte den Teppich voll und jemand trieb es im Ehebett der Eltern, obwohl allen Gästen mehr als einmal eingebleut worden war, dass das elterliche Schlafzimmer absolut tabu sei. Damals als Teenager. Neben anderen Annehmlichkeiten, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt, erwartete ich mir auch exzessivere Feiern. Es müssten ja nicht gleich Sex-Orgien a là „Eyes Wide Shut“ oder Drogenexzesse wie in „Fear and Loathing in Las Vegas“ sein. Aber vielleicht ein klein wenig davon.
Stattdessen gehören WG-Partys mittlerweile zu den langweiligsten Events in meinem Leben überhaupt. Es ist immer dasselbe: ein nettes Buffet bestehend aus Nudelsalat, Tiramisu, Chips und Häppchen, fünf Flaschen Rotwein und zwei Kästen Bier. Aus einem der Räume dudelt Adam Green in Zimmerlautstärke. Alle sind nett zueinander und manchmal hat jemand um Mitternacht Geburtstag. Ab ein Uhr verlassen dann die ersten die Feier mit gutem Gewissen, schließlich hat man gratuliert. Die Spitze der Deliquenz besteht aus ein oder zwei Personen, die es nicht lassen können, in der Küche einen Joint zu rauchen. Wer auf solchen Partys auf dem Klo kokst, muss damit rechnen, dass der Gastgeber selbst die Polizei verständigt. Ansonsten gilt: bloß nicht zu betrunken werden, man könnte sich zum Gespött der Gesellschaft machen. Gegen drei Uhr, spätestens aber um vier, werden die letzten Gäste dann mit einem „Ich werd' jetzt dann auch mal schlafen“ seitens der/des GastgeberIn sanft hinauskomplementiert. Auf den beiden letzten WG-Partys musste man sogar die Schuhe ausziehen. Chaotische Elemente gab es freilich. Aber immer erst dann, wenn Leute gehen wollten und 15 Minuten lang einen Schuhberg durchwühlen mussten. Ehrlich – mir ist das zu nett. Und Nudelsalat kann ich nicht mehr sehen.

Ich möchte mich nicht mehr auf langweiligen Partys mit langweiligen Menschen über langweilige Praktika, Diplomarbeiten und Studiengänge unterhalten und dabei langweiliges Tiramisu in mich reinstopfen, während die Gastgeberin schon seit 23 Uhr mit dem Aufräumen beschäftigt ist. Ich möchte Exzesse. So. Da mag man nun einwenden, dass ein erfüllter Alltag Exzesse am Wochenende überflüssig mache. Das mag so sein. Alltag unter der Woche impliziert Routine, sonst spräche man nicht von Alltag. Und eine gewisse Routine im Leben ist notwendig. Ohne sie kriegt man nichts gebacken. Aber mittlerweile ist mein Alltag wesentlich aufregender als so manche WG-Party. Und da kann doch wohl was nicht stimmen.

Freilich, ein paar Ausnahmen gibt es. Die Freundin meiner Freundin zum Beispiel. Sie lebt in Berlin und heißt Sandra. Wenn Sandra etwas zuviel trinkt, benimmt sie sich daneben. Sie ist bekannt dafür. Ich sehe Sandra nur selten. Doch letzten Monat waren wir zu viert in einem gehobenen italienischen Restaurant essen. Pärchenabend. Das klingt langweilig und wäre es auch gewesen, wenn Sandra nicht einen gewissen Hang zur Maßlosigkeit besäße. Nach sechs Flaschen Rotwein und dem dritten Grappa, streikte ihr Magen. Sandra musste sich übergeben und zwar mitten im Lokal. Ich fand das amüsant. Mir war das auch nicht peinlich. Im Gegenteil – während Sandra und ein leicht pikierter Kellner so unauffällig wie möglich versuchten, die Indizien dieses Malheurs zu beseitigen, war ich glücklich. Es war ein Abend nach meinem Geschmack. Ich mag Sandra und seitdem hat sie einen Stein bei mir im Brett. Wir sind stille Verbündete im Kampf gegen die neue Spießigkeit. Wir haben dieselben Ziele: Exzess, Grenzüberschreitung.
Man kann Sandras Verhalten ebenso wie das Herunterwerfen von Tetrapacks aus dem dritten Stock nun mit einem Alkoholproblem wegerklären oder es als spätpubertären Anachronismus abtun. Doch da macht es sich zu einfach. Die meisten Partygäste verhalten sich auch nach mäßigen bis übermäßigen Alkoholkonsum langweilig wie ein Stück Brot. Es geht um den Mut zur Maßlosigkeit. Der scheint irgendwo auf der Suche nach einem Praktikum und einem Thema für die Magisterarbeit abhanden gekommen zu sein.
Ich wünsche mir Partys, auf denen Leute austicken und sich komplett daneben benehmen. Ich wünsche mir auch mehr Toleranz gegenüber Personen, die sich auffallend anders verhalten. Ich wünsche mir einfach mehr unvergessliche Abende mit unvergesslichen Menschen. Dann würde ich vielleicht auch damit aufhören, Tetra-Packs vom Balkon zu werfen.

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58 Antworten

Kommentare

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    haha, super text!danke!
    kenne ich noch, die partys im elternhaus, wo der wohnzimmerteppich unbrauchbar war... weil kein aschenbecher in der nähe und schuhe ausziehen war nicht... der gröhnende abschluß war dann, als sie die gefriertruhe im keller inspiziert haben und sie die gefrorenen hähnchenschenkel gegenseitig zuwarfen...
    damals wars heftig, heute kann ich darüber lachen... (war ja gott sei dank nicht bei meinen eltern... *g*)
    mir fehlen solche partys auch...
    hatte sogar den auftrag auf der letzten party nen nudelsalat mitzubringen....!!!!!!!!!!!!!

    lg
    s´urmel

    12.05.2005, 11:56 von urmel
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    Ach so, hab noch was vergessen. Ich finde vor echt en Freunden kann man sich gar nicht richtig blamieren, weil ich von jedem mindestens eine peinliche Geschichte kenne. Also was solls. Jeder ist mal der Depp, der eine öfter der andere weniger oft. Es ist doch schön wenn alle was zu lachen haben, auch wenn sie vielleicht über mich lachen. Das ist besser als wenn überhaupt niemand lacht.

    06.05.2005, 10:20 von MrsMiaWallace
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    Hm, bin auch Exzesssüchtig. Eine tolle Sache! Zu Glück befinde ich mich noch mitten in der Spätpubertät. Wer weiß wie das in ein paar Jahren aussieht, wenn ich mein biologisches Alter auf 95 Jahre gesoffen hab. Bei meiner letzten Party ist das Klo aus der Wand gerissen worden. Dann gab es Partys bei denen am nächsten Tag ein Stuhl in der Katoffelsalatschüssel stand. Gut war auch die eine Party als meine Freundin Badeseife geschenk bekommen hat und irgendjemand meinte diese auf den Fliesen ausschütten zu müssen. Der Weg zu Klo wurde dadurch zu einer superspaßigen Rutschpartie und die Leute sind reihenweise auf die Fresse geflogen. Ich kenne noch ein duzent solcher Anekdoten. Manchmal kann das auch ganz schön nerven, aber ich hoffe diese Randale hällt noch ein bisschen an, weil solche Geschichten vergisst man nie. Da wird jede Party zum Erlebnis.

    06.05.2005, 10:09 von MrsMiaWallace
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    Nee, sowas kann bei mir nicht passieren. WG-Parties sind doch immer Kompromisse!!!

    05.05.2005, 12:38 von addictedto
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    Yes, Yes Bürgertum is callin...
    Lieber ein gutes Gespräch bei einem lieblichen Rotwein- Hey wir sind ja soo stilvoll und intellektuel. Oder vielleicht am besten das Wochenende ganz zu Hause bleiben und einen "Ruhigen" machen, vielleicht noch eine romantische Komödie schauen.
    Ja Orang du hast recht dies ist der Anfang von "Spass muss sein-WENNS PASST- Rotweinrunden und früh aufstehen-damit-man-auch-was-vom-Sonntag hat. Sad but true

    28.04.2005, 04:30 von montezuma
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    Ich weiß, was du meinst und stimme zu. Gespräche á la "Und was machst du jetzt so?" sind keine gute Basis für ein tolles Wochenende. Aber Kotze auf der Hose ist das auch nicht unbedingt. Ich mag Parties nicht, bei denen man ab Mitternacht am Boden festklebt, weil alle mit dem Bier geast haben und mit ihren Schuhen durchgelatscht sind. Wo man sich selbst in vollbesoffenem Zustand sofort nach einer Dusche sehnt, wenn man sich mal irgendwo hinsetzt. Meine ideale Party hat zwar keinen Nudelsalat, aber auf jeden Fall reichlich leckeres Essen und noch mehr leckere Getränke. Ich lass gerne fünf Kästen Bier in der Ecke stehen, wenn Frühsonntagmorgens die neusten Kreationen aus Rum plus Gin plus irgendwas braunem ausprobiert werden. Und ich liege lieber mit mir vorher fremden Menschen gemütlich verkeilt labernd auf dem Boden als mit schweren Beinen die ganze Nacht Stehparty zu machen. Ich sehne mich auch manchmal nach maßlosen Nächten, und eigentlich ist es in der richtigen Stimmung doch völlig egal, was man isst, ob man Schuhe anhat, ob man betrunken ist, ob man legal auf Parkbänken oder Teppichböden oder illegal in Freibädern herumlungert.

    27.04.2005, 11:36 von Levita
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    boah danke für den text
    das schlimme ist, dass sowas jetzt schon in der schulzeit losgeht (hab gerad abi verkust), diese netten sit-ins wo man mit 7tage-7köpfe-witzen fürden kracher sorgt
    also rock on

    27.04.2005, 09:40 von Schurke
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    MUahahhaha.. die Schuhe ausziehen. Immer noch mit abstand das spießigste Gebaren der Deutschen überhaupt.

    Was ist das nur für eine WG? Studenten? Wenn dann wohl Sozialpädagogik, der einzige Ausbildungsberuf den man mit einem (hier sog.)Diplom abschließen kann. Vielleicht sind deine Bekannten ja einfach nur stinklangweilig.

    Im Übrigen sind die meißten Menschen langweilig wie ein Stück Brot. Wahrscheinlich denken das andere von dir auch.

    Und wenn die was fehlt kannste ja mal selbst ´ne Party mit wildem Gelage, derben Späßen und 20 kubanischen Hafenschlampen schmeissen. Aktion ist gefragt.

    Noch was. Was ist denn bitte spätpubertärer Anachronismus?

    In diesem Sinne: Party on!

    27.04.2005, 07:54 von Antaios
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