hannabell 19.11.2009, 22:52 Uhr 0 0

Von Kitsch und anderen Kleinigkeiten

„Ich muss hier raus“, dachte die Kleine.

Sie mochte den November nicht, zu spät zum Drachensteigen und zu früh zum Plätzchen backen. Komisch, dass das außer ihr wohl keiner fand, jedenfalls war der Flughafen fast leer. Der Griff, an dem sie ihren Koffer zog, hatte sich verklemmt und ließ sich nicht mehr einfahren. Auch so ein komisches Ding, das keinen Namen hat, dachte sie, dieser Kofferziehgriff, denn Kofferziehgriff konnte er unmöglich heißen. Jedenfalls war der Griff schon lange kaputt, aber sie hatte noch keine Zeit gehabt, einen neuen Koffer zu kaufen. Beim Check In drückte sie ein paar Mal ebenso halbherzig wie vergeblich auf den Griff und lächelte die Czech-Airlines-Dame entschuldigend an.

Ein Mann sprang ihr zur Hilfe und machte sich an ihrem Koffer zu schaffen. Derartige Aufmerksamkeit war die Kleine gewohnt. Sie hatte lockiges Haar und ein Gesicht wie ein Hundewelpe, war also eine jener Frauen, die so gut wie nie einen Koffer selbstständig die Treppe hinauf tragen musste. Froh darüber war sie eigentlich nur selten, zum Beispiel, wenn der Koffer besonders schwer war. In den meisten anderen Fällen wäre sie lieber groß und kräftig gewesen, mit einer Höckernase und kurzen Haaren. Dann würde sich niemand trauen, ihr die Einkaufstüten abzunehmen und sie müsste nicht immer wieder aufs Neue beweisen, dass sie nicht niedlich und harmlos war. „Thank you, it's ok“, sagte sie deswegen und weil sie nicht unhöflich sein wollte, lächelte sie. Obwohl der Griff immer noch aus dem Koffer ragte, war der Mann offenkundig stolz auf sich und froh über das Lächeln. Seltsam, wie freundlich heute alle sind, dachte sie. Da war keinerlei Hektik zu spüren, wie sonst am Flughafen.

Auch die Abtaster und Durchleuchter von der Sicherheitskontrolle. Als die Tasche der Kleinen durchleuchtet wurde, drehte sich die Frau am Bildschirm gerade zu ihrem Kollegen und die beiden lachten. Dass die Kleine noch Deospray im Handgepäck hatte, schien keinen zu stören. Es kam wahrscheinlich auch nie vor, dass solche Versehen tatsächlich unangenehme Nachwirkungen hatten. Schließlich machte Gelegenheit zwar Diebe, aber wohl keine Terroristen. Anderseits, wer wusste schon wirklich, was in den Menschen vor sich ging.

Erst vor wenigen Tagen hatte die Kleine zum Beispiel eine E-mail von ihrer Freundin M. mit dem Betreff „Hochzeit!“ bekommen. Als sie dieselbe Freundin vor einem halben Jahr zuletzt gesehen hatte, war diese noch Single gewesen. Und dann auf einmal eine „Hochzeit“-mail! Die Kleine hatte schnell nach unten gescrollt. Der Name des Mannes war ihr vollkommen unbekannt. Anstatt ihren ersten Gedanken – Soll das ein Scherz sein? – als Antwort an M. zu schreiben, sprach sie ihrer Freundin auf die Mailbox und bat um Rückruf. Zwei Tage später klingelte ihr Telefon, als sie gerade durch die Fußgängerzone schlenderte. M. hatte, so sagte sie, ihren Seelenverwandten gefunden. Bei einem Trip durch die Toskana. Und obwohl die Kleine sonst nicht gerade zu den Menschen gehörte, denen schnell die Worte ausgehen, war sie sprachlos. Seelenverwandtschaft. Das bedeutete ja eigentlich, dass man in die Seele des anderen gucken kann. Dieser Gedanke erschien ihr gruselig. Sie hatte kein Interesse daran, dass sich jemand, selbst wenn es eine geliebte Person war, wie ein Trüffelschwein durch ihre Seele wühlte. Denn sie war selbstkritisch genug, um zu wissen, dass derjenige dort mitnichten auf irgendwelche edlen Pilze stoßen würde, höchstens auf ein paar Neurosen und Auswucherungen der unschönen Sorte.

Das alles sagte sie ihrer Freundin aber nicht. Stattdessen fing sie an zu heulen, mitten auf dem Marienplatz. M. war darüber nicht weiter verwundert. So reagierten wohl die meisten Menschen, wenn man ihnen erzählt, man habe seinen Seelenverwandten getroffen. Und dann auch noch in der Toskana. Die Kleine aber war verunsichert. Sie war eigentlich kein Fan von Hochzeiten, Romantik, dem ganzen Klimbim. Außerdem hatte sie ja die Wucherungen auf der Seele und war somit kein Kandidat für Ende-Gut-Alles-Gut. Warum heulte sie dann? Musste wohl an Milan Kundera liegen. Der beschreibt Kitsch als ein totalitäres System, das die Hälfte der Welt im Griff hat und die andere Hälfte in den Wahnsinn treibt. Selbst Mädchen wie die Kleine, die eher Dosenbier am Flussufer als Candle-Light-Dinner, sibirische Kälte anstelle von Sonnenuntergängen am Strand mögen, stehen deswegen manchmal in Fußgängerzonen und weinen. Wegen Kitsch und Hochzeit und Seelenverwandtschaft, wegen der Liebe und dem Leben, dem Leben, das manchmal so unerwartet dumme Fragen stellte. Vor allem im November. Und am meisten in dem November, in dem man sich zwar nicht entschlossen hatte, zu heiraten, aber doch mit seinem Freund zusammen zu ziehen.

Ihre Freundinnen, jedenfalls der Teil, der keinen Seelenverwandten hatte, ja, noch nicht mal einen Freund zum Zusammenziehen, also der Teil, zu dem sie selbst bis vor kurzem gehört hatte, fragten manchmal Dinge wie: „Werden wir dich jetzt nur noch mit ihm zusammen sehen?“ Dinge, die sie so absurd fand, dass sie sich bisher noch nicht einmal Gedanken darüber gemacht hatte. Die sie aber jetzt, wo sie einmal ausgesprochen waren, zutiefst verunsicherten. Vielleicht war es ja das, was passierte, wenn man zusammenzog. Was wusste sie schon? Sie, die Kleine, die immer so groß tat und die immer sagte: „Ich hab keine Angst“ und nicht wusste, ob das Mut war oder einfach Dummheit, so wie sie einfach gesagt hatte „Ich will mit Dir zusammenziehen“, ohne zu wissen ob das mutig war oder einfach nur naiv. Einfach nur naiv, anzunehmen, dass man zusammenziehen und trotzdem man selbst bleiben könnte, trotzdem noch Wodka mit den Mädels trinken, Karaoke singen und dann müde nach Hause torkeln. Trotzdem noch den Job in der weit entfernten Stadt annehmen. Trotzdem alleine Urlaub machen. Trotzdem noch mitten in der Nacht 300 Kilometer zum besten Freund fahren, weil der gerade von seiner Freundin verlassen wurde.

Die letzten Wochen hatte sie viel mit ihrem Freund gestritten. Über die Farbe der Küche. Über Kinofilme und Musik. Über die Zukunft der deutschen Gesellschaft. Manchmal kam es ihr dann vor, als seien sie Fremde, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt und würden sich nicht einmal besonders mögen. Die Kleine fühlte sich in diesen Momenten tatsächlich klein. Und stumm. So als hätte ihr jemand den Mund zugeschnürt und eine Stimme aus dem Off zischelte in ihrem Namen Gemeinheiten. Dann konnte sie zwar noch flehende Signale mit den Augen machen, aber sie war sich nicht sicher, ob ihr Freund das auch sah.

Deswegen kam die Reise zu ihrer Freundin S. gerade recht. Neben der Tatsache, dass S. auf einer Mittelmeerinsel wohnte, auf der man um diese Zeit noch prima an den Strand gehen konnte, hatte S. einen weiteren entscheidenden Vorteil: Sie bildete sich nie vorschnell ein Urteil über Menschen, deren Aussagen und die Situationen, in die sie manchmal unverhofft hinein stolperten. Während die meisten Menschen, die die Kleine kannte, stets alles ausdiskutierten, festschrieben, analysierten, nahm S. die Dinge wie sie waren. Sie stellte höchstens Fragen, die entweder zu einer klaren Antwort führen – oder auch nicht. Für die Kleine war S. eine Heldin im Kampf gegen den totalitären Kitsch, eine Revolutionärin, die den Menschen in ihrer Umgebung ein Leben jenseits aller Klischees ermöglichte. Und der man auch getrost erzählen konnte, dass man ein kleines Ungeheuer mit verschnürtem Mund und fieser Off-Stimme war.

S. und ihre Insel empfingen die Kleine genau so, wie sie es erhofft hatte. Mit Sonnenschein und Meeresfrüchten, mit Weißwein und Aperol, einem Basar zum Bummeln und einer Fußgängerzone voller Schuhgeschäfte. Der einzige Nachteil an der Insel, so sagte S., sei, dass sie eine Insel sei. Und genau genommen war eine Insel ja nichts anderes als eine Kleinstadt, die so tat, als sei sie ein Staat. In diesem Fall sogar zwei Staaten, da sich die Bewohner des Nordens und die des Südens schon seit über 30 Jahren mit einer Leidenschaft hassten, die wohl als negative Kehrseite des absoluten Kitsches zu verstehen war. Jedenfalls kannte auf dieser Insel jeder jeden, was zu einer Form von sozialer Kontrolle führte, die der Kleinen aus ihrer Jugend in einer bayerischen Kleinstadt wohlbekannt war. „Ist doch egal, was die anderen denken“, sagte deswegen die Kleine zu S., trotzig wie in alten Zeiten, als sie mit riesigen Hüten, Second-Hand-Röcken und bunten Turnschuhen durch die Kleinstadt marschiert war, als könnte sie allein dadurch ihre Heimat vom Mief der Spießigkeit befreien. S. zuckte mit den Schultern. Sie war in der Nähe von München aufgewachsen, wo sich naturgemäß niemand von einem albernen Hut beeindruckt zeigt, weswegen sie vermutlich auch nie einen getragen hatte. Sie brauchte das ohnehin nicht, weil sie auch so eine Persönlichkeit war, die gelassen und äußerst präsent vor der Kleinen saß.

„Ich war nie cool“, sagte S. plötzlich. Anscheinend waren ihre Gedanken ähnliche Wege gegangen wie die der Kleinen. Jetzt zuckte die Kleine mit den Schultern: „Ist ja auch nicht so wichtig.“ Plötzlich sehnte sie sich nach ihrem Freund. Sie dachte daran, wie er nach einem Streit kurz schwieg, dann die wichtigsten Erkenntnisse noch einmal zusammenfasste, und zwar laut, so dass sie sich vorkam, wie am Ende eines Vortrags, obwohl sie es meistens war, die viel mehr redete, nein, eigentlich schimpfte. Das war eigentlich sehr uncool. „Glaubst Du, man verändert sich, wenn man mit seinem Freund zusammenzieht?“ fragte die Kleine ihre Freundin S. „Du wirst Dich nicht verändern“, sagte S., „nur Dein Leben.“

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