Von der Pille und den Spin Doctors
Wie das ist, wenn man keine Pubertät hatte.
Sie ist gerade zwölf Jahre alt geworden. Sie liebt Pferde, Zeichentrick-Serien und ihren Hund Binni. Sie ist ein blondgelocktes, glückliches Mädchen; auf dem Dorf aufgewachsen, sie hat ein Urvertrauen in die Menschen. Sogar ihre Eltern sind noch zusammen.
Ein Schulwechsel steht an, von der Orientierungsstufe, die ein Dorf weiter südlich liegt, auf das Gymnasium in die Stadt- 10 Kilometer außerhalb. Sie hat ein kleines bisschen Bauchschmerzen, wenn sie daran denkt: Weil sie niemanden aus der neuen Klasse kennt, weil sie jetzt jeden Morgen mit dem Bus in die Stadt fahren muss, weil ihre Freunde nicht dort sein werden.
„Du wirst bestimmt schnell neue Freunde finden.“ versucht ihre Mutter sie zu beruhigen. Sie glaubt ihr.
Als sie am ersten Schultag nach den Sommerferien, die sie mit ihrer Familie und Binni in Dänemark verbracht hat, in die Klasse kommt, ist noch niemand da. Sie setzt sich an einen Tisch und wartet. Nach und nach trudeln die neuen Mitschüler ein. Sie wird kaum beachtet, kaum jemand möchte wissen, wer sie ist. Und sie traut sich nicht, mitzuteilen, wer sie ist. Sie vermisst ihre alten Freunde, sie vermisst sogar ihre alten Lehrer.
In der ersten Pause läuft sie allein über den Schulhof, an den anderen vorbei, die in kleinen Grüppchen zusammenstehen und über die neue Schule sprechen. Sie wünscht sich, eines Tages bei ihnen zu stehen, mit ihnen zu reden. Aber sie traut sich nicht, zu ihnen zu gehen. Sie ist ein schüchternes Mädchen.
Bevor der Unterricht beginnt, wenn alle im Raum sind und nur noch der Lehrer fehlt, hört sie den Gesprächen der anderen zu. Sie reden über die Pille und die Spin Doctors. Sie weiß in beiden Fällen nicht, was das ist, sie ist eben noch ein Kind.
Also redet sie nicht mit und bleibt allein.
Wenn einer immer allein ist, fällt das schnell auf.
Sie wünscht sich so sehr, von den anderen beachtet zu werden, wäre gerne so wie sie, so erwachsen. Eines Morgens hatte sie Puder aufgelegt, weil sie mitbekommen hatte, dass manche Mitschülerinnen das so machen.
Sie schien es falsch gemacht zu haben. Jeder, der an diesem Morgen in die Klasse kam, lachte sie aus, zeigte mit dem Finger auf sie.
Hinter ihrem Rücken steckten sie die Köpfe zusammen, bemühten sich aber nicht, zu flüstern.
„Die ist so hässlich!“ „Peinlich so was!“
Sie dachte nur, dass sie sich von nun an noch mehr Mühe geben musste.
Mama musste Levi’s Jeans kaufen und sie selbst las die BRAVO, weil sie doch wissen musste, wer die Spin Doctors sind und wozu man die Pille braucht.
Sie versuchte, mitzureden. Darüber, welcher Typ aus der Oberstufe gut aussah.
Aber es wurde nicht besser. Im Gegenteil.
Die anderen lachten. „Du wirst sowieso nie einen Freund haben, weil du so eklig bist.“
Sie fanden heraus, dass ihre Mutter Lehrerin war.
„Ich kenn einen, der auf die Schule geht. Der macht die fertig!“
„Haben die nicht auch nen Hund? Den verbrennen wir!“
„Dass so eine sich überhaupt auf die Straße traut..."
Die Angst äußerte sich in Bauchschmerzen- jeden Morgen. Manchmal blieb sie zuhause. Abends träumte sie sich in eine Fantasiewelt, in der sie Freunde hatte.
Sie ging jeden Tag stundenlang mit Binni in den Wald und erzählte ihm, was sie mit ihr machten. Sie sagte es niemandem sonst, dazu schämte sie sich viel zu sehr für die, die sie aus ihr gemacht hatten. Sie weinte alles in Binnis dichtes Fell.
Im Unterricht wurde sie schlechter. Wann immer sie sich meldete und etwas sagte, hörte sie ihr Lachen. Verstohlen und zu leise, als das der Lehrer es hätte hören können. Sie hörte es, immer und überall.
Also hörte sie auf, sich zu melden. Sie hörte auf zu sprechen. Wenn ein Lehrer sie aufforderte, etwas vorzulesen, verschwammen die Buchstaben vor ihren Augen und sie blieb still. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen. Es folgte ein Zeugnis voller Fünfen. Aber niemand fragte nach. Nicht einmal ihre Eltern, sie dachten, das sei bloß eine Phase, wegen des Schulwechsels.
Die Bauchschmerzen wurden schlimmer, waren kaum noch zu ertragen, sie musste zum Arzt.
„Wie lange hast du denn jetzt schon Bauchschmerzen?“
„Ungefähr ein Jahr.“
Der Arzt lachte, hatte wahrscheinlich eine Antwort wie „Etwa drei Tage“ erwartet. Er fragte aber nicht weiter, sondern verschrieb ein Medikament. Sie nimmt es bis heute.
Die Mitschüler lachten weiter, beschimpften weiter, drohten weiter. Sie hingegen überlegte immer und immer wieder, was sie denn bloß tun könnte, damit sie sie endlich mochten. Sie hatte sich doch inzwischen sogar die CD von den Spin Doctors gekauft, auch wenn sie viel lieber Bibi Blocksberg hörte.
Sie wurde 13, sie wurde 14.
Sie sprach doch schon nicht mehr, trug die teuren Klamotten und schaute niemanden mehr an, wie konnten sie dann immer noch etwas Ekliges an ihr finden? Immer, wenn sie Klasse betrat, lachten alle.
„Guck mal, das Ekel traut sich immer noch hierher.“
Wenn man einem Menschen jahrelang jeden Tag erzählt, dass der Himmel rosa ist, dann ist der Himmel für diesen Menschen eines Tages rosa.
Sie fand sich jetzt auch eklig, hässlich und spürte, dass sie nichts wert war. Sie hatte überhaupt kein Recht, da zu sein.
Das Kind in ihr war tot.
Mit ihren 12 Jahren hatte sie schlagartig erwachsen sein müssen, obwohl sie noch lange nicht bereit dafür gewesen war. Sie fühlte nicht mehr, wer sie war, weil sie sich andauernd verstellen musste. Sie tötete alles in sich ab, was Anlass dazu geben konnte, aufzufallen.
Sie wurde fünfzehn.
Und plötzlich änderte sich alles.
Sie hatte eine Freundin gefunden. Die war schon 18, schon groß. Sie war der Dorfpunk. Sie wollte so sein wie sie, so stark.
Also färbte sie ihre blonden Haare schwarz, warf die Levi’s Jeans weg und zog stattdessen zerschnittene Hosen und Papas alte Bundeswehr-Jacke an, und ließ sich piercen.
Seitdem war sie cool. Niemand sagte mehr etwas schlechtes über sie, jetzt wollten sie ihre Freunde sein.
Sie sprach nun wieder, sie sprach sogar viel. Sie wurde der Klassenclown, sie war die erste in der Klasse, die total betrunken von einer Party abgeholt werden musste. Sie knutschte mit den coolen Typen aus der Oberstufe, fing an zu rauchen und über Politik zu fluchen.
Heute ist sie wieder blond.
Dank einiger Therapien hat sie es geschafft, sich dem Leben zu stellen.
Ihr Hund Binni ist vor einigen Jahren gestorben und sie nimmt immer noch Tabletten gegen Bauchschmerzen. Sie schämt sich, wann immer sie etwas tut, worüber die Mitschüler damals gelacht hätten.
Es fällt ihr manchmal immer noch schwer, sich im Büro zu Wort zu melden, wenn das Gefühl von früher wieder auftaucht.
Wenn sie Menschen lachen hört, tut es ihr weh.
Wenn irgendwo jemand hinter ihr sitzt, hört sie immer noch manchmal das hämische Lachen.
Jetzt ist sie erwachsen.
Irgendwann fand sie nach einem Umzug in einer alten Kiste die CD der Spin Doctors wieder. Ihr Gesicht spiegelte sich im CD-Cover. Sie sah das Kind von damals, und alles in ihrem Bauch krampfte sich zusammen. Mit der bloßen Faust schlug sie so lange auf die CD ein, bis sie in Splittern vor ihr auf dem Boden lag.
Jetzt hab ich mit euch gemacht, was ihr mit mir gemacht habt!
In den Splittern spiegelte sich das hereinscheinende Sonnenlicht und lachte sie aus.




Kommentare
krass.
07.05.2008, 21:50 von revolutionaerempfehlung (: