jonathanH 14.07.2005, 02:10 Uhr 17 2

Vom Suchen und Suchen

Etwas zu verlieren ist ein mieses Gefühl. Vor allem, wenn es etwas wichtiges ist. Ich habe mich selbst verloren. Also mache ich mich auf die Suche.

Irgendwo auf dem Weg habe ich mich selbst aus den Augen verloren. Jetzt bin ich auf Suche. Wenn ich nur wüsste, wie ich aussehe. Ein Steckbrief wäre hilfreich.

Meine Mutter hat mir mal geraten, am Anfang einer Suche zu überlegen, wo man das Gesuchte zuletzt gesehen hat. Wann habe ich mich das letzte Mal gesehen? Irgendwie vermag ich diese Frage nicht zu beantworten. Also versuche ich es mit trial-and-error. Wo könnte ich mich verloren haben? Meine Ex-Freundin könnte etwas damit zu tun haben. Wir waren fast sechs Jahre zusammen. Hat sie vielleicht einfach einen Teil behalten? Oder vielleicht hat sie sogar einen Teil verändert, so dass ich mich selbst nicht mehr erkennen würde, selbst wenn ich mir begegnen würde. Man stelle sich das vor: ich begegne mir und erkenne mich nicht. Wie wunderlich.

Na dann kann ich lange suchen. Also vergesse ich das mal und versuche mir selbst mit anderen Vermutungen auf die Schliche zu kommen. Ist es mein Studium? Jetzt stöhnen sicher alle – "wieder einer, der Bwl studiert". Aber ich finde mein Studium reichlich langweilig. Aufgegangen bin ich darin sicher nicht. Aber warum studiere ich das eigentlich? War ich noch ich, als ich beschlossen habe, dieses Fach zu studieren? Oder war das schon, als ich mich verloren hatte? Studiert mein ich vielleicht etwas ganz anderes? Vielleicht sollte ich das Fach wechseln.

Ich komme nicht darauf, an wen ich mich verloren habe, also überlege ich mir mal, wo es wohl war. Und wieder denke ich ans Studium. Habe ich es beim Umzug in die neue Stadt vielleicht zu Hause vergessen? Aber ich war ja auch ab und zu dort. Gefunden habe ich mich da nicht. Ich bin verzweifelt.

Es ist der Frühling des Jahres 2005 als ich mich auf eine Reise begebe, um mich selbst zu finden. Es hat mich allerlei Überwindung gekostet, mein Studium zu unterbrechen und die vertraute Umgebung zu verlassen, um mich suchen zu gehen. Aber ich habe es gewagt. Wo soll ich suchen? Welche Möglichkeiten habe ich? Da die Möglichkeiten unbegrenzt scheinen, werde ich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu suchen beginnen. Meine Wahl fällt also auf Kalifornien. Da der Amerikaner im Wahn der Paranoia Europäern wie mir nur neunzig Tage visafreien Aufenthalt genehmigt, will ich dort also für drei Monate nach mir suchen. Und wenn ich nicht fündig werde, kann ich es immer noch woanders probieren. Dort angekommen wird mir klar, dass die Möglichkeiten, dort ohne ein Auto etwas zu suchen, mehr als nur beschränkt sind. Es ist schier unmöglich. Also beschaffe ich mir ein Auto und fahre los. Nach einer Weile muss ich halten – kein Wort wäre passender, denn ich habe den Halt verloren. Ich sollte besser aufpassen – mir gehen zu viele wichtige Dinge verloren, so zerstreut bin ich. Ich halte also an. Auch den Halt kann ich aber nicht wieder finden.

Ich muss weinen. Jetzt stehe ich also mit einem Auto, ohne Halt mitten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, bin auf der Suche nach mir und dem Halt und kann nicht mal richtig sehen, weil ich Tränen in den Augen habe.

Heute werde ich also nicht mehr fündig, darum beschließe ich, auf Morgen zu warten. Die Tage und Ereignisse wiederholen sich. Mir geht langsam auch die Zeit verloren. Warum bin ich eigentlich ausgerechnet hier, um mich zu finden? Wie kam ich auf die Idee, hier fündig zu werden?

Einige Tage später sitze ich also wieder in einem Flugzeug, um mich und den Halt an einem anderen Ort zu finden. Hier scheint es irgendwie leichter, wenigstens wird der Blick wieder klarer. Nach ein paar Tagen habe ich es satt, ständig nur zu suchen und beschließe, mich erstmal ein bisschen auszuruhen und später weiter zu suchen. Vielleicht lag die Leichtigkeit der folgenden Tage am Strand – wie ich. Nachdem ich mich wieder auf die Suche gemacht habe, wird der Blick wieder trüber, die Tage länger und anstrengender und ich beschließe, dem Land mal unbegrenzt die Möglichkeiten aufzuzeigen und zu Hause weiter nach mir und dem Halt zu suchen. Noch vor meiner Rückreise, dämmert mir langsam, dass ich am falschen Ort gesucht haben muss.

Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Eigentlich hätte ich früher darauf kommen müssen. Egal wo ich war, habe ich immer einen kleinen Teil mehr von mir selbst finden können. Dass ich mich nicht finden konnte, lagwohl am ehesten an dem Chaos, das in mir herrscht. Ob ich in all dem Gerümpel von Verdrängtem und Aufgeschobenen untergegangen bin oder mich darin versteckt habe, weiß ich nicht. Aber ich habe angefangen aufzuräumen. Chaos herrscht noch immer, aber ich habe mich zwischen Abschiedsschmerz, Sinnfragen, Ziele, Selbstkritik, neuer Liebe, Ängsten und Träumen wieder gefunden.

Es wird sicher noch einige Zeit brauchen, bis wieder Ordnung herrscht, aber ein Anfang ist gemacht. Die Träume stehen jetzt wieder am rechten Fleck und rücken die Ängste wieder ins Gleichgewicht. Den Abschiedsschmerz habe ich überwunden, ich bin jetzt endgültig und aufrichtig bereit für die neue Liebe. Die Selbstkritik muss ich konstruktiv zu nutzen versuchen, die Ziele wollen neu erfunden werden und irgendwie macht dann sicher auch alles wieder Sinn. Um ehrlich zu sein, bin ich erschrocken, als ich mich wieder gefunden habe. Mittlerweile habe ich mich wieder ein bisschen aufgepäppelt und kann mich wieder ganz gut leiden. Ich bin froh, dass ich bemerkt habe, dass ich mir selbst abhanden gekommen war – sonst hätte ich vielleicht nie zu suchen begonnen, einfach weiter gemacht und es wäre immer schwieriger geworden, mich wieder zu finden.

Es ist nun Sommer und ich passe mein Leben dem "neugefundenen Ich" an. Ich werde mein Studium abbrechen und ein anderes beginnen. Der BWLer in mir klagt über den Bruch im Lebenslauf. Mein Ich kann da nur milde lächeln. Wenn das mal gut geht...

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    wenn man geht hat man meistens einen Grund... ich bin gegangen und habe mich in Schottland wieder gefunden, in der Ruhe und auf den grünen Wiesen zwischen Schafskötteln hab ich wohl gewartet, bis mein Körper endlich ankam und kapiert hat, wie viel mir von mir selbst gefehlt hat. Jeder hat so seine eigenen Methoden. Schön, dass manche Menschen es schaffen auf ihr Gefühl zu hören und sich noch auf die Suche begeben ohn ezu resignieren.
    Liebe Grüße.

    Ps: Hat mich auch 2 Semester gekostet, aber ich sag dir, das ist es immer Wert!

    10.08.2005, 23:01 von ceraine
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    Hej, echt schöner Artikel - schreibst mir gerade aus der Seele. Bei mir sieht es gerade ähnlich aus: Komme auch gerade aus einer langen Beziehung und fühle mich so leer wie lange nicht mehr. Die aktive Suche nach etwas mehr Inhalt in meinem Leben schleppt sich gerade noch so dahin... . Würde mich interessieren, was dich zu deinem neuen Ich hingeführt hat... . Verätst du es mir? Und sage nun bitte nicht DIE ZEIT... .

    Lieben Gruß,

    Vernita

    08.08.2005, 10:34 von Vernita
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    Hi Jo:-)

    Wunderschöner Text. Sehr sensibel und doch kurzweilig erzählt! Ein wahrer Lesegenuss!
    Befinde mich in ähnlicher Situation, bzw. in der Vorbereitung zur großen Suche.
    Statte mich gerade mit Landkarte, Kompass etc. aus: Kleinanzeige habe ich schon aufgegeben,ohne Erfolg. Auspendeln hat nich auch nich geklappt, so`n Mist.
    Werde die Verfolgung jetzt aktiv in die Hand nehmen...
    Lg Ali


    06.08.2005, 11:52 von Ali83
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    wirklich sehr schöner text, in dem ich mich gut wiederfinden kann.... äh ja.... unabsichtliches wortspiel... :-)

    ich habe auch das gefühl mich irgendwo verloren zu haben, nur bei all dem chaos weiß ich nicht einmal wohin ich loslaufen soll zum suchen....

    und um hier unpassend und dazu noch unoriginell zu sein: nettes lächeln!!! :-)

    viel glück weiterhin und mit deinem neuen studium und pass gut auf dich auf, man geht immer leicht verloren heutzutage,
    Lisa

    02.08.2005, 19:34 von nachtblind
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      @nachtblind lauf los. egal in welche richtung. vergiss das bild von dir und sei offen für alles, worin du dich wiederfinden kannst.

      zu dem lächeln: ich habe auf meiner reise viele fotos von mir selbst (arm ausstrecken, abdrücken) gemacht. dieses gesichts-tagebuch erschreckt mich heute. das bild ist spät entstanden. kurz nach dem tiefpunkt, ganz unten auf dem weg bergauf.

      lauf, nachtblind, lauf!

      03.08.2005, 01:53 von jonathanH
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      @jonathanH ja, aber eigentlich witzig bei den Amis nach sich zu suchen, irgendwie ein kleines Paradoxon...

      03.08.2005, 11:03 von Cachoeira
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      @[Benutzer gelöscht] Ich studiere ab Oktober Informatik. Das passt nullkommagarnicht zu BWL. Das wollte ich vorher auch schon machen, bin dann über "ich mache beides" bei der BWL gelandet.
      Ob es richtig ist, weiß ich natürlich nicht. Die Zeit wird es zeigen...

      03.08.2005, 01:50 von jonathanH
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    Bravo! Korrekte Entscheidung! Du hast nur ein Leben!

    27.07.2005, 18:54 von gunatm
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