Vom emsigen Lächeln in der kleinen Pause
...und vom Stehen und Gehen, Schauen und Staunen, Ruhen und Eilen, von der Pausenaufsicht und von dir, PTFSmile, als du geantwortet hast:
"Ich war bereits dort, wo andere noch hinwollen. Ich bin die Treppen rauf, hab mich umgeguckt, nur konnte ich dort trotz großem Glanz und noch pompöserem Gloria nicht lächeln. Es ist grausam da und kalt und alles denkt an Geld, selbst in den Augen der Kinder flackert diese Währung, sogar, wenn die Leute essen, reden oder sich lieben, denken sie an Geld oder Karriere oder Erfolg und vor allem an mehr. Mehr ist das Zauberwort in dieser überhöhten Welt. Hat man es einmal ausgesprochen, ist man davon so verhext, dass man an nichts anderes mehr denken kann und es beginnt, alles zu überwuchern. Das beste was einem passieren kann ist, man trifft einen Chirurgen, der einem das mehr-Organ mit möglichst wenig Verlusten aus der Brust herausoperiert. So ging es mir auch und da entstand dennoch dieses Loch, das sich mit ein wenig gefüllt hat, dessen größter Feind das mehr ist. Wo aber wenig ist, reibt wenig, stört wenig, sehnt man sich nach wenig, man lebt mit wenig und wenn wieder ein mehr einen blendet, kommt der Phantomschmerz der Operation zurück und dann ist man schnell geheilt von der großen angebeteten Erfahrung, die anscheinend jeder machen muss auf der Jagd nach Glück.
Schlicht betrachtet ist es wundervoll, sich in einem gewissen Alter wie ein Dummkopf zu benehmen. Es ist nachvollziehbar, gesellschaftlich sanktioniert und vom Fiskus abgesegnet, dass man viel wollen muss, denn viel zu wollen bedeutet, das Rad am laufen zu halten, grad so, als wäre das ein verführerischer Dynamo, der einen zum Keuchen bringt. Ein Keuchen, das man mit allerhand anderem Keuchen verwechselt, das ähnlich verläuft, aber aus sanfterem Grund geboren ist. Doch das Lächeln bei dem Keuchen, vor dem ich mahne, ist eher ein Grinsen zu nennen.
Wären die meisten mit wenig zufrieden, das Mehr stürbe aus, und alle lächelten nur noch auf sanfte Weise. Doch wer will schon stets lächelnde Menschen in seinem Reich haben? Aus Sanftheit glücklich lächelnde Leute setzen weniger um, zahlen somit weniger Steuern, sie interessieren sich kaum noch für etwas. Sie sind das Feindbild, ein tatenloser Haufen Bedürfnisloser, ein unbequemer, weil bequemer Dämon, den es auszubremsen gilt mit hübschen bunten Versprechungen, die sich wie verführerische Girlanden auf der Fete des Vorwärts und Rauf entlang schlängeln, um einem das Steigen zu versüßen. Glücklich schätzen muss sich derjenige, solch einen Feind haben zu dürfen.
Man darf die Menschen nicht zu lächelnd machen, lehren Chefs, Politiker und die all dies widerspiegelnden Medien, zwischen den vor den Augen flimmernden Zeilen suggerieren sie einem das, zu viel Lächeln schade nur dem Fortschritt und dem Wachstum, die unbefleckten Heiligen neuzeitlichster Religion. Denn wenn nichts mehr fortschreitet und wächst, bleibt das käufliche Glück auf der Stelle stehen, und die einstmals Gläubigen halten inne, sehen sich einen Baum, eine Wiese oder den Himmel an und lächeln zufrieden, ohne dafür bezahlen zu müssen.
Dann kommen plötzlich ganz schlaue Ordensbrüder in Mode und predigen seelenzerfleischend das neue selig machende Lächeln, moralisieren, dass man öfter mal anhalten und zufrieden lächeln müsse, das wäre gut fürs Herz, die Figur und den Intellekt, aber sie lassen die Stelle weg, die sagt: besonders gut für den Geldbeutel, den großen, globalen sowie den kleinen, eigenen, der wie ein Junkie abhängig ist und längst leer wäre ohne den großen Bruder. Sie sagen, man soll nun so ein Pausenlächeln aufsetzen, kein richtiges, dauerhaftes, rundherum fröhliches, das muss gar nicht sein, passt nicht in die Welt, wozu auch, eben nur so ein Urlaubslächeln, das möglichst künstlich wirkt und viel gekostet hat, denn das schafft die Atmosphäre, die nötig ist, die Menschen bei ihrer Sehnsucht zu halten. Denn wer nicht mehr sehnt, lächelt glücklicher."
Da fror mir mein aufmerksam zuhörendes Lächeln ein, als hätte es jemand mit Erkenntnis schockgefrostet, und ich sah PTFSmile zu, wie sie neben mir im staubdurchtränkten Lichtkegel der Sonne saß und auf ihren Atem lauschte und am Kräutertee nippte und leise seufzend meinte ich, dass so dazusitzen, im Licht zu atmen und lippenbenetzend zu nippen, dass würde ich in der Form wohl niemals hinbekommen.
"Man bräuchte nur die Pausen ein wenig ausdehnen", sagte PTFSmile. "Aber nur mehr Zeit allein bewirkt das nicht. Eher weniger."




Kommentare
"Das beste was einem passieren kann ist, man trifft einen Chirurgen, der einem das mehr-Organ mit möglichst wenig Verlusten aus der Brust herausoperiert."
16.10.2011, 21:53 von dealingwithloveSuper, wirklich sehr schön geschrieben!
versteh ich nicht :(
22.02.2008, 22:24 von freddieIst Lächeln nu gut oder eher nicht?
@freddie
23.02.2008, 09:53 von zzebraDas Nachdenken über diese Frage tut dem Lächeln mit Sicherheit gut.
;)
zz.