Schokoschnuetchen 23.02.2011, 23:01 Uhr 3 1

Viertel nach fünf

Jeden Tag wacht sie um viertel nach fünf auf. Jeden Tag muss sie zum Dienst, oder besser sie will. Es ist eigentlich auch noch kein richtiger Dienst

Es ist ein Studium, Studium mit Praxisanteil, man nennt es heute wohl duales Studium.
Sie ist eine der glücklichen jungen Menschen, die unter über 2500 Menschen ausgewählt wurde, um ihren Traumberuf ausüben zu dürfen.
Sie ist eine der wenigen Frauen in diesem Beruf.

Sie muss weg.
Weit weg von zuhause.
Weit weg von dem Ort, an dem sie aufgewachsen ist, weit weg von ihrer geliebten Familie.
Weit weg von dem Menschen, mit dem sie, seit sie fünfzehn Jahre alt ist, ihr Leben teilt.
Weit weg von den Tieren die sie liebt und weit weg von dem wunderbaren kleinen Ort, den sie Heimat nennt.
Aus dem vertrauten Heim hinaus in die weite Welt.
Man sagt ihr, dass das alles so fantastisch ist, dass sie so stark ist und dass sie dort alleine schon gut klarkommen wird.

Die Wohnung ist hübsch, genau wie sie sie sich immer vorgestellt hat.
Sie ist schwedisch eingerichtet. Mit weißen Möbeln und einem weißen Sofa voller bunter Kissen.
Sie bekommt alles, damit sie sich in der neuen Stadt wohlfühlt.
Die ersten Tage waren für sie so aufregend wie ein neues Leben.

Auf sich alleine gestellt sein.
Für sie ein komisches Gefühl.
Niemand da, der mal kurz Essen kocht, wenn die Zeit knapp wird.
Niemand da, der mal kurz einen Ersatzschlüssel aus der Tasche zaubert, wenn die Tür hinter ihr ins Schloss fällt.
Niemand da, wenn sie was erzählen will.
Niemand da, der ihr mal tröstend auf die Schulter klopft, wenn die neue Situation sie mal wieder zu Boden wirft.

Und dann dieser Dienst, dieses Studium.
Viele Menschen, doch niemanden jemals gesehen.

Doch sie findet schnell Anschluss an die Gruppe.
Den meisten anderen geht es wie ihr.
Sie kennen niemanden, sind alleine.
Sie und die anderen, eine tolle Gruppe.
Nix kann sie nun mehr trennen.
Denkt sie.

Vertrauensvoll redet sie ehrlich über ihre Gefühle und Gedanken.
Sie hätte es lassen sollen.
Sie wurde enttäuscht.
Plötzlich steht sie da.
Im Blickpunkt aller.
Plötzlich ist sie das Lästermaul und die, die über dritte redet.
Sie versteht die Welt nicht mehr.

„Was soll das alles? Wieso ich? Habe ich mich das nicht schon so oft im Leben gefragt? Darf ich nicht einmal Glück haben?“

Von diesem Moment an ist sie still.
Nicht mehr aufgeweckt und keck.
Keinen Spruch mehr auf den Lippen, den sie unbedacht in den Raum wirft.
Wie eine Puppe, die einfach nur noch reagiert.
Welche die Freude an der Gruppe und vor allem das Vertrauen in sie verloren hat.
Wieder einmal.
Mit Freundinnen hat sie nicht viel Glück.
Hatte sie noch nie.

Sie sitzt nun still auf der Stube.
Sie hört die anderen reden.
Reden über dritte.
Sie versucht krampfhaft wegzuhören.
Sie blättert in ihrer Zeitung.
Sie versucht zu lesen, doch die Sätze ziehen an ihr vorbei.
Am liebsten will sie aufspringen und schreien.
Schreien, die anderen sollen aufhören.
Sie sollen aufhören so über andere zu reden und zu urteilen.
Doch sie bleibt stumm.

Den Fehler, die Meinung vor den falschen Leuten zu äußern macht sie nicht noch. Einmal.
Ein falsches Wort, ein falscher Blick.
Und alles kann zu Ende sein.
In diesem Beruf geht es um Teamwork.
Und nur das zählt wirklich.
Für sie eine tolle Grundlage.
Das kann doch nur Spaß bringen.
Denkt sie.
Teamwork, Kraft, Durchhaltevermögen, Kampfgeist, Köpfchen.
Der perfekte Mensch.
Jeder wird beobachtet.
Immer.
Fast immer.

„Teamwork“, denkt sie sich.
Jeder will der Beste sein.
Die Fassade nach außen, von den Meisten in mühseliger Kleinarbeit aufgebaut, beginnt zu bröckeln.
Einer verrät den anderen.
Es gibt immer häufiger Auseinandersetzungen.
Aber sie bleibt hart.
Sie kämpft für ihren Traum.
Sie ist ihrem Ziel so nahe.

Körperlich hat sie nicht viel gegen die anderen zu bieten.
Sie hat keine muskelbepackten Arme.
Sie ist nicht diejenige, die 100 Liegstützen am Tag packt.
Aber sie ist auch nicht die, die einfach aufhört.
Sie kämpft immer.
Immer bis sie vollkommen erschöpft ist.
Auch wenn sie dann schief angeschaut wird.
„Wie, das war´s schon? Da muss aber mehr kommen!“
Sie nickt und nimmt es hin.

Wenn sie abends nach Dienstschluss ihre Wohnung betritt ist sie häufig unglücklich.
Sie setzt sich nicht auf ihr kuscheliges Sofa.
Sie schaut nicht auf die Bilder an der Wand.
Sie schmiert sich keine Brote für den nächsten, anstrengenden Tag.
Sie geht ins Bad, zieht sich um und geht in ihr Bett.
Sie stellt sich ihren Wecker auf viertel nach fünf und versucht zu schlafen.

Doch da ist ja noch etwas.
Da ist noch die Familie in der Heimat.
Manchmal telefoniert sie noch.
Dann geht es häufig darum, was sie an diesem Tag mal wieder nicht alles geschafft hat.
Dann sind alle sauer.
Sie kann nicht erklären, wie anstrengend und kräftezehrend es für sie jeden Tag ist.
Sie versucht es, aber sie wird häufig nicht verstanden. Jedenfalls nicht richtig.
Natürlich gibt es auch tolle Tage für sie, wo sie dies auch schildert und sich alle mit ihr freuen.
Die schlechten Tage lässt sie häufig einfach aus.
Am nächsten Tag wird alles besser und sie kann wieder schöne Geschichten erzählen.

Dann ist da ja noch jemand.
Der wichtigste für sie.
Der, der immer da sein wollte.
Der, der sie immer schützen wollte.
Der, der sie auf ewig liebt.
Der, dem sie ihr Leben offenbar hat.
Der, der ihre Ängste kennt.
Der, der sie versteht.

Jedenfalls war er das mal.
Als sie sich noch jeden Tag gesehen haben.
Als sie noch nicht durch 200 km getrennt waren.

Für sie ist er immer noch die Liebe ihres Lebens.

Aber was ist sie für ihn?
Er sagt, es sei immer noch das gleiche.
Doch warum ist auf einmal alles so furchtbar kompliziert?
Wieso so viel Streit?
Wieso fällt ihm ein einfaches Telefonat so schwer?
Wieso antwortet er auf keine ihrer Karten, welche sie liebevoll beschreibt und absendet?
Wieso ist ihm so vieles wichtiger?
Und wieso ist er, wenn das wirklich alles wichtiger ist, nicht ehrlich?
Vielleicht hat er Angst, dass er plötzlich alleine ist.
Das kann nur er selber wissen, doch sie ist immer furchtbar traurig, wenn etwas wieder nicht so klappt, wie sie es sich vorgeträumt hat.
Sie weiß nicht, was so schwer daran ist, jemanden zu vermissen, den man liebt.
Wieso bringt er das nie zum Ausdruck?
Ist es die Entfernung, die ihn so unnahbar und gefühllos wirken lässt?
Ist es sein Ausdruck vom Vermissen?
Oder vermisst er sie vielleicht gar nicht?

Wenn sie darüber nachdenkt, dann wird sie ganz ruhig.
Noch ruhiger, als sie es ohnehin schon ist.
Dann schaut sie sich doch die Bilder an der Wand an.
Ein glücklich grinsendes Pärchen.
Ein Pärchen mit Hund.
Ein Pärchen mit Pferd.
Ein Pärchen mit Grimasse.

Dann muss sie manchmal lachen.
Oder weinen.

Wenn der Tag dann vorüber ist, dann macht sie sich so ihre Gedanken.
Sie kämpft weiter für ihren Traum.
„Morgen wird ein toller Tag!“, sagt sie sich und schließt die Augen.
Wenn sie aufwacht ist es viertel nach fünf.
Der Tag beginnt.

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3 Antworten

Kommentare

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    es scheint schwer zu gehen alles richtig zu machen, dein text zeigt es! ich wünsche glück für ein besser werden... ich find, schön geschrieben.

    25.03.2011, 19:00 von missnormal
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    du sprichst mir teilweise aus der seele....gut geschildert dein gefühlsleben gerade...ja diese schwierige zeit des erwachsenwerdens kennt glaube jeder...sich da durchzukämpfen und das richtige zu tun ist oft nicht immer leicht...

    24.02.2011, 18:26 von Vanilleloverz
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    Schön, dass du dir deine Gefühle von der Seele geschrieben hast. Es gefällt mir gut. Zumal der Text immer spannend bleibt und zum weiterlesen animiert, obwohl der Schreibstil nach einer Zeit ein wenig monoton wirkt.
    Es ist eine schwere Zeit. Der Sprung zwischen Abitur und Studium ist groß. Auch dieser Zwiespalt. Auf der einen Seite freut man sich über die Chance und möchte nicht undankbar sein. Auf der anderen Seite, wünscht man sich einfach sein Leben zurück, so wie es war. Am liebsten würde man es für immer festhalten. Aber das geht nun mal sehr schlecht. Das ist eins der schwierigen Dinge am Erwachsen werden.

    23.02.2011, 23:32 von khadija
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