Klitzekleinste 30.11.-0001, 00:00 Uhr 34 70

Verlierer

Ich hab nie an etwas festgehalten. Jede Freiheit hab ich mir genommen, aber an unserem Spiel häng ich.

Ich halte den beigen Umschlag in der Hand, auf den du meinen Name und meine Adresse mit einem braunen Stift geschrieben hast. Schön sieht das aus. Du hast ein Auge, für das Schöne. Deine Schrift würde ich unter tausenden erkennen. Ein Lächeln macht sich in meinem Gesicht breit. Ich muss zugeben, ich habe drauf gewartet von dir zu hören. Es wird Zeit, denn so langsam sollten wir das Finale feiern. Mir wird öde in meinem Alltag ohne dich. Du fehlst und ich hab genug Kraft für den nächsten Kampf gesammelt. Auf gehts.

Ein Brief also. Es scheint dir, wie immer, ernst zu sein. Ich werde ihn später öffnen und mich in Ruhe an deine Zeilen machen. Sorgfältig räume ich meine Einkäufe weg, mache mir einen Kaffee. Die Sonne scheint hinein und taucht alles in goldiges Licht. Ich nehme den Umschlag in die Hand und setze mich aufs Sofa. Ich öffne den Brief und begreife, dass es ernst ist. Ernster als gedacht.

Es ist ewig her, dass du vor mir gestanden hast. Geblendet von der Sonne, verliebt in unseren ersten Sommer. Es hat gekribbelt und uns immer wieder gereizt. Unsere Küsse waren magischer, unsere Berührungen leidenschaftlicher, unsere Beziehung schmerzhafter. In jedem Augenaufschlag hat sich Zweideutigkeit versteckt. Das war immer so.

Wir haben schon soviele Sommer zusammen erlebt, uns in jedem Frühling aufs neue ineinerander verguckt. Uns durch die Winter gestritten, manchmal viel zu lange geschwiegen. Ganze Monate liegen zwischen unseren Momenten, zwischen unseren Jahren. Aber vielleicht war das gut so, weil es einfach keine Worte gab für etwas, das nie zu enden schien, aber ebensowenig den rechten Weg fand .

Das Papier hat eine interessante Haptik. Es ist ganz uneben. Unruhig, wie ich jetzt. Ich klappe die Karte auf. Das ist es, was du mir mitteilen willst in einem Brief, der mich lächeln ließ? Nach kurzer Starre, nach dem ersten Schock, atme ich tief durch. Fast hätte ich vergessen zu atmen. Vielleicht wär ich einfach erstickt beim Gedanken an uns. 

Mir wird übel beim Gedanken dran, was wir gegeben haben. Wir haben uns anscheinend was vorgemacht. Das haben wir nicht mal gemeinsam getan, sondern jeder für sich. Jeder hat an seinem Süppchen gekocht und gewürzt. Manchmal hab ich zuviel Salz genommen. Du dagegen hast nicht mit Chili gegeizt. Zwischenzeitlich hab ich mir gewünscht, dass uns alles verkocht und verdunstet.

Ich hab nicht immer an dich gedacht, das gebe ich zu. Aber ich hab nie ganz vergessen. Das ging mir oft so mit dir: ich ging verschiedene Wege, über Stock und Stein, mal bergauf, mal bergab, rannte durch den Wald und durch das Tal und am Ende eines jeden Umwegs bin ich wieder bei dir gelandet. Schade, wir sind nie angekommen. Und mit jedem deiner Fehler wurde zwar mein Umweg größer, das Ziel aber bist du geblieben. Meine Wege führten mich zu anderen Männern, deine dich zu anderen Frauen. Ich dachte, sie wären Komparsen im großen Ganzen?!

Es wird leichter. Die Realität kommt langsam, aber sicher zurück. Sie kriecht durch meine Adern, breitet sich aus bis in meine Fingerspitzen. Alles kribbelt, nicht aufregend, eher stechend. Unangenehm, wie viele unserer Begegnungen. Hoffentlich werden Finger und Herz gleich taub.

Es fühlt sich an wie Erleichterung und brennt mir im Herz wie alle Feuer, die es je zwischen uns gab. Feuchte Augen, einmal mehr. Dabei wärst doch eigentlich du an der Reihe um mich zu weinen. Du verstößt gegen die Regeln, die durch Gewohnheit zum Gesetz wurden. Ich denk zurück an all unsere kleinen, großen Geschichten und Momente und bin fast ein bisschen dankbar, dass es vorbei ist. Oder ist diese Freiheit nur ein Trostpreis? Läutest du damit das nächste Level ein? Da geh ich nicht mit. Ich steig aus. Ich lass los.

Die wenigen Zeilen in der Karte beschließen unser Ende. Du willst, dass ich zusehe, wie du einer anderen Frau das Ja-Wort gibst? Dass ich schweige, wenn nach Einwänden gefragt wird? Ich könnte schreien grad, aber bleibe stumm und fühl mich taub, endlich. Das wars also. Es ist vorbei, weil wir uns wohl gegenseitig nicht tragen können. 

Ich stell mir vor wie die Glocken läuten. Unsere Beerdigung - der schönste Tag deines Lebens. Damit hab ichs wohl verloren, unser Spiel ums Herz.

Ich dachte, sowas passiert mir nicht. Ich dachte, ich wäre die Spielemacherin. Ich hab mich verschwendet, mein Herz verschlossen für das, was mich jetzt glücklich machen könnte und hab es gar nicht gemerkt.

70

Diesen Text mochten auch

34 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    "Ich
    dachte, sowas passiert mir nicht. Ich dachte, ich wäre die
    Spielemacherin. Ich hab mich verschwendet, mein Herz verschlossen für
    das, was mich jetzt glücklich machen könnte und hab es gar nicht
    gemerkt."
    - zu wahr.. Vielen Dank!

    09.05.2014, 14:39 von HNA_H
    • Kommentar schreiben
  • 2

    chapeau

    01.12.2013, 07:17 von maerz_hase
    • Kommentar schreiben
  • 1

    "...weil wir uns wohl
    gegenseitig nicht tragen können."


    großartig... danke!

    26.11.2013, 12:12 von FraeuleinHase
    • Kommentar schreiben
  • 5

    Irgendwie das, wovor wir doch alle Angst haben, 


    das wir irgendwann sehen, wer der richtige Mensch in unserem Leben gewesen wäre und das es dann zu spät ist.

    Wundervoll geschrieben, geht mir direkt ins Herz und erzeugt Angst :-)

    23.11.2013, 15:19 von Ferdinand28
    • Kommentar schreiben
  • 3

    Ganz wundervolle Worte hast du da zu einem doch sehr schmerzhaften text zusammengebastelt. Hat mich wirklich tief bewegt und auch wenn ich noch nicht viel Ahnung habe, so fühle ich es doch besser nach als einem lieb sein kann.

    04.11.2013, 15:24 von SakiSuspicious
    • Kommentar schreiben
  • 1

    Tut im Herzen weh, das zu lesen..

    04.11.2013, 01:03 von Blumenmaedchen123
    • Kommentar schreiben
  • 2

    Ich frage mich, wann sie eigentlich gelebt hat, oder nur dafür, dass sie sich etwas vorstellte, was gar nicht mehr ist. Es ist ja ein Zeitraum dazwischen, dass er heiratet und sie noch immer an das Spiel zwischen ihm und sich selbst geglaubt hat. Da ist wohl was völlig an ihr vorüber gegangen.

    02.11.2013, 15:09 von marco_frohberger
    • Kommentar schreiben
  • 4

    hach ...

    Und mit jedem deiner Fehler wurde zwar mein Umweg größer, das Ziel aber bist du geblieben.

    31.10.2013, 10:42 von Zauber_Bar
    • Kommentar schreiben
  • 4

    Gefällt mir irgendwie.

     

    Gut geschrieben und auch wenn mir sowas nie wiederfahren ist, kann ich mich da doch ein bisschen einfühlen.

     

    Dieses ambivalente Gefühlsleben ist in so einer Situation sicher einfach nur zutiefst menschlich.

    30.10.2013, 13:49 von Pixie_Destructo
    • Kommentar schreiben
  • 8

    Alter Schwede... die Ex zur eigenen Hochzeit einladen... also, der Typ scheint ja echt Eier zu haben...

    30.10.2013, 10:16 von Tanea
    • 0

      Vielleicht wollte er ne volle Kirche... :-D

      30.10.2013, 12:02 von jebus
    • 0

      Regel 10. Stay away from Drama and Negativity. Da kommt bei niemandem Hochzeitsstimmung auf....

      30.10.2013, 14:42 von Thoooo
    • 0

      Ich finde das nicht generell schlimm. Wenn man noch befreundet ist und keine Gefühle mehr im Spiel sind...

      01.11.2013, 13:45 von Yangus
    • 0

      @ Yangus... danach sieht es in diesem Text aber definitiv nicht aus ...

      01.11.2013, 14:44 von Tanea
    • 0

      In der Tat. Hier hätte man sich das wohl verkneifen können. Allerdings kennt man ja die andere Perspektive nicht. Und Absagen kann man ja immer noch..

      02.11.2013, 11:30 von Yangus
    • 0

      Den Nachthimmel zu geniessen ist wunderbar. Der Fantasie, einfach freien Lauf lassen... Ich tue es. Stelle mir vor, was wäre, wenn der Himmel immer nur zwei farben hätte.... das ganze Leben lang....

      Eine schwarze und eine weisse Wolke ? Hey...  Grautöne als erster Schritt! Das gefällt schon besser..  ... Schöne Fotos in Grautönen. Aber für immer ? Alle Bilder auf NEON nur in grau - Das würde nicht funktionieren. Ich mag NEON in Farbe...

      06.11.2013, 23:37 von Thoooo
    • 0

      Ich finde sie einfach nur einmalig !

      08.11.2013, 11:16 von Thoooo
    • 0

      ...Ein schönes Bild, das es gilt - los zu lassen. Niemand ist perfekt und es anzustreben macht es nicht besser. Lass los, was Dich kaputt macht...

      08.11.2013, 13:29 von Thoooo
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare