Vergebung - ein hinterhältiges Wort
Das Pflaster ist ab. Wunde verheilt. Immer wenn es regnet tut’s noch ein bisschen weh.
Heute hab ich einen Job, eine eigene Wohnung und einen Dispo. Das alles hatte ich damals noch nicht. Fühle mich sehr erwachsen in meinem schwarzen Mercedes Kombi, der die 1980er Jahre schon miterlebt hat. Bin auf dem nach Hauseweg der raus aus der Stadt, quer über die Autobahn und wieder rein in die Stadt führt.
Heute ist es wieder mal sehr spät geworden, aber wenn Frankreich unzufrieden, die Entwürfe noch nicht fertig und der passende Slogan in meinem Gehirn verstecken spielt – dann geht halt nichts mehr – und ich nicht nach Hause! So trage ich mein Schicksal mit unzähligen anderen Autofahrern die hier, kurz nach 21 Uhr, auf der A81 genervt aufs Lenkrad sabbeln und im Stau stehen.
Mein Radio rauscht ein wenig, da es unaufhörlich hernieder prasselt – und mein Radio steht auf Kriegsfuss mit dem Regen. Und wer muss es ausbaden – Ich.
Komische Stimmung – das Radio summt leise vor sich hin, der Regen wird immer lauter und Motoren sind nicht zu hören. Da wir seit einiger Zeit stillstehen sind sie nach und nach verstummt.
Fetzen einer so vertrauten Melodie erklingen. Hups. Plötzlich sind sie wieder da. Die Gedankenspiralen. Es sind nun fast zwei Jahre vergangen seit er gegangen ist. Einfach so, ohne große Vorwarnung. Einfach so, aus einer Laune heraus. Selbstverwirklichungspläne. Tja, was soll man da machen? Nichts – Fluten werden ausgeschüttet genau über dem Kopf und kein Regenschirm weit und breit.
Heute ist es gut. Ich sitze hier in meinem Benz habe ein neues Leben und bin glücklich, zufrieden, rein mit mir.
Ich gehe in mich, um zu prüfen ob ich das wirklich bin. Ja. Bin ich.
Habe ich ihm verziehen? Weiß ich ehrlich gesagt nicht. Er hat mich tief verletzt, verraten und verkauft. Kann so etwas verziehen werden? Eine schnelle Antwort hätte ich parat: Ja. Er gehört nicht mehr zu meinem Leben. Ich habe jetzt ein neues – oder mein altes mit neuen Perspektiven. Aber ganz tief drinnen…
Der Stau lockert sich und somit meine Stirnfalten und meine Kupplung, die endlich wieder zum Einsatz kommt. Der Regen hat nicht nachgelassen. Meine Scheibenwischer ertrinken fast in diesem Regenmeer.
Immer wieder kommen diese Momente der Erinnerung. Immer wieder schleichen sich Fragen ein, die sich einfach stellen ohne zu fragen. Dann und wann ergebe ich mich ihnen. Ein anderes Mal schüttle ich sie ab, weil ich der Meinung bin, dass sie nicht mehr relevant sein können. Werde ich je eine Antwort darauf bekommen, ob es einfach jetzt gut ist, einfach fertig und abgehakt? Kann ich nicht verzeihen?
Jedenfalls finde ich, manchmal kann Vergebung ein unglaublich hinterhältiges Wort sein.




Kommentare
Es ist schwer, fromm zu sein, wenn auf gewisse Menschen nie ein Blitzstrahl niedersaust ;)
04.06.2005, 21:23 von Bully@[Benutzer gelöscht] Ich danke Dir meine liebe Anne!
07.06.2005, 15:11 von sunkistwie war wie war, immer wieder schleicht es ins hirn. ich glaube nicht das du ihm verzeihen mußt, du must nur mit dir selber ins reine kommen und irgendwann ist es vorbei und es tut nicht mehr weh. zumindest ist das mein weg. (der allerdings noch nicht zuende gegangen ist) aber das neue leben tut gut!!
01.06.2005, 16:31 von frena@frena mir hat das leben danach auch sehr gut getan und ich habe verschollene Dinge und vergrabene Eigenschaften von mir selbst wiederentdeckt - das ist toll.
02.06.2005, 13:28 von sunkistgeh denn weg zu ende - es lohnt sich.
lg sunkist
"Kann so etwas verziehen werden? Eine schnelle Antwort hätte ich parat: Ja. Er gehört nicht mehr zu meinem Leben." Falsche Schlußfolgerung, welche zeigt, daß Du mit dem Wort "Verzeihen" nicht die eigentliche Bedeutung meinst. Du meinst vielleicht "Vergessen" oder aktives "Nicht erinnern" - "den lieben Gott einen guten Mann sein lassen". Und nicht einmal das kannst Du, sonst hättest Du diesen Text nicht geschrieben. Sind Deine Gedanken nicht auch "Dein Leben"? Also jetzt mal unabhängig vom Benz... Verzeihen ist zwar eine grenzübergreifende, schwindelerregende aktive Handlung und Bewegung auf den anderen zu - allerdings bringt sie vor allem uns selbst Frieden, wenn man denn verzeihen konnte. Eine tiefe Zufriedenheit überkommt Dich, wenn Du es schaffst, ihm nicht mehr zu grollen (Du mußt es ihm nicht einmal sagen, es würde das Ganze aber ehrlicher machen). Und ich denke, daß Du ihm noch grollst - in den Träumen, Tagträumen, in denen Du an Dein 'vorheriges' Leben zurückdenkst. Dieses Leben war kein erster Versuch und keine Grotte, aus der Du Dich selbst befreit hast. Sondern dieser Teil Deines "ganzen" Lebens hat Dich befähigt (wenn auch unter Schmerzen), zu diesem jetzigen Teil Deines Lebens (was Du "mein neues Leben" nennst) zu finden. Das ist der Sinn Deiner Erlebnisse - auch wenn es der einzige ist. Das ist dann auch der Sinn Deiner Schmerzen, die Er verursacht hat. Du wärest nicht die, die Du jetzt bist... ohne ihn. Ich rede nicht von (unterwürfiger) Dankbarkeit, schließlich nehme ich nicht an, daß er Dich gut behandelt hat und selbstlos gehandelt hat. Nein, ich rede von der Annahme des eigenen Lebens. Wenn Du das tust, dann kannst Du verzeihen - dann hast Du schon verziehen. Dir selbst (Deiner ehemaligen Schwäche) und Ihm und allen, die an Deiner Geschichte mitgeschrieben haben. Nimm Dich an. Laß Dich fallen. Es geht nicht um irgendjemanden... es geht um Dich!
01.06.2005, 16:19 von LudwigMartin@LudwigMartin Lieber LudwigMartin,
02.06.2005, 13:20 von sunkistmehrere Male habe ich Deinen Kommentar gelesen um zu begreifen was Du schreibst. Ja und ich muss sagen Du hast recht. Vergebung ist glaube ich wirklich eine Sache die man zu allererst für sich selbst tut und in zweiter Hinsicht dem anderen gegenüber.
Ja es ist wirklich ein Teil meines ganzen Lebens und hat mein jetziges Ich mitgeprägt und geformt.
Und ich muss wirklich sagen - ich bin zum Teil dankbar dafür. Natürlich waren die Schmerzen und das Leid nicht dafür verantwortlich das ich heute bin, wer ich bin, sondern eher der Umgang mit der ganzen Situation hat mich geprägt.
Letzten Endes habe ich diesen Text geschrieben weil ich wirklich manchmal Szenenfetzen im Kopf habe, in denen er nicht nach Hause kam, mich gedemütigt hat usw. Momentaufnahmen einer ganz schlimmen Zeit für mich - dann denke ich an jetzt und kann es kaum fassen was ich mir in diesen zwei Jahren alles aufgebaut habe, geschafft habe und einen Menschen gefunden habe den ich liebe und der mich liebt - deshalb kann ich sagen: Ja ich bin glücklich.
Habe ich wegen dieser Gedankenfetzen immer noch Groll in mir?
@sunkist
07.06.2005, 09:51 von LudwigMartinDas mit dem Groll will ich Dir nicht unterstellen.
Vielleicht ist es die Frage der Vollkommenheit des Wandels.
Wenn es Dir sonst gut geht und Du nur diese vereinzelt vorkommenen Erinnerungen hast, dann denke ich, daß das schon so etwas wie eine Narbe ist, die man nicht los wird.
Sowas muß man, glaub ich, hinnehmen - da hilft alles Vergeben-wollen nichts. Oder vielleicht kann man das Hinnehmen als Vergebung bzw. Aussöhnung bezeichnen. Indem man für diese Narbe keinen Verantwortlichen mehr braucht, sondern sie sieht wie... schlechtes Wetter beispielsweise.
Weil es solch Narben gibt, bin ich auch kein Verfechter des Spruchs "Was dich nicht umbringt, macht dich stärker." (mehr).
Das Leben kann natürlich immer wieder schön werden, aber man sammelt auch dunkle Erinnerungen, die man nie so richtig loswird.
Vielleicht durch Meditation... hab ich noch nicht probiert.
@LudwigMartin Ja, ich habe eine Narbe. Und die rührt sich ab und an mal. Eben zum Beispiel wenn es regnet.
07.06.2005, 12:33 von sunkistMir wird immer klarer dass ich wirklich nichts vergeben muss - ihm nicht und mir auch nicht.
Das ist auch gut so.
Ich habe ein Leben mit vielen hellen und auch einigen dunklen Seiten in meiner Vergangenheit - aber wie du schon anfangs geschrieben hast, sie gehören zu mir, sie formten mich, machen mich zu dem was ich heute bin.
Danke Euch allen, denn irgendwie hat sich für mich hier einiges geklärt. Das ich an die Zeit zurückdenken muss ist vielleicht ganz normal, aber ich habe eine innere Frage für mich klären können.
Verzeihen muss ich nichts - macht keinen Sinn.
Ich kann mein jetziges Ich mit all seinen Facetten und Menschen in ihm genießen und ehrlich sagen "Ja ich bin glücklich mit mir und meinem Leben".
lg melle
Genialer Text!!!!
01.06.2005, 15:58 von kath13Ja, fast 2 Jahre ist es her...Aber müssen wir überhaupt vergeben? Reicht es nicht einfach, daß für uns die Moment immer seltener werden, in den die Erinnerungen Fragen aufwerfen?
Wem nützt es, wenn wir vergeben? Ihm? Dann muß es nicht sein...
Mir? Eigentlich nicht, mir reicht das Vergessen...
lg, kath
@kath13 Danke kath13 - mit dem Vergessen ist das so ne Sache - denn ich denke, wenn ich wirklich vergessen könnte müsste ich vielleicht nicht fragen ob ich vergeben habe.
02.06.2005, 13:25 von sunkistAber Du hast Recht - die Momente werden weniger und irgendwann werden sie verschwunden sein...
lg von sunkist
Deine Gedanken haben beim lesen miene angeregt. Zum glück nciht wegen dem Regen da die Sonne heute scheint und es einfach toll ist.
01.06.2005, 15:52 von DasRienscheDas Thema verzeihen oder das Wort ist sehr schwer ich glaube das geht jedem so. Ich denke man muss garnciht alles verzeihen alles vergeben. Ihm scheint es ja auch nciht so wichtig zu sein.
es gibt Dinge die kann man nciht verzeihen die nimmt man wahr´, klärt sie vielleicht auch aber die Verletzung ist so groß das man es einfach nciht vergeben und vergessen kann. Das wichtige ist sich selbner zu verzeihen und zu vergeben und mit den Situationen zurecht zu kommen ob verziehen oder nícht nur geklärt muss es sein !