noidea 15.08.2005, 19:23 Uhr 88 4

Verfetten! Verblöden! Vereinsamen!

Das ist er, der Dreiklang des Grauens aller berufstätigen Singles um die Dreißig.

Da sitzen wir nun. Wir, die letzten Modelle der Generation Golf, von der Fließbanduni noch eben so in den überfüllten Arbeitsmarkt geschoben. Die, die nach uns kamen, nennen sich Generation Praktikum, sie wirken agiler, ehrgeiziger und zielgerichteter als wir je waren, und insgeheim wir sind erleichtert, dass wir drinnen sitzen und sie draußen. Denn direkt konkurrieren mit diesen jungen, optimistischen Ehrgeizlingen würden wir gerade nicht so gerne. Wir haben andere Sorgen.

Eigentlich sind wir ganz zufrieden mit unserem Job. Die Berufsbezeichnung ist klangvoll, der Arbeitgeber namhaft und der Kontostand stimmt auch. Dass wir uns intellektuell unterfordert fühlen, würden wir ungern offen zugeben. So richtig konnte doch eh niemand erwarten, die Diplomarbeit zu Mikrofinanzsystemen in Kolumbien oder die Promotion zu Antonio Gramscis Begriff der Hegemonie tatsächlich im Berufsleben verwerten zu können. Deshalb planen und verwalten wir halbherzig vor uns hin: 38,5 Stunden in der Woche, 29 Urlaubstage inklusive. Allerdings beschleicht uns manchmal das seltsame Gefühl, zu verblöden. Um dem entgegenzuwirken, haben wir Cicero und Die Zeit abonniert, kaufen teure Sachbücher mit klangvollen Titeln und erzählen gerne, dass wir vorhaben endlich einen Polnisch-, Koreanisch- oder Portugiesischsprachkurs zu beginnen. Aber so wirklich schlimm finden wir sie nicht, die Langeweile im Büro. Die Stupidität der Arbeit lässt Raum fürs Surfen im Internet und lange Flurgespräch mit attraktiven Kollegen.

Die letzte Beziehung ist ja auch schon ein Weilchen her. Es ist natürlich schwer, Leute kennen zu lernen, wenn man beruflich so eingespannt ist. Klar! Manchmal springt uns im Internet die penetrante Werbung für Singleagenturen ins Auge und die Ankündigung der nächsten „Fisch sucht Fahrrad“-Party. Aber wir sehen geflissentlich darüber hinweg. So weit sind wir noch nicht und soweit werden wir nie kommen. Denn wir sind erfolgreich, gebildet und gut aussehend und damit für Großveranstaltungen, die der Restverwertung Paarungswilliger dienen, per se ungeeignet. Trotzdem ist die Einsamkeit ein Problem. Wir beginnen neue, spannende Sportarten wie Klettern oder Thai Chi, für die wir uns schon immer brennend interessiert haben. Nun ist endlich Zeit dafür, wie schön! Das Fitnessstudio, Kurse für exotische Sprachen und Sportarten sind die Sammelstellen unseres Gleichen. Eigentlich seltsam, dass die stumm mitschwingende Hoffnung der Kontaktaufnahme sich bei diesen Aktivitäten so selten erfüllt. Insgeheim wissen wir, dass wir unsere Abende lieber zuhause auf dem Sofa verbringen würden, aber ein wenig fürchten wir uns auch davor, und so strömen wir tapfer aus zur wöchentlichen Beschäftigungstherapie.

Trotz all dieser Aktivitäten sieht man uns doch langsam an, dass wir älter werden. Es körperlichen Verfall zu nennen, wäre übertrieben, aber die paar Kilo, die wir zugenommen haben als wir mit dem Rauchen aufhörten, sitzen gut sichtbar an Bauch und Hüften fest. Wenn wir uns manchmal zufällig in einem Schaufenster spiegeln, bekommen wir eine Ahnung davon, wie es später einmal sein wird. Wir verabreden uns zum Joggen in den großstädtischen Parks und gehen im Anschluss auf ein Bier in eine Szenekneipe im Kiez. Unser Alkoholkonsum macht uns mehr Sorgen als der Mangel an Sex. Doch wir sind offen und selbstreflexiv genug, um über einem Gläschen mit Freunden über beides reden zu können.

Manchmal, immer seltener, gehen wir nicht allein nach Hause. Wir tun dann so als ginge es um Sex, aber eigentlich geht es um nichts anderes als einmal ohne das schale Gefühl aufwachen zu müssen, das sich einstellt, wenn man am Wochenende alleine frühstücken muss. Früher fiel das Aufreißen leichter und kurzfristig nimmt man sich vor, in Zukunft mehr auf sich zu achten. Aber meist säuft auch dieser Gedanke im Alkohol ab. Viel zu trinken hat sich als Alternative zum One-Night-Stand bewährt. So ist man am Morgen nicht ganz alleine, sondern hat zumindest einen Kater, um den man sich kümmern kann.

Manchmal haben wir Angst, dass uns jemand als Hochstapler entlarvt. Denn in dem gleichen Maße wie wir im Job aufsteigen, wie unsere Wohnungen und Autos größer werden und die Klamotten teurer, in genau diesem Maße wächst die Sein-Schein-Lücke unseres Lebens unaufhaltsam. Wir denken, schon bald wird es jemandem auffallen, dass wir hinter der Fassade des erfolgreichen, gut aussehenden Großstadtsingles langsam verfetten, verblöden und vereinsamen. Und in stillen Momenten hoffen wir fast darauf, dass das Spiel ein Ende hat.

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88 Antworten

Kommentare

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    PS: "was gutes tun": nur, wenn mans selber will

    22.12.2005, 20:04 von sauerkraut
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    ja ich meine uns gehts gesellschaftlich gesehen relativ gut. aber jede gesellschaft sucht sich ihre eigene revolution, wenns auch nur die gegen den eigenen lebenstil ist. immerhin sind wir die mittleschicht und schwanken zwischen hedonistischem lebensgefühl und echten idealen. ich denke wir sind einerseits konsumenten, kapitalisten, weil wir es uns leisten können und andererseits reflektieren wir über die möglichkeit der wahren selbstverwirklichung, die freilich nur deshalb überhaupt mehr denn je thema ist, weil es uns so gut geht und unsere sozialstrukturen zunehmend unabhängiger werden.
    im prinzip geht es um die diskrepanz zwischen soziätät und egoismus, und durch die zunehmende vernetzung wird der handlungspielraum zwischen sozialem bewusstsein und individueller machbarkeit grösser. der grund ist die aufweichung der früher stringenteren sozialen strukturen durch zunehmndes wirtschaftswachstum und fortschritt die wirkung ist die potentielle Wahlmöglichkeit zwischen lebensalternativen, die aber aufgrund von persönlichen prioritäten zb sicherheit des arbeitsplatzes, vermehrtes ausgaben für kleidung zuungunsten weiterführender ausbildungen etc. teils aufgegeben wird. heutzutage fügst du dich nicht in deine lebenswelt du schafffst sie dir umso mehr. ich denke deshalb bekommen auch adventure urlaube zunehmend an bedeutung weil irgendwei im stillen teils der bezug zu echten natur gesucht wird. ich denke grad über hedonistische vs. idealistische lebenseinstellung nach und ich denke letztendes fallen mir die einfachsten dinge ein, und die schreib ich jetzt da her, auch wenn sie klingen wie aus einer frauenzeitschrift: persönliche umwelt, sich selber was gutes tun, sich abgrenzen, (eigenltich bin ich ja atheist), anderen was gutes tun (kommt meist von herzen, egal obs die eigene mutter oder das kind in afrika ist, raus in die natur (oder anderes bindegewebstraining, das spass macht, ich fress aber auch jeden tag meine schlagrolle wenn ich will*g), dinge unterlassen, die mich sehr anzipfen würden (mit sicherheit tai chi oder modern dance in stinkigen turnhallen). aber ich steh selber noch nicht im berufsleben und bin gespannt auf meinen ersten arbeitsfrust...*g

    22.12.2005, 19:29 von sauerkraut
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    Netter Artikel und leider muss ich zugeben, das mir das alles nicht ganz unbekannt vorkommt. Aber ich fürchte, ich will manches auch gar nicht anders; ) Und eigentlich bin ich damit auch nicht so unglücklich...

    28.10.2005, 13:01 von Ms-Jones
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    sozial verwahrlost, intellektuell zurückgeblieben und sexuell vereinsamt.

    Mindestens eines dieser Kriterien erfüllen mind. 80 % der bundesdeutschen Bevölkerung.

    Aber die auf die deine obigen Beschreibungen zutreffen, vielleicht nicht alle aber zumindest eine oder zwei, die sind doch auch irgendwo selbst dran schuld. Niemand ist gezwungen, nur weil er oder sie seine oder ihre kleine Karriere macht allein zu leben, keine Kinder zu haben zu trinken zu rauchen und dabei jeden Abend vor RTL II zu hocken.

    Etwas mehr mut zum Leben bitte!

    09.09.2005, 08:57 von Antaios
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    @ p.i.: Ja, genau davon handelte doch der Artikel, oder? Man läuft schon nur strahlend in der Gegend rum, zieht sich um, bevor man in den Supermarkt geht und legt sich Hobbies zu, um Leute kennenzulernen...
    Ich verkrieche mich also keineswegs auf meinem Sofa, sondern laufe mit offenen Augen durch die Gegend - doch die Männer, die man kennenlernt, sind nur diejenigen, die auch keine andere haben will!

    01.09.2005, 11:14 von Sissna
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    schöner Text. So wahr. Auch für Singles, die beruflich nicht so erfolgreich sind.

    28.08.2005, 12:31 von Antonia
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    @P.I. - danke, Du hast die besseren Worte gefunden. Denke es ist der große, von wenigen beachtete Unterschied, was die Gesellschaft oberflächlich über einen denkt. Wichtig ist jedoch, wie man selsbt seine eigene Lage sieht. Der Unterschied zwischen Aktion und Reaktion. Aktion bedeutet "Leben" wie man es will und kann, da ist es zweitrangig ab man gebunden oder ungebunden ist und Reaktion ist zu leben wie man denkt, daß es die "anderen" erwartet.

    Langjährige Reaktion kann schon im verblöden und verfetten enden ... vereinsamt war man da schon lange zuvor.

    @kittyboop
    ... ehrlich, das war doch nun ein wirklich leichtes, dem Wochenende entsprechendes, slightly out-chillendes Geplapper ... oh, Moment muss noch ein wenig Vermouth über meine Olive gießen :-))

    27.08.2005, 12:23 von trooper
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      @trooper oh mann scheiße hoffentlich werd ich nicht so spießig wie du wenn ich 42 bin...also wenn man alles so auf die goldwage legt dann muß man ja echt busy sein.....

      29.08.2005, 23:11 von kittyboop
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    och leute chillt euch doch mal......

    26.08.2005, 23:21 von kittyboop
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    @ trooper
    Was die 'Guten' sind wirst du nie in der Theorie erfahren, nur die Erfahrung mit Ihnen erschafft die Guten.

    Und ich denke es geht hier auch gar nicht um Single oder Nicht-Single, sondern viel eher um die Fähigkeit zu erkennen, daß man Herr seiner eigenen Lage ist und die Freiheit besitzt, aus einer gegebenen Situation heraus die Lage so oder so zu nutzen.

    @ Sissna
    Du schriebst von 'bemitleidenswerten Singles', wer hält dich denn aufgrund deines Singlesdaseins für bemitleidenswert? Bemitleidenswert ist nur, nicht zu erkennen, daß es nichts hilft sich über seine Situation zu beschweren, ohne auch daran zu arbeiten, daß die Situation sich bessert. Man kann nicht darauf warten, bis einen eine Situation glücklich macht, man muß sich die Situation erschaffen, entweder durch Änderung der Umstände oder durch Änderung der Sichtweise.

    26.08.2005, 23:17 von P.I.
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    @sissna ... für mich wirft sich da die nächste Frage auf. Was sind den die Guten? Die Gebundenen, die aus einer Position der Sicherheit heraus, u.U. leichtfertig mit den Gefühlen der Singles spielen.

    Oder sind die "Guten" die, die intelligent genug sind, zu wissen was weibliche Singles gerne hören und dies alles vorgeben zu haben, weil sie nie in die Bedrängniss kommen, ihre blosen Worte mit Taten zu belegen oder auch dies zu leben, von dem sie nur reden?

    26.08.2005, 14:40 von trooper
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