hib 07.06.2007, 09:09 Uhr 16 14

Unter uns gesagt

Heute habe ich eine Verabredung mit der Vergangenheit. Ich treffe mich selbst vor zehn Jahren.

Ich war im Laufe der Jahre schon so einiges. Ich war ein Held. Ich war ungeduldig und vorschnell. Ich war schön und ich war ein Angeber. Ich war ich selbst und ich war die anderen. Manchmal war ich an allem Schuld. Aber meistens auch Überzeugungstäter. Ganz selten war ich so wie ich dachte. Immer öfter war ich einfach nur das, was ich sein sollte. Ich war zumindest meistens ehrlich. Auch wenn ich mir das selbst nicht abnehme. Nur was ich heute bin weiß ich nicht. Weil man Abstand braucht um Einzelheiten zu erkennen.

Deshalb nutze ich heute die Gelegenheit. Heute habe ich eine Verabredung mit der Vergangenheit. Heute steht im Zeichen des Hättetunsollens und des Hätteseinmüssens. Heute steht im Zeichen fliehender Zeiger und rückwärts tickender Zahnräder. Heute habe ich eine Verabredung mit dem was mal war. Heute will ich wissen, was man sieht, wenn man von früher her schaut. Ich treffe mich selbst vor zehn Jahren. Und gehe den Sachen bis tief auf den gut bekannten Grund.

Wir haben uns für Nachmittags verabredet. Weil da das Licht nicht so steil fällt. Das Telefonat war schnell zu Ende gewesen. Weil der Moment, bei dem man sich im Selbstgespräch ertappt, nicht wirklich angenehm ist. Als wir uns dann schließlich beim Aufeinanderzugehen sehen, müssen wir beide grinsen. Weil er es geahnt hat. Geahnt vielleicht, dass es so kommen musste. Geahnt, dass es sein könnte. Geahnt, dass er die Haare irgendwann doch so tragen würde. Ich bin dagegen überrascht. Überrascht darüber, dass eine klare Erinnerung so trüb sein kann. Überrascht darüber, wie wenig harte Grenzen ein so junges Gesicht hat. Überrascht darüber, dass die Hosen tatsächlich viel zu weit waren.

Die alberne Angst, dass wir beide stets gleichzeitig reden würden, nimmt er mir sofort. Denn er ist schneller. Er pflanzt Fragen wie riesige Bäume. Um die ich nicht herum komme ohne weit auszuholen. Die hoch gewachsen sind, aber beim kleinsten Windstoß abknicken. Weil die Substanz fehlt und noch nichts die Dinge zusammenhält. Er erzählt etwas von Jahresringen unter meinen Augen. Dabei lächelt er mit der ganzen Überlegenheit der Jugend. Und nach kurzer Zeit schon höre ich nicht mehr zu. All seine Worte verschwinden in meinem großen, schwarzen und milden Lächeln.

Ich lasse ihn leerlaufen. Bin überrascht, wie schnell das geht. Und beginne dann auf mein Ziel hin loszureden. Ich will wissen was er denkt über mich. Darüber was ich mache. Wo ich meine Mittagspausen verbringe. Mit wem ich abends einschlafe. Wen ich gewählt habe und was ich heute Abend noch mache. Wie ich die Welt verbessert habe und was ich über die Bundesregierung denke. Wie viel Freunde ich noch habe und ob sie mir so wichtig wie nötig sind. Und wie es eigentlich mit den Mädels aussieht.
Weil ich noch weiß, dass mir das alles mal wichtig war. Und dass ich laut geschrieen habe, wenn einer zu schwach war, um gut zu sein. So laut, wie der da vor mir.

Ich beginne mit den angenehmen Sachen. Zum Beispiel dass ich jetzt weiß, was ich so kann. Und auch irgendwie, was man damit anstellt. Ich erzähle, dass ich in einer großen Stadt wohne. So groß, dass sie einen eigenen Pulsschlag hat. Von meinem Mädchen erzähle ich, dass wunderschön ist und das ich behalten will für die Jahre. Von meiner Wohnung mit den knarrenden Holzdielen und der Bundesstraße vor der Tür Die niemals aufhört gegen die Fenster zu schlagen. Ich berichte, dass unsere Mutter noch immer allein lebt und dass man mittlerweile ganz gut miteinander auskommt. Als Höhepunkt hebe ich mir die Durchschnittsnote des Schulabschlusses auf. Und da hebt sich seine Augenbraue ein wenig in den Juni hinein. Ich weiß, dass ich jetzt sein Misstrauen geweckt habe.

Die Ideale von damals, sie schwingen noch nach. Ich kann die Vibration immer dann spüren, wenn ein Stück davon abbricht. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, wonach ich am lautesten geschrieen habe. Und jetzt sitzt mir all das gegenüber, was ich niemals wieder sein werde. Es macht mich nicht traurig. Im Gegenteil. Es ist laut. Und es ist ungerecht. Es hat Recht aber es hat noch keine Ahnung. Es redet viel aber kann noch nicht zuhören. Es stürzt tosend die Tage hinab, denn es kann noch nicht leise durch die Hintertür. Es glaubt es hätte genug Platz für die Welt in einem Satz. Aber es weiß noch nicht, wie groß sie ist. Und das es keine Sprache gibt, in die sie passt. Ich kann sehen, wie es mit den Wangen mir Vorwürfe auf der Zunge zurechtrollt. Weil ich vom Weg abgekommen bin. Von seinem Weg, den er noch nicht einmal gegangen ist.

Mein Ehrgeiz hat ihn überrascht, als ob es aus dem Blauen heraus donnern würde. Er kann sich nicht vorstellen, warum man für etwas kämpfen sollte, das man tun muss. Jetzt nehme ich ihn bei den Ohren und erzähle ich von meinem Job in der Werbeagentur und wie ich mich der Sprache versprochen habe. Von den langen Abenden vor dem Fernseher, mit den ausgewaschenen Augen und den stumpfen Gedanken vom Tag. Ich erzähle von dem kleinen Strichmensch, der im Bauch meiner Freundin wächst und sich dreht. Und dass ich von nun an höchstens noch Schlangenlinien gehen will. Aber keine Haken mehr in die Herzen anderer schlagen will. Ich sage, dass ich die letzte Wahl wegen gutem Wetter geschwänzt habe und dass ich nicht mehr laut mit Armen und Beinen demonstriere, sondern stumm mit Worten. Zum Ende meines Monologes lege ich meine ständige Ratlosigkeit über die Dinge und meine Müdigkeit an den Wochenenden nach.

Seine ungeduldige Zunge fährt die Lippen nach Worten ab. Seine Augen schweigen mich vorwurfsvoll an. Dann geht ein grüner Ruck durch ihn hindurch und er beginnt fragend zu reden. Ich überlege nicht lange, als er mich nach meinem letzten gelesenen Buch fragt und zucke sofort ratlos mit den Mundwinkeln. Er wirft mir mich vor und ich weiß nur lange Antworten, auf seine kurzen Fragen. Nach vielen Kreisen und Kringeln seiner Hände, schließt er mit der Bemerkung, dass er nicht werden wolle wie ich. Und ich lache ihn so offen an, dass um uns herum alle Türen aufgehen.

Wir haben ein paar Dinge gemeinsam. Vor allem das Bier. Und nach einem großen Gedankenschluck, fragt er mich dann doch, ob ich ihm etwas raten könne. Und ich überlege wohl etwas zu lang, weil er mit den Augen schon die Wände hochgeht. Und dann sage ich, dass es nichts gibt, was er anders machen soll. Außer vielleicht netter sein zu unserer Mutter. Er verdreht die Augen zum Ende des Gespräches hin. Und zwischen uns im Raum steht die Einigung, dass wir einfach nicht wie der andere sind. Und jeder seines Weges geht. Er zurück. Und ich nach vorn. Beim Abschied finden sich unsere Hände blind. Und als ich mich so von hinten sehe denke ich, dass es ein weiter Weg war bis hierher. Und ich bemerke das frische Beugen seiner Knie. Dann gehe ich nach Hause.

Was bleibt ist die Erkenntnis, dass jeder Mensch, der man mal war, ein Stück vom ganzen ist. Die Vergangenheit ist Zeuge, aber sie kennt nicht die ganze Wahrheit. Ich bin keinem kleinen Jungen Rechenschaft schuldig. Hier und jetzt ist man alles, was nötig ist. Schließlich hat man selbst immer noch das letzte Wort.

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16 Antworten

Kommentare

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    suuperinteressantes thema... mich würde es brennend interessieren, was ich vor 10 jahren zu meinem heutigem ICH gesagt hätte... sehr sehr schön beschrieben.. habs sehr gern gelesen!!

    30.06.2007, 00:02 von cumuluswolke
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    hi einfach nur sehr gut!!!
    sprichst mir aus dem herzen

    20.06.2007, 12:44 von katrchen
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    puh... ich zieh wieder ma meinen zuckerhut.
    vor deiner denke. der schreibe sowieso.

    19.06.2007, 19:47 von Pumpilotta
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    Hmm.
    so ungefähr stelle ich mir das treffen mit mir selber auch vor.

    Sehr gut geschrieben.

    13.06.2007, 15:36 von Lew
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    Dieses Treffen ist, glaub ich schon sehr oft geschehen. Nicht unbedingt immer angenehm, wie du schon sagtest, aber auch wunderbar zu erkennen,daß da noch so viel mehr kommt in der Zukunft, von der man mit 17 schon dachte, sie zu kennen.
    Nur, welchen Dorn hat der kleine Junge bei dir hinterlassen, der da noch piekt und über den du da das letzte Wort decken möchtest?
    Vielleicht täusche ich mich ja auch und meine Gedanken haben mal wieder eine ganz andere Richtung eingeschlagen :-)...

    11.06.2007, 21:02 von alleinsosein
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    *verneig*

    10.06.2007, 08:55 von FrauSusiK
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    kreativ, verrückt, interessant, wahr ...

    kompliment :-)

    09.06.2007, 13:03 von LaRisa
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    guter hinweis. danke.

    08.06.2007, 10:53 von hib
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