mk20 28.01.2007, 09:25 Uhr 5 1

Todesursache: Vitamin B

Die Geschichte von einem kleinen Mädchen, das nur sein konnte, weil andere schon waren.

Strahlender Sonnenschein beim Blick aus dem Fenster, laute Musik aus den Lautsprechern der Stereoanlage. Der Briefträger, der gerade das Tor zu ihrem Haus verschließt, lenkt ihren Blick auf sich: Die Schnürsenkel seines linken Schuhs haben gelöst und er droht jeden Moment zu stolpern.
Das aber ist nicht der Grund, warum sie nun die Treppe hinunter stürzt und zur Eingangstür wetzt. Durch den Schlitz hat der Postbote nämlich zuvor die Post geworfen. Post für sie. In Eile reißt sie den Brief auf, zieht den Zettel heraus und entfaltet ihn. Ein glücklicher Seufzer entweicht ihr, sie hat die Zusage für den neuen Arbeitsplatz, gesichertes Einkommen, eine Festanstellung.

Was nicht in dem Brief steht, ist der Satz: „Dank der Bemühungen Ihres Vaters sind wir gewillt, Sie einzustellen.“ Auch kein: „Durch den Einsatz eines Bekannten eines Freundes Ihrer Mutter haben wir uns entschieden, Ihnen die Stelle anzubieten.“ „Wir gratulieren Ihnen zu der Stelle, die sie dank Ihrer Beziehung zum Schwager Ihrer Tante bekommen konnten“ fehlt auch.
Und dieses Verschweigen färbt ab. Auf ihre Aussagen, die sie nicht nur beschönigend in den Lebenslauf einbaut, sondern auch in ihrer Darstellung allen anderen gegenüber: „Ich habe einen Arbeitsplatz“ wird es heißen. Die Passivität am Erreichen (ausgedrückt durch ein „durch soundso gekriegt“) fehlt vollends.

Sicherlich ist nichts gegen das Nutzen sozialer Beziehungen zu sagen. Jeder sollte Möglichkeiten, die ihm aufgrund von Bekannt- und Verwandtschaften offen stehen, nutzen. Seien es Praktika, seien es Auslandaufenthalte, seien es mögliche Jobs. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden.
Anders sieht es aus, wenn man erstens die Selbstständigkeit vernachlässigt oder vergisst. Wenn man sich ausschließlich auf Papis Kontakte stützt, keine Bewerbung jemals selbst abschickt, weil man da ja wen kennt, der wen weiß, der einen guten Draht zu Personalabteilung hat. Mit der Selbstständigkeit verliert man nämlich zugleich die Fähigkeit, eigenständig zu sein. Und wenn man zweitens sich selbst das Erreichte hoch anrechtet. Diese Sinnestäuschung („Ich habe es selbst geschafft“) erkennen andere ziemlich schnell und hoch angerechnet sollten solche Dinge nicht werden, selbst wenn sich die Namen der Arbeitgeber ‚gut lesen’.

Wenn man in seinem Leben nichts – oder relativ wenig – selbst erreicht hat, fehlt auch die Grundlage, stolz darauf zu sein. Und Stolz ist einer der Züge, die einen Charakter mit zunehmendem Alter prägen. Und in gerechtfertigter Dosis ist dies legitim. Was aber bleibt davon, wenn der Ehrlichkeit halber eher ein Satz wie folgender auf dem Grabstein stehen sollte: „Vitamin B hat sie durchs Leben geführt, selbst zu leben hat sie nie gelernt“?

1

Diesen Text mochten auch

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Tatsache ist aber in diesen Zeiten, dass die meisten Stellen nicht mehr über Anzeigen oder Ämter vermittelt werden, sondern mittels Vitamin B besetzt werden. Wenn man das "schlimme" Wort "Vitamin B" ersetzt durch s o z i a l e K o n t a k t e , nimmt dies der Sache gleich die Anrüchigkeit. Ein Chef stellt lieber den ihm empfohlenen Bekannten seines Angestellten ein als einen Unbekannten. Natürlich muss die Qualifikation stimmen, aber viele, viele Arbeitslose sind hoch qualifiziert.

    30.01.2007, 10:33 von angietutnix
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • 0

    nachgedanke.

    was ich wirklich ÄTZEND finde, wenn junge damen zu "mein vater ist..."-tussis werden.

    liv tyler ist eine rühmliche ausnahme, kelly osbourne eine wirklich unrühmliche bestätigung. was hat diese frau denn eigentlich schon geleistet - außer in eine drogenklinik zu gehen? furchtbar.

    28.01.2007, 12:03 von RedSonja
    • 0

      @RedSonja danke! das ist so ein beispiel, das jeder kennt, nachdem ich gesucht habe. genau das meine ich. wobei ich natürlich nicht hinter die kulissen hollywoods gucken kann und weiß, was liv allein geschafft hat...

      28.01.2007, 13:48 von mk20
    • 0

      @mk20 naja, aber jedenfalls finde ich sie eine wunderbare schauspielerin.

      wenn ihr jemand den steigbügel gehalten hat, reiten kann sie auf jeden fall selber.

      und he, sie ist sooooooo schön-- ;D

      28.01.2007, 13:54 von RedSonja
    • Kommentar schreiben
  • 0

    netzwerke aufbauen zu können und sie auch zu nutzen, ist ein softskill. und gefragt.

    dass immer gleich ans "hochschlafen" gedacht wird, finde ich bezeichnend. ich glaube das ist selterner als mensch so annimmt.

    ich glaube bei solchen vermutungen ist immer ne riesenportion neid dabei.

    28.01.2007, 11:47 von RedSonja
    • 0

      @RedSonja Ja, das sehe ich auch so.

      Chancen erkennen und diese nutzen ist an sich schon eine Qualität, die für den Job im Zweifel wichtig ist. Wenn es so gut wäre, keine Beziehungen zu haben und aus eigener Kraft alles zu erreichen, dann bräuchte man sich ja nicht daran zu stören, dass andere eben wohl gute Verbindungen haben...

      Jeder kriegt halt sein Päckchen mit: Dem einen fliegt durch Talent alles zu, der andere sieht vielleicht toll aus und der Dritte hat eben Vitamin B - so what? Was zählt, ist doch, seine eigenen Potenziale zu erkennen und sich nicht vorwiegend mit anderen zu vergleichen.

      28.01.2007, 11:56 von Pamina
    • 0

      @Pamina Mein Kommentar bezog sich auf den von RedSonja

      28.01.2007, 11:57 von Pamina
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Beziehungen können einem Türen öffnen (was tatsächlich schon eine Menge wert ist). Hindurchgehen - und den durch die Kontakte u. U. entstandenen hohen Erwartungen gerecht werden - muss aber jeder allein. Insofern sollte man angenommene Beziehungen der anderen nicht für das eigene Unvermögen verantwortlich machen, leider kommt dies ziemlich häufig vor.

    28.01.2007, 11:40 von Pamina
    • 0

      @Pamina der Meinung kann ich mich nur anschliessen... Durch Vitamin B einen Job zu bekommen ist heute wirklich gang und gebe. Sich aber in dem Job beweisen muss man selber, dass ist etwas, was Papa nicht für einen machen kann...

      Und dummerweise spricht sich die Stellenbesetzung durch Vitamin-B sehr schnell bei den Kollegen rum und man wird kritischer beurteilt, als wenn man den Job ohne Beziehungen bekommt. Und aus zwei persönliche bekannten Geschichten kann ich nur sagen: die Personen, die die Erwartungen nicht erfüllt haben, haben (trotz den Beziehungen vom Papa bzw. vom Lebenspartner) ihren Job nach einem Jahr nicht mehr gehabt...

      28.01.2007, 12:22 von Cisbit
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] sehe ich genau so - deswegen hab ich hoffentlich das wort "schlimm" auch nicht verwendet.
      selbst erarbeitetes Vitamin B is ja auch voll in ordnung und man kommt ja nicht drum rum, in seinem leben kontakte zu knüpfen. und da wärs ja schön doof, wenn man da nicht drauf zurückgreifen könnte/sollte/dürfte.
      mal abgesehen davon, dass ich kein moralapostel bin und anderen vorschreibe, was sie zu tun und zu lassen haben.
      außerdem nutze ich mein Vitamin B ja auch - habe aber durchaus auch ein paar dinge in meinem leben selbst erreicht, auf die ich selbst entsprechend auch mehr wert lege und lieber zurück blicke.

      28.01.2007, 11:40 von mk20

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare