Kokomiko 28.06.2012, 18:43 Uhr 38 52

Todernsttheater

In einer Welt, in der es die Zeit nicht mehr gab, war jedes Wort wie die Sinne geraubt.

8 Katzen

Mademoiselle Pêche legte ihre Karten ganz ruhig, eine nach der anderen. Der Scheibenmann kam nicht näher und blieb sitzen, als sei er auf dem Stuhl aufgewachsen. Wie die Halteseile um einen Fesselballon kurz vor dem Aufstieg, so spannten sich die Zwirnsfäden, die die elfenbeinfarbenen Knöpfe mit seinem goldenen Tagrock verbanden, um seinem mächtigen Bauchfass gekleideten Einhalt zu geben. Er zitterte. Beide Hände zu Fäusten auf dem grünen Spieltisch abgelegt, als erwarte er eine Mahlzeit. Seinen gläsernen Schreibstift in der rechten. Wie ein dünnschwarzes Zepter. Die zinksilbernen Spielkarten lagen vor ihm als Stapel. Er schwitzte. Und wie er schwitzte. Seine Fächermädchen gaben sich Mühe. Alle Mühe, die sie sich geben konnten, um ihm die Frische zuzufächeln, die er so brauchte. Es nützte ihm nichts. 6 rote Katzen hatte Mademoiselle Pêche schon sauber in die rechteckvertieften Intarsien ihres Spielplatzes abgelegt. Das war bereits mehr als die 4, die er liegen hatte. Die Siebte. Und nun legte sie vorsichtig auch noch die achte Karte ab. Sie hatte tatsächlich die Acht. Darauf wölbten die Katzen ihren schönroten Buckel aus dem Silber der Karten empor, streckten sich glänzend, wie dem Dicken zum schnurrenden Hohn. Ein Milchtrittchen noch. Dann legten sie sich und rollten sich ein. Das Spiel war beendet, ihr Fellrot erhabenes Silber nur noch. Sie schliefen.

Kein Geräusch war im Raum. Nur wer ganz genau wahrnahm, hörte Tröpfchen für Tröpfchen die Perlen von Schweiß, die vom mächtigen Kinn des Verlierers herab fielen und einen nassdunklen Punkt auf das teure Gewebe seines blassgelben Hemds wachsen ließen. Die eben noch spiegelnden Gläser seiner dicken runden Scheibenbrille färbten sich schwarz wie die mondlose Nacht seines Zorns. Mit einem glasknirschenden ‚Krack’ brach der Stift in seiner riesigen Faust, ohne dass es ihn rührte.

„Sie sollten ihre Hand verbinden. Ich denke, sie wird bluten. Himmelschade um den wunderschönen Stift. Eine Sünde, ihn zu zerbrechen." Sie sagte es leise nach einer kurzen, wie ewigen Pause der Spannung im Spielraum der verbotenen Schänke ‚Zur Zeit’. Der Scheibenmensch senkte ein wenig den Kopf. Wie ein Stier vor dem Angriff es tut. Die Gläser seiner großen Brille nahmen die Finsternis an, die nach Schwarz kommt. Die wenigen Kerzen im Raum bekamen es mit der Angst und flackerten. Eine kleine von ihnen erlosch. „Sie sind eine Diebin." zischte er, ohne die Lippen zu bewegen und seine Wangenknochen zeichneten sich unter dem roten Gesichtsspeck deutlich ab.

Mademoiselle Pêche erhob sich mit aufrechter Anmut langsam vom Stuhl und massierte mit der linken Hand ihren rechten Unterarm. Trotz ihres unschätzbaren Alters, war sie schön wie die Sonne. „Natürlich. Eine Diebin. Aber das Glück kann man nicht bestehlen. So wie die Liebe. Beides kommt, wie die Katzen. Beides geht, wenn es will." Damit nahm sie mit schlanken Fingern 3 goldene Sternentaler aus ihrem kleinen blauen Lederbeutel und legte sie nebeneinander vor sich auf den Tisch. „Für den Wirt und das Spiel. Für vergangene Zeit. Der Gewinn kommt mit mir. Bringt sie zur Kutsche. Wir fahren."

Einen schönen Tag, so schön wie nur eine es war, hatte er aus der Nacht vorgelockt, als der Kleine mit der blauen Mütze sie zum ersten Mal sah. „Wer ist das?" fragte er. Mademoiselle Pêche streichelte ihm über den Kopf und sprach leise „Sie ist ein Todernstmädchen. Ich habe sie gewonnen beim Kartenspiel. Der Scheibenmann war ihr Herr. Nun gehört sie mir. Wir werden reich. Lass sie schlafen." „Ihr habt mit dem Scheibner gespielt? Und seid heil und behalten?" Der Kleine legte den Kopf in ehrlicher Sorge ganz schief und sah Mademoiselle Pêche ins Gesicht. „Zur ewigen Nacht hätte er euch machen können, Mademoiselle. Das war gewagt. Was war euer Einsatz? Er hat doch schon alles." Sie ging langsam zum Fenster und sah hinaus. „Ich habe um dich gespielt. Um den ewigen Traum, um das Kind, das die Tage vertauscht und verlockt. Das die Dunkelheit kennt, das sie liebt, wie kein anderer sonst. Dich hat er noch nicht. Und er wollte dich. Ach, wie er dich wollte, deine Zeit, dein Talent. Diese Tageszeit finden in der Nacht um ihn her. Dass sie vor ihn sich wage, ihm vertraue nur einmal..nur ein einziges Mal." Sie verschränkte die Arme. „Nur einmal..ihm den Tag werden lassen…nun geh hinaus und weck die Blumen auf. Wir wollen das Frühstück im Garten nehmen." „Ihr hättet..mich verlieren können, Mademoiselle." flüsterte der Kleine und seine Augen wurden stahlblaues Eis. Mademoiselle Pêche blickte weiter zum Fenster hinaus und sprach, wie zu sich. „Wie kann eine Diebin verlieren, was niemals ihr war? Es ist alles gestohlen. Jeder Tag, jedes Licht, diese Freiheit zu sein. So auch du, kleiner Freund. So auch du. Und der Rest sind nur Worte aus verschlagener Sprache, alle Sinne geraubt, alle Zeit nur genommen. Nur gestohlen, gestohlen, gestohlen!!"

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Todernsttheater

Nur ein Haus in der Stadt war in prächtigem Schwarz. Nur von Rang waren sie, wie von Namen.

Nehmen sie Platz und sprechen sie nicht. Lauschen sie still. Nur eine Träne von ihnen. So ist sie frei. Für alle Zeit.

„ Nun tue dein Werk und gib Macht mir du Kind. Mache Hof mir zu ewigem Frieden!"

Es wurde dunkel im Saal. Der schwere Vorhang erhob sich ohne Geräusch. Still stand sie alleine. Es begann.

„Wie ein stummer Magnet zieht die Stille der Stimmen jede Kraft nachtweit fort, jedes Lachen hinein in den Berg, der ein Leben mir wird. Frisst sich tiefer und größer untertage ins Werk, das doch wundersam warm, so doch Weltenwunsch war. Das die Kälte als Schwert niemals führte."

„Meine Erinnerungen schwimmen an der Oberfläche dieser schwachen, ohne Einhalt treibenden Strömung in ein offenes finsteres Meer hinaus, das in sie eindringt und ihnen die schwere Kraft meines Untergangs beibringt. Und das Beilicht verläuft sich, je tiefer sie sinken und ich falle in schwarztoten Schlaf.

„Es ist das vergessene Leben, die hinterbliebenen Worte, die ohne den Grund je zu sehen, Vergangenheit sind. So verläuft sich mein Leben in umgebender ewiger Nacht. Und es gibt keine Rettung. Nur Unendlichkeit bleibt. Deren Teil ich nie war und doch bin. Jede Träne ist Licht mir und ich hoffe mich blind. Für ein Dasein, dass jeder Welt Ende mir nimmt."

 


Tags: Père Lachaise, D-day, Ich lerne nicht mehr surfen tiffy, aber ich habe es gesehen
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38 Antworten

Kommentare

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  • 0

    ...wow, was für ne verzaubernde Reise, chapeau! ^^

    Ich werd wohl noch ne Weile brauchen, in deine weiteren Geschichten einzutauchen und darauf freu ich mich.

    29.10.2012, 11:11 von derHalbstarke
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  • 1

    mein "nachtzirkus" ( ein ganz feines herrliches buch!!!), in dem hast du besucher gespielt. gib es zu. :D

    erinnerungen machen uns zu dem, wer wir sind.

    danke.

    möchte ich nie vergessen.

    16.08.2012, 22:24 von zehnmomente
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    Danke.

    09.07.2012, 13:05 von Liz89
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  • 1

    Nach dem zweiten Anlauf bin ich eingetaucht und habe fast die Haltestelle verpasst an der austeigen wollte... Danke für deine wunderbare Art, mich und viele andere zu verzaubern... Bis bald

    02.07.2012, 19:53 von canim
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  • 0

    Chapeau!

    30.06.2012, 23:16 von See_Emm_Why_Kay
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich finde es schwierig. Schönheit und Eleganz, ja. Aber wo bleibt der eigentliche Sinn? Liegts an mir? Vielleicht. Ich lese nochmal... und halte mein <3 solang bei mir!

    30.06.2012, 07:36 von SarahJoesy
    • 1

      Es ergibt keinen Sinn. Nur für mich. Aber ich kenne ja auch die Geschichte. Doch das Aufschreiben ging nicht. Kennst Du das? Wenn sich die Geschichte weigert, sich aufschreiben zu lassen? Sie ist wohl da. Aber entzieht sich und schiebt dauernd Kulissen nach vorne, um sich dahinter zu verstecken. Eine nach der anderen. JackBlack trifft es unten sehr gut. Die Geschichte versteckt sich im Adjektiv. Und ich lerne daraus, dass ich es lassen sollte..solche Sachen lieber lassen sollte.

      11.09.2012, 17:47 von Kokomiko
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  • 0

    Jetzt fühle ich mich als hätte ich stundenlang meditiert. Wunderbar!

    29.06.2012, 23:15 von CaroKo
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  • 0

    wieder sehr gut

    29.06.2012, 18:08 von nic.is.listen
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  • 0

    Mein Herz kommt, wie die Katzen, lautstillschlagend, und es geht... nie, nicht in tausenden Zeiten!

    29.06.2012, 15:29 von Sasali
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