Maibowle 06.06.2008, 14:52 Uhr 5 0

Tod durch Unfug

Wie aus Spaß ganz schnell tödlicher Ernst werden kann

Telefonate mit meiner Mutter sind anstrengend. Wenn sie sich nach meinem Leben erkundigt, dann kreisen ihre Fragen meistens um zwei essentielle Dinge: Ob ich genug esse und ob ich mich auch warm genug anziehe. Das war so, kurz nachdem ich von zu Hause ausgezogen bin, das ist heute, zehn Jahre später, noch immer so, und langsam finde ich mich damit ab, dass sich daran wohl nichts mehr ändern wird.

Die Themen, von denen sie mir erzählt, gleichen sich in der Regel ebenfalls: Stress im Geschäft, mal eine Streitigkeit mit meinem Vater oder ihrer Schwester, und natürlich: Dorfklatsch. Als Inhaberin eines Ladens in einer 3000-Seelen-Gemeinde ist sie diesem beständig ausgesetzt, sowohl aktiv als auch passiv, und im Gegensatz zu mir stört sie sich daran auch nicht.

Besonders gern erzählt sie mir, bei wem gerade diese oder jene Krankheit festgestellt wurde, wer einen Unfall hatte, im Krankenhaus liegt oder gestorben ist. Meist handelt es sich um Leute, die ich überhaupt nicht kenne, und ich kann das ganz gut an mir abprallen lassen. Und wenn es mir zuviel wird, frage ich, ob es nicht auch ein paar gute Nachrichten gibt. Ob vielleicht jemand geheiratet, ein Baby bekommen oder im Lotto gewonnen hat.

Kürzlich hat sie mir jedoch eine Geschichte erzählt, die mir gar nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Noch während sie am Erzählen war, versuchte ich sie mit "Mama, hör auf, ich will das gar nicht wissen" zu unterbrechen, so sehr hat mich das, was unweigerlich am Ende ihres Berichts stehen würde, innerlich aufschreien lassen.

In einem Nachbardorf, mit 500 Einwohnern noch kleiner als unseres, war für den Samstagabend von einer Gruppe junger Leute der Partyraum im Untergeschoss einer Gaststätte gemietet worden. Der Gastgeber wurde 29 und wollte dieses Ereignis ausgiebig mit Freunden feiern.

Wie es sich so gehört bei ausgelassenen Feiern, wurde natürlich ordentlich gebechert. Und wenn man betrunken ist, kommt man schon mal auf allerhand blöde Ideen...

Gegen Mitternacht hielt ein Freund des Geburtstagskindes, 17-jährig, es für unglaublich lustig, in den Speiseaufzug des Lokals zu kriechen. Der Gastgeber hielt es für noch viel lustiger, den Startknopf für diesen Aufzug zu drücken, obwohl der Jüngere sich noch gar nicht komplett hineingezwängt hatte. Was danach folgte, war dann mit Sicherheit für alle Anwesenden überhaupt nicht mehr lustig.

...

Die Feuerwehr brauchte eine Stunde, um den 17-Jährigen aus dem Speiseaufzug zu befreien.
Am nächsten Tag ist er im Krankenhaus gestorben.

...

Als meine Mutter mit dem Erzählen dieser Geschichte fertig war, liefen mir Tränen die Backen runter. Ich habe keinen der Beteiligten gekannt, aber die Vorstellung, dass jemand sein junges Leben eingeklemmt in einem Speiseaufzug aushauchen muss, die Dimension dieser Sinnlosigkeit ist mir unerträglich. Gewiss, jeder Tod eines jungen oder auch nicht so jungen Menschen scheint einem auf seine eigene Art und Weise sinnlos. Doch das Bizarre dieser speziellen Begebenheit will und will mich nicht loslassen. Wieder und wieder spielt sich das Ganze vor meinem inneren Auge an, und alles in mir zieht sich zusammen.

Zwiegespalten bin ich beim Gedanken an den Gastgeber der Feier: hin und her gerissen zwischen maßloser Wut über so viel Dummheit und Mitleid. Es wird nicht leicht für ihn sein, mit dieser Schuld zu leben.

Meine Mitbewohnerin, eine große Zynikerin, kommentierte den Vorfall, als ich ihr davon erzählte, nur mit einem einzigen Wort: "Evolution".

5 Antworten

Kommentare

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    Unfassbar. Genau diesem Kontrollverlust gehe ich inzwischen aus dem weg, auch wenn mir sowas sicherlich nicht einmal betrunken passiert wäre ...

    06.06.2008, 18:22 von Don-negro
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      @[Benutzer gelöscht]
      Trauern ist äußerst gesund, auch wenn es eine schwere emotionale Arbeit ist.

      Und ich kenn das, um jemanden zu trauern, den ich nie kannte - einfach, weil die Situation so sinnlos war. Und man kann da auch nicht aufrechnen, worum man eher trauern sollte, sondern einfach das Gefühl zulassen, wenn es passiert.

      09.09.2008, 16:04 von LudwigMartin
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      @[Benutzer gelöscht] Das ist sie, auf jeden Fall. Ich beziehe mich damit ja auf den nicht minder geschmacklosen Kommentar meiner Mitbewohnerin. Aber ich lass mir was einfallen.

      06.06.2008, 15:49 von Maibowle
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