AlexB1985 21.12.2008, 23:36 Uhr 2 0

Tante Elfriede und Tante Lisbeth

Tante Elfriede ist 79 Jahre alt, Tante Lisbeth 86. Beide fahre ich nach Hause. Tante Else (92) und ihren Mann Onkel Fritz habe ich schon gefahren..

Tante Else, Tante Elfriede und Tante Lisbeth sind Schwestern meines bereits verstorbenen Großvaters väterlicherseits. Also streng genommen sind die die Tanten meines Vaters, aber wenn ich die beiden ohne den Vornamen Tante ansprechen würde, dann würde irgendwas nicht stimmen. Ich sehe die beiden nicht sehr oft, einmal im Jahr vielleicht. Ihre Schwester Tante Else öfter, da sie in der Nachbarschaft meiner Eltern wohnt.
Heute war wieder einer dieser Tage: Meine Mutter feiert ihren 50. Geburtstag mit den Onkels und Tanten, die Party mit den Freunden ist schon lange Vergangenheit. In unserem Wohnzimmer tummeln sich 16 Menschen, alle jenseits der 70. Reife Leistung eigentlich.

Tante Elfriede kommt vor Tante Lisbeth (die übrigens Elisabeth heißt), bricht sofort in Tränen aus. Ihre Enkelin, meine Großcousine, hatte am Vortag einen Autounfall. Ihr ist nichts passiert, Brustbein gebrochen. Aber dennoch ist Tante Elfriede total aufgelöst. Ich stehe daneben und bin peinlich berührt. Meine Eltern retten die Situation, in der sie sie erzählen lassen, was genau passiert ist. In solchen Situationen bin ich immer total überfordert. Aber erst Tante Else (die heißt auch Else..), ihre große Schwester und jenseits der 90 schafft es, sie zu beruhigen. Während des Essens war meine Familie damit beschäftigt, für Essen und Getränke zu sorgen. Und je später der Mittag wurde, desto mehr Leute verließen den Geburtstag wieder. Bis am Ende die drei Schwestern meines Opas, Elfriede, Lisbeth und Else und deren Mann Fritz übrig blieben. Nachdem ich letztere beiden nach Hause gefahren hatte, war es an der Zeit auch Tante Lisbeth und Tante Elfriede heimzubringen. Zunächst fuhr ich zu Tante Lisbeth zu ihrem Haus. Sie lud mich ein, mir das Haus anzuschauen, dass sie in den 60er Jahren gebaut hatte, mit ihrem verstorbenen Mann. Ein typisches kleines Häuschen, stolz zeigte sie mir jeden Raum. Keine modernen Möbel, kein Ikea, aber viele Bilder und sehr gemütlich. Die Küche noch so, wie sie vor 40 Jahren gebaut wurde. Heute wäre sie ziemlich stylisch. Als ich ihr das sagte, lächelte Tante Lisbeth stolz. Sie ist jung geblieben für ihr Alter, dabei ist sie Jahrgang 1921. Sie meinte mit einem breiten Grinsen, dass das an den fleißigen Studentinnen läge, die in ihrem Haus wohnten. Das wäre sogar richtig international: eine Chinesin, eine Katsachin (sollte Kasachin heißen..) und eine, die grade in England war, was für Tante Lisbeth irgendwie bedeutet, dass sie auch aus England kommt, obwohl dem natürlich nicht so ist. Sie zeigte mir stolz ihr „Paradies“, wie sie es nannte. Eine kleine Ecke auf der Terrasse, viel Grün und überdacht, im Sommer ein traumhaftes Fleckchen Erde.
Als Tante Elfriede und ich gingen, schien sie traurig. Es war viertel nach fünf und der Sonntag noch lang für eine alte Dame ohne Mann, und deren Kinder verstreut. Ich ließ den Motor an, und war etwas wehmütig, Tante Lisbeth hat bestimmt viel zu erzählen. Von der Zeit, wo sie und ihre beiden Schwestern allerlei Unsinn trieben, Äpfel klauten und auf Bäume kletterten. Von der Zeit, in der Tante Else im Krieg ihren ersten Mann verlor, von den Entbehrungen und der harten Arbeit in der Landwirtschaft. Sie hätte noch viel erzählen können an diesem Sonntag, denn das kann sie gut. Sie würden sicher gern davon erzählen, wenn man Interesse zeigt. Man müsste sie nur mal fragen.
Tante Elfriede ist etwas ruhiger als Tante Else oder Tante Elisabeth. Aber mindestens genauso herzensgut. Immer wenn wir uns sehen, nennt sie mich zwar beim Namen meines Vaters, strahlt mich aber so an freut sich, wenn ich ihr dabei aus dem Mantel helfe und erkläre, dass ich eigentlich der Alexander bin. Manchmal bin ich auch der Stefan oder der Thomas, das sind meine Cousins. Dennoch ist sie nicht senil, sie kommt einfach mit den Namen etwas durcheinander. Elfriede ist 1929 geboren, fast 80 Jahre alt. Auf der Heimfahrt erzähle ich ihr vom Studium, ihre Enkel (meine Großcousinen und Großcousins) studieren teilweise ähnliche Fächer, sodass sie erstaunlich viel weiß. Wir unterhalten uns über Kinder, wie sie früher waren und was sich heute an Problemen auftun. Tante Elfriede redet nicht über Krankheiten oder Arztbesuche. Auch Tante Elfriede bot mir an, mit herein zukommen. Hier saß die halbe Familie versammelt. Wie anders war doch das Bild im Vergleich zu Tante Lisbeth. Auch hier blieb ich eine Weile, unterhielt mich mit Menschen, die ich seit 3 Jahren nicht gesehen hatte.
Nach einer Dreiviertelstunde fuhr ich nach Hause. Für eine Strecke, für die ich etwas über eine halbe Stunde gebraucht hätte, habe ich fast 2 Stunden gebraucht. Aber ich habe sie mit zwei Tanten verbracht, 79 und 86 Jahre alt. Was in dieser Zeit gelernt habe? Sie haben viel zu erzählen, wenn man ihnen ein wenig zuhört.

2 Antworten

Kommentare

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    stimmt, wenn ich drüber nachdenke, hat man nach dem lesen ein schlechtes gewissen. sollte eher darauf hinweisen, dass alte menschen eigentlich auch ganz spannend und humorvoll sein können.. lustig war es, als die eine tante beim aussteigen aus dem auto gepupst hat, ich gesagt habe, dass viele trompetenkäfer unterwegs sind und wir zu dritt gelacht haben.. ;)

    26.12.2008, 19:34 von AlexB1985
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    Und gleich ist das schlechte Gewissen ein wenig größer geworden! :-(

    26.12.2008, 11:17 von MiJamaus
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