leonie_tara 14.12.2017, 10:02 Uhr 1 1

Tänzerin

"In mir brannte ein Feuer aus Sehnsucht zu gehen, aus Sehnsucht zu bleiben."

Zum Geburtstag habe ich dir eine Karte geschrieben. Meine Zeit in Schottland war atemberaubend schön, ein letzter Urlaub mit meiner Familie bevor ich mich lossagen wollte.

Ich habe dir eine Karte geschrieben, aus einem Museum in Glasgow, in dem ich gerade so viel Zeit hatte mir eine der vielen Ausstellungen anzusehen und dort habe ich dieses Bild gesehen.

Eine Tänzerin mit einem Tuch aus Feuer, ein weißes Kleid, geschlossene Augen, in Bewegung gefangen. Sie sieht aus, als würde sie in zwei verschiedene Richtungen gezogen werden, als müsste sie weiter, will aber bleiben. Aus ihr sprechen Freiheit, Schmerz und Feuer – sie spricht aus sich, sie spricht aus mir.

Ich habe dir eine Karte geschrieben, das Bild: die Tänzerin. Ich habe dir geschrieben, dass ich denke, dass dieses Bild gerade sehr gut passt – weil ich mich lossagen werde, weil ich in meine Freiheit ziehen muss, weil in mir ein Feuer brennt.

Und nachdem du sie bekommen hast hast du geschrieben. Das Gemälde sei zu dunkel für Freiheit – es spricht eher für Leidenschaft und Sehnsucht. Und du hast Recht, so wirkt sie, so tanzt sie, so brennt sie.

In mir brennt ein Feuer. Ich wollte in die Freiheit, wollte mich lossagen, wollte reisen und die Welt erkunden, doch in mir diese Sehnsucht nach Sicherheit, diese Sehnsucht nach Freiheit und eigentlich, eigentlich war ich mir in dem Moment nicht sicher, ob ich gehen wollte. Vermutlich nicht. Ich musste.

Ich musste gehen, weil ich nicht mehr weiter kam. Meine Tage wurden sich immer ähnlicher, ich hatte keine Aufgabe, das Forderndste waren die Ängste in mir, vor Neuem, vor Altem, davor so zu bleiben, wie ich bin. Ich musste gehen, weil ich wusste, dass ich mich verändern muss und hier nicht weiterkomme. Ich musste gehen und so wollte ich, ich hatte Sehnsucht nicht mehr nach fernen Ländern, sondern nach einem neuen Ich, nach mehr als dem, was ich der Welt bieten konnte. In mir brannte ein Feuer aus Sehnsucht zu gehen, aus Sehnsucht zu bleiben. Ich hatte die Leidenschaft verloren, die ich in der Tänzerin wiederfand.

Zum Geburtstag habe ich dir eine Karte geschrieben. Ich habe dir beschrieben, wie sie auf mich wirkt, du hast geschrieben, dass du es anders siehst, und du hast geschrieben, was ich vielleicht gefühlt habe. Sehnsucht.

Ich suche immernoch. Seit ich unterwegs bin, Nomade seit ein paar Wochen mit nichts als meinem Rucksack auf dem Rücken, suche ich. Ich finde Schlafplätze, Essen und beeindruckende Orte, doch ich fühle nicht, was ich fühlen wollte. Ich wollte wieder Leidenschaft spüren, wollte mehr als ein schätzendes Nicken und das Wissen, dass was ich sehe unglaublich ist. Stattdessen finde ich alles in Ordnung, logisch betrachtet wunderschön, weil es so anders ist. Ich vermisse mein zu Hause nicht, dich nicht, ich vermisse Situationen und ab und an das Essen, doch wenn man es genau betrachtet, so fühle ich nichts.

In mir dieses Feuer, dieser Wunsch auszubrennen um endlich leidenschaftlich zu leben, zu lieben, zu fühlen. Neu anzufangen und trotzdem ich zu bleiben. Nur anders, neu zu werden, mehr zu werden. Ich kann nicht zurück, bevor ich nicht mehr bin, ich kann nicht zurück, bevor das Feuer in mir mich nicht mehr auffrisst, sondern für das Leben brennt.

Zum Geburtstag habe ich dir eine Karte geschrieben.


Waldbrand // Madeline Juno
Need the sun to break // James Bay






Tags: Sehnsucht, Reisen, Selbstfindung, Freundschaft
1

Diesen Text mochten auch

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 1

    Hat ein paar interessante Reflexionen.

    Ich
    habe dir eine Karte geschrieben, das Bild: die Tänzerin. Ich habe
    dir geschrieben, dass ich denke, dass dieses Bild gerade sehr gut
    passt – weil ich mich lossagen werde, weil ich in meine Freiheit
    ziehen muss, weil in mir ein Feuer brennt.


    Und
    nachdem du sie bekommen hast hast du geschrieben. Das Gemälde sei zu
    dunkel für Freiheit – es spricht eher für Leidenschaft und
    Sehnsucht. Und du hast Recht, so wirkt sie, so tanzt sie, so brennt
    sie.



    Das fand ich gut, weil es die unterschiedlichen Sichtweisen auf Dinge von Menschen verdeutlicht. :)

    15.12.2017, 18:09 von Fin_Fang_Foom
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare