goodnightmoon 16.09.2015, 12:10 Uhr 4 2

Suchen ist was für Feiglinge

Mal angenommen, wir würden einfach stehen bleiben. Die Gedanken im Kopf zügeln, an die Leine nehmen und ihnen verbieten, umherzureisen und -zukreisen.

Suchen ist was für Feiglinge. Für Feiglinge und Faule. Denn eine Suche impliziert ein imaginäres Chaos, das Jonglieren von Möglichkeiten, das Ausruhen auf dem Wissen, dass die Lösung irgendwo ist, ganz nah, nur eben nicht gerade hier. Wer noch sucht und nicht gefunden hat, muss sich nicht erklären, sich nicht festlegen, kann behaupten, noch nicht fertig zu sein und sich ganz nebenbei seiner Verantwortung entziehen.

Jeder hat diesen einen Freund, der immer verträumt dreinschaut, von dem man nicht weiß, ob er gerade in der Nähe oder auf einem ganz anderen Kontinent ist, angetrieben von seinem Lebenshunger und der Suche nach sich selbst. Dieser erzählt dann von seinen Erlebnissen, Begegnungen und wirkt so weise und so unglaublich philosophisch. Wie interessant jemand ist, der so denkt und lebt. Wie reich an Leben.
Wir hören gebannt zu, nippen an unserem allabendlichen Bier in der Hand und nicken mit dem Kopf. Wir fühlen uns ach so verstanden. Zwei zusammengeschweißte heimatlose Seelen. Und irgendwie verleiht einem das ein Gefühl von Freiheit, ein Gefühl von Unendlichkeit. Vielleicht gehören wir ganz woanders hin, vielleicht müssen wir noch etwas ganz anderes erleben. Vielleicht. Unsere Einstellung gibt uns die Lizenz zum rastlosen Leben, zum Reisen und zur Unabhängigkeit.

Aber mal angenommen, wir würden einfach stehen bleiben. Die Gedanken im Kopf zügeln, an die Leine nehmen und ihnen verbieten, umherzureisen und -zukreisen. Einfach da sein, aufhören zu suchen und akzeptieren, dass genau hier, an genau diesem Ort, das Leben in Ordnung ist. Dass es keine Ferne gibt und keine Situation, die aus uns in diesem Moment einen besseren Menschen machen würde. "Langweilig, bist du", schrie dann der Kritiker in uns, "Da geht noch mehr, viel mehr." Aber wenn wir uns einfach taub stellten, unsere innere Stimme einfach ignorierten, dann würden wir verstehen, dass wir damit einen Fund machten, der alles andere als langweilig, sondern vielmehr von Mut geprägt ist.

Zuzugeben, dass man in diesem Moment das Beste ist, was man sein kann, dass wir nichts anderes brauchen, um interessanter zu sein und dass die Welt uns genau so braucht, wie wir sind; das alles erfordert größten Mut. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und in Risiken verbirgt sich das Risiko und nicht die Chance. Ein völliger Trugschluss und Betrug an uns selbst. Denn würden wir aufhören, bequem zu sein, läge uns die ganze Welt zu Füßen. Vorbei wäre die Suche nach dem Superlativ. Wir wären glücklich am Freitagabend auf der Couch, würden zugeben, dass der vermeintlich langweilige Job uns eigentlich ganz glücklich macht und jede Reise wäre ein Gewinn. Ein Gewinn an Erlebnissen, Eindrücken und Emotionen - aber kein Gewinn an uns selbst. Wir müssten uns nicht neu entdecken, weil wir ganz einfach schon sind.

Suchen ist was für Feiglinge. Für Feiglinge und Faule. Das ist doch paradox. Ein Chaot leistet viel mehr, strengt sich an, ist waghalsig und das Gegenteil von spießig. Genau das, was ich sein will. Und genau das, was ich nicht bin.

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    Suchen ist was für Feiglinge und Faule - find ich etwas drastisch formuliert. Warum ein Chaot mehr leistet versteh ich auch nicht so ganz, aber wurscht. Es ist ein Unterschied ob man nach was auch immer sucht oder vor dem mit-sich-selber-auseinandersetzen flüchtet. Was ich hier vor allem rauslese, ist, dass der Erzähler bzw. du ein wenig neidisch (b)ist - auf die Leute, die es schaffen, ihren Arsch zu heben. Dass Menschen, die viel herumkommen und Neues kennenlernen, wahrscheinlich mehr zu erzählen haben, als der Mensch der ewig lang am gleichen Ort bleibt und immer das Gleiche erlebt, liegt auf der Hand. Und "Suchen" beinhaltet irgendwo auch immer etwas Aktives, vielleicht sogar Anstrengendes . Die Sucher sind auch die, von deren Erfahrungen und dem Wissen, was damit einhergeht, wir auch profitieren.  

    19.09.2015, 07:06 von Agmokti
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    Ich lese "Gedanken an die Leine nehmen", "ignorieren", "verbieten umherzureisen", "keine Ferne". Aber wozu das alles?


    Du sagst "Suchen ist was für Feiglinge, die sich dabei auch noch ihrer Verantwortung entziehen."
    Ich sage, wer aufhört zu suchen, der resigniert.

    Verstehe mich nicht falsch. Dein Text ist interessant, aber verwende mal ein Synonym für "suchen". Sowas wie "entdecken". Hat schon weniger was mit "feige sein" zu tun, oder? ;)

    16.09.2015, 14:31 von Sir_Tobi
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      Sicher, entdecken hat viel weniger mit Feigheit zu tun. Entdecken kann man an dieser Stelle aber nicht unbedingt als Synonym verwenden. Dinge zu entdecken, sich weiterzuentwickeln, das alles ist zweifellos eine Bereicherung. Aber an dieser Stelle ist "Suchen" eher mit dem ständigen Streben nach "mehr wollen" gemeint.

      18.09.2015, 16:42 von goodnightmoon
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  • 1

    Hej voll cool geschrieben...

    ...geht mir auch öfter so :)

    16.09.2015, 13:22 von Tourbillon
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