wirsindamselbenheimwehkrank 13.09.2017, 15:55 Uhr 1 4

Stillleben

Die Lichterketten erfüllen nur unzulänglich ihre Aufgabe.

Zu erkennen sind nur die Silhouetten. Wir liegen in einem Haufen aus Armen und Beinen nebeneinander, übereinander, ineinander auf dem Teppich. 
“Wo bleibt er denn schon wieder?” “Keine Ahnung, er meinte vor ner Stunde, er wäscht noch den Frischkäse mit Kümmel aus seinem Regenschirm. Der Kümmel war das wichtigste an der Info. Ist halt nicht irgendein Frischkäse, weisste?
 “Muss schmunzeln bei dem Gedanken an den “Freunde sind Familie, die man sich aussuchen kann.”Spruch. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass auf unserem Frühstückstisch jemals Kümmelfrischkäse stand und das ist auch gut so. Es riecht nach nassem Hund, mir fallen die Haare von Paul ins Gesicht. Kollektives Zusammenschrecken beim Klingeln an der Tür. 
“Ach manno, ich wär fast eingeschlafen`” murmle ich beleidigt und bleibe als einzige liegen, während alle wild durcheinander springen. 
In dem Display meines Handys spiegelt sich mein müdes Gesicht, ansonsten sagt es mir, dass es draussen Regnet, was beim Anblick der kleinen, patschnassen Person, die schwer atmend den Raum betritt, kaum zu bestreiten ist. 
“Puhhh, war das eine Odysee, ich dachte ich komme nie an!”
In der Küche wird gestritten, wo man den Flaschenöffner hinverlegt habe. 
Ich stehe auf um mich einen Raum weiter auf die Couch fallen zu lassen. Jemand hält mir ein Glas Wein entgegen. “Trink das, danach bist du wieder fit”
. Ein verachtender Blick. “Du kennst mich einfach zu gut”. 
Beobachte kurz die Kulisse, Lou und Monty die gegenseitig mit Kochlöffeln auf sich einhauen und Paul der mit einem Nudelsieb auf dem Kopf daneben steht und fröhlich verkündet : “Heute hab ich auf Arbeit überall an unüblichen Orten Radieschen versteckt! In den Henkeln der Kaffebecher, zwischen 2 Computern, auf dem Garderobenständer drauf und sogar in der Jackentasche eines Kollegen!”.
Die Begeisterung hält sich in Grenzen, wundern tut sich hier jedoch  niemand mehr über solch Geschichten. “Ìch freu mich schon wenn du gekündigt wirst, wegen Belästigung durch Radieschen!`” sage ich hämisch grinsend und Lou lässt kurz ihren Kochlöffel sinken um mir zuzustimmen, worauf hin Monty ihr mit seinem auf den Kopf haut und somit scheinbar gewonnen hat. 
Die anderen 3 Streiten sich um 2 Aufbackpizzen. Einer fehlt, um unser Bild zu vervollständigen. 
“Denkt ihr denn, er kommt bald wieder?” ich räuspere mich, meine Stimme klingt zu weich. 
Kurz ergibt alles ein perfektes Standbild, jeder hält in seiner Bewegung inne, 5 Augenpaare fokusieren mich. 
Lou ergreift als erste das Wort. “Mensch, du machst dir aber auch immer Sorgen. Den ganzen Tag lang zerbrichst du dir dein hübsches Köpfchen, natürlich kommt er bald wieder, er kam bisher immer zurück, manchmal dauert es länger, manchmal weniger lang.`”
Mein Gesicht fängt an zu brennen und ich verschlucke mich auf der Suche nach Worten. Mein Husten ist ein eindeutiges Zeichen für alle, dass sie wieder ihren Beschäftigungen nachgehen können und somit endet die Konversation.
Mein Blick schweift aus dem Fenster, im Schimmer des Laternenlichts glaube ich ihn sehen zu können, wie er zu uns rauf sieht und lächelt. Ich lächle zurück. 
Eine Hand legt sich auf meine Stirn. “Hast du Fieber? Das ist dein erstes Glas Wein heute, oder? Was lächelst du so manisch aus dem Fenster, siehst du Gespenster?”
“Besser”denke ich und ziehe den Vorhang zu

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Kommentare

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    oh, sehr schön geschrieben, ich mag

    14.09.2017, 14:03 von 1otangoci
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