Ace-in-the-Hole 03.08.2014, 01:09 Uhr 0 1

Stan Ground

Der Countdown to madness beginnt, Du würdest bestimmt tierisch drüber lachen, I know the feeling bro.

Laufen.

Ironischerweise lief das immer glatt.
Kein Hinkefuß, kein Asthma. Nur klein und fett.

„Fünf Minuten!“ brüllt Herr Spieß.
Bevor er einem Jungen auf den Hinterkopf schlägt.
Seine Stimme, der Knall und das stete, dumpfe Trampeln der knapp dreißig Füße sind alles was ich höre.
Mein Herz hämmert direkt in meinem Hals.
„Drei Minuten!“ die breiten Hände, hinterm massiven Rücken verschränkt geht Herr Spieß von der Tür in die Mitte der Turnhalle.
Jeder noch halbwegs bei Sinnen weicht ihm in einem Abstand von fünf bis acht Metern aus.
Das Schnaufen der Masse wird lauter, die Ersten werden langsamer.
Ihr Kopf kreischt: „Renn!“ doch ihre Beine betteln: „Pause?!“.
„Zwei Minuten extra!“ Herr Spieß schiebt zwei von uns zur Seite.

Parallelklasse. Ich kenne weder ihre Namen noch habe ich oft mit ihnen zu tun.
Trotzdem tun sie mir leid.
Das Feld lichtet sich. Die Traube aus Tauben, Zombies und den Sportlern löst und bricht hier da.
Jene die von Muskelkater, Durst und Erschöpfung durchzuckt werden gehen in die Knie oder stützen sich an Wänden, und den Bänken die daran verlaufen, ab.
Die Sportler ziehen an mir vorbei, verfallen für die letzten Sekunden nochmal in einen Sprint.
Way to go.
Unter den Tauben, deren Wille sie über die Grenzen ihres Körpers hinaus trägt, bin ich einer der Letzten.
Doch wir stoppen erst als Herr Spieß ruft: „Und Stop!“.
Hände auf den Knien beuge ich mich vor, fühle mich als müsste ich meine Eingeweide auskotzen aber kriege kaum ein Würgen hin.
Schweiß durchtränkt Shirt und Hose, fließt in Bächen an mir herab.
Und spült mir übers Gesicht, als meine Fresse den Hallenboden trifft.
Nachdem sein Fuß meinen Arsch trifft.
„Schwuchtel“ lacht er und hält sich die Seiten. Seine Kumpels lachen und prusten.
Herr Spieß stellt den Ballkorb neben die Tür und wirft den Sack mit Springseilen in die rechte Hallenecke.
„6A, je zwei ein Seil, Fünf Minuten Einspringen!“
Patrick oder Paddy wie ich ihn nenne, damit er ab und an mal schmunzelt, schlürft neben mich.
„Wir zwei“ sagt er. Outcasts sind immer vereint. Egal wie sehr er Golden Boy mag und ich nicht.
Ich rolle mich auf die Seite und komme langsam hoch. Fühle mich wie ein Fisch an Land, drei Sekunden bevor er seine Restfeuchte verliert.
Herr Spieß steht weiterhin in der Mitte der Halle.
Grinst, schüttelt den Kopf, leckt sich über die dünnen Lippen, spannt seine Oberarme an.
„Willst du zuerst?“ fragt Paddy. Ich finde meine Stimme nicht und schüttle nur den Kopf.
Vorsichtig, tapsig und eigentlich mit Null Bock fängt Paddy an und tritt abwechselnd mit den Füßen über das Seil nachdem es den Boden berührt.

„Springen Patrick nicht stolpern!“ brüllt Herr Spieß und macht einen Schritt in unsere Richtung.
Genug Drohung damit Paddy drei halbe Sprünge versucht, bis Herr Spieß sich wieder umdreht.
Zu den Mädchen oder den Sportlern. Egal, Hauptsache weg von uns.
„Jetzt du“ sagt Paddy und hält mir das Springseil hin.
Ich blicke von dem grauen Seil zu Paddys fleischigem Gesicht und hebe nur die Augenbrauen.

„Einspringen vorbei! Antreten!“ Herr Spieß wendet sich von der 6B ab und stampft zu der Bank auf der die Klassenbücher liegen.

Der Countdown to madness beginnt, als Paddy und ich uns auf das letzte Bisschen Bank quetschen.

„Mädchen zuerst“ Herr Spieß zieht die Bank näher zu uns, setzt sich breitbeinig darauf und zieht seinen Kulli aus der Brusttasche. Er wirkt lächerlich klein in seinen riesigen Händen.

Wie so oft, sind die Mädchen zwar zuerst dran, aber auch scheinbar schneller durch.
Einzig jene die sich schon aus dem Larvenstadium gepuppt haben müssen länger springen.

Nicht richtig gezählt, zu schnell gesprungen, oder oder oder.

Jedes Mal stubst mich Paddy in die Seite „Hey guck“ „Boar sieh nur“ „Woar“.

Meine Augen bleiben auf dem Hallenboden gerichtet. Auf den grauen, verschmierten Boden auf den mein Schweiß tropft und dunkle Flecken hinterlässt.
„Jungs!“ brüllt Herr Spieß und meine Nackenhaare stellen sich reflexartig auf.

Die Sportler zuerst, ich bete das sie sich Zeit lassen aber fuck it.

Keine zwei Minuten sind zehn Jungs durch. Auch er.

Er wirft das Springseil auf den Boden und grölt „Pisse ja!“.
Herr Spieß grinst ihn an, zeigt dann auf den nächsten Jungen und krümmt den Finger wie einen Fleischerhaken.

„Scheiße“ zischt Paddy neben mir. Gleich ist er dran. Ich will ihn umarmen. Sagen das alles gut wird. Ihm versichern das es in wenigen Sekunden vorbei ist.

Nur wissen Paddy und ich das es niemals so sein wird.

„Patrick!“ Herr Spieß brüllt ihn direkt an.

Paddy steht auf und trabt die verschmierte Meile bis zu dem Springseil ab.

„Was ein Arsch!“ „Fette Sau“ „Schwule, fette, Schwuchtel“.

Ehrlich Paddy, wenn ich könnte würde ich dich hier und jetzt erschießen.
Durch den Hinterkopf damit du es nicht kommen siehst, und Herr Spieß auch noch was abbekommt.
Du würdest bestimmt tierisch drüber lachen.

Wenn ich könnte, aber mir fehlt die Knarre dazu.

Also halte ich einfach meine Augen auf den Boden gerichtet und blende die Häme und den „Ansporn“ von Herr Spieß aus, soweit es geht.

„Patrick ich sagte SPRINGEN!“.

Ich denke an Nach-der-Schule. Zuhause, Videospiele, Stille.

Irgendwann setzt sich Paddy wieder neben mich. Zitternd, verschwitzt und bis zu den kurzen Haarspitzen gefüllt mit kochender Wut.

I know the feeling bro

Die Nächsten gehen Stück für Stück vorbei.

Herr Spieß kümmert sich nicht um sie. Hakt sie lediglich ab. Schüttelt den Kopf und blickt dann wieder zu den Mädchen aus der 6B.

Die Sportler haben sich derweil schon jemanden zum Verarschen gesucht.

Nicht Paddy. Nicht mich. Oh happy days.

Er heißt Thomas, glaube ich. Rangiert eigentlich noch über mir und Paddy.

Allerdings hat er vorhin beim Seilspringen gefurzt, und muss nun dafür zahlen das er ein Mensch ist.

Ein paar Schläge hier, Arschgeburten-Kombos dort.

Bevor ich herausfinde warum er anfängt zu schluchzen, finden mich die Augen von Herrn Stieß.

„Anton“

Meine Beine stemmen den Rest von mir automatisch hoch. Gegen jegliche Vernunft.

Schritt für Schritt komme ich dem Seil näher. Wie auf den Galgen zu zugehen.

„Heute noch!“ brüllt Spieß und sofort stehe ich vor dem Seil. Eine Hand geöffnet.

Doch etwas hält mich zurück. Panik schießt durch meinen Körper.

Es ist doch Alles wie sonst auch.

Herr Spieß wird mich beleidigen, die Sportler hinter mir werden jedes kleine Bisschen an mir mit ihren Worten verätzen. Und ich tue was auch immer Herr Spieß sagt, bis er genug hat und mich auf die Bank schickt.

Aber meine Hand zittert nicht.

Und mein Hirn überspringt die nächsten sicheren Schritte des Opferritus.

Meine Hand dreht sich um hundertachtzig Grad, mein Blick wandert hinauf bis ich mich Auge in Auge mit Herrn Spieß finde. Und ich krümme drei Finger und den Daumen zur Faust.

Leises Raunen hinter mir und das Schnauben eines Stiers vor mir.

So tief und kräftig das meine Klamotten flattern.

„Was?“ Herr Spieß schlägt das Klassenbuch zu und lässt es auf die Bank fallen.

Das Knallen hallt in der gesamten Halle nach.

Gedanken überschlagen und verknoten sich in meinem Kopf.

Ich will kreischen, fliehen, mir den Arm abhacken, um Gnade flehen.

Doch mein Körper gehört nicht mehr meinem Hirn.

Langsam senkt sich die Hand und der Mittelfinger gilt für eine Sekunde noch den Sportlern hinter mir bevor er mit der Faust verschmilzt.

Herr Spieß macht einen gewaltigen Schritt von der Bank und steht plötzlich keinen Meter vor mir.

Wo bliebt der Panikschweiß?

„Willst du mir etwas sagen!?!“ seine Worte schießen als Windkanal aus dem Schlund.

Eigentlich hat er mich gerade an die Wand geblasen.

Doch mein Körper steht noch immer da wo ich jedes seiner Schnauzbart-Haare einzeln zählen kann.

„Ja“ sagt eine Stimme und ich erschieße mich innerlich als ich fühle wie sich meine Lippen bewegen.

Paddys Wille springt vor und will mich stoppen.

Mein Hirn evakuiert sich in die Tiefen des Wahns.

Ist alles nur ein Traum. Das bin nicht ich. Das kann nicht ich sein!.


„Mach deinen schwulen Scheiß alleine, du perverses Stück Scheiße“.



Ich bin tot.

Ohne Witz. Herr Spieß schlägt Jungs für viel weniger. Einfach so. Weil sie ihn stören. Weil er Langeweile hat. Weil er Sportlehrer ist.

Ob blanke Handfläche oder einfach mal die Faust in den Bauch.
So ist er.

Diese Stille die nun die Halle für sich vereinnahmt.

Man hört jeden Basketball alleine ausdribbeln, jeden Zahn klappern, jeden Schweißtropfen aufschlagen. So laut wie Trommeln.

Jeden Moment wird Herr Spieß eine seiner Medizin-Ball-Fäuste heben und auf mich runter krachen lassen.

Mich an Ort und Stelle in eine Pfütze aus rotem Brei verwandeln.

Ich sollte beten und mich von allem und Jedem verabschieden.

Doch statt Panik, Angst oder nackter Furcht ist da nur dieses ruhige Gefühl in meinem Magen.

Ich kann es nicht klar deuten, bis mein Hirn aus den Tiefen emporsteigt und es mir zuflüstert.

In diesem Moment, Augenblicke vor meinem sicheren Tod durch den Sportlehrer, spüre ich was es heißt cool zu sein.

Keine Angst, Sorgenfrei, zwei Meter groß, tough und...

Holy sh#t!
Einer meiner Mundwinkel ist sogar leicht nach oben gezogen.

Herr Spieß blickt mich aus seinen blau-grauen Augen an.

Sein Gesicht scheint etwas an Farbe verloren zu haben.

Dann, in Zeitlupe, hebt sich einer seiner Stahlträger-Arme. Die Faust geballt.

Good-bye cruel world.

Dieser Moment, wenn man die Liste macht was es alles zu bereuen gibt, scheint endlos.

„Was ist hier los?“


Frau Held flitzt von der Tür in die Mitte der Halle.

Herr Spieß öffnet eilig seine Hand und senkt den Arm herab.

Frau Held ist kleiner als er, älter als er und ja sie ist eine Frau.

Doch Frau Held ist best Amigos mit dem Rektor.
Klar sie ist auch Sportlehrer, doch wenigstens behandelt sie jeden von uns gleich schlecht.

„Anton hat sich mir gegenüber respektlos verhalten“ sagt Herr Spieß wobei seine Worte wie ein Wasserfall aus Lava auf mich herunterlaufen.

„So?“ Frau Held sieht mich an „Dann kommst du jetzt mit junger Mann“ ein Stirnrunzeln zu Herrn Spieß. „Sie kommen hier zurecht, Stefan?“. Herr Spieß grunzt nur, wie ein Bär der sich die Pfeile aus der Brust zieht und das kleine Kind am Ende, trotzdem gehen lassen muss.


Tags: Heute, einstehen
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