Soul Motion Ride
So gesehen gibt es nichts, was ich für dich tun könnte. Außer hier zu sitzen und dir zuzusehen.
Vorsichtig fragend blicke ich in dein Gesicht, in diese Augen, die mir manchmal eine Gänsehaut bereiten. Immer dann, wenn ich glaube, dass sie mir in ihren schwersten Stunden irgendetwas sagen wollen, welches ich nicht verstehen kann.
Von denen ich nicht weiß, was sie tatsächlich sehen, wenn es um sie herum so dunkel wird. Die mir manchmal den Eindruck vermitteln, dass sie dann erst recht leuchten, was mir aber total widersinnig erscheint.
„Glaubst du, irgendwann wird es ganz verschwunden sein?“, frage ich leise, während du dasitzt, die Beine übereinander gekreuzt, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, einem gelassenen Lächeln um die Mundwinkel herum, welches seinen Ursprung woanders nimmt.
Besonnen bist du heute, ruhst irgendwie in dir selbst, weshalb du einen Augenblick verstreichen lässt, bevor du mir antwortest.
„Ich hoffe es. Wissen tue ich es nicht. Mal glaube ich daran, mal nicht. An einem Tag habe ich das Gefühl, ich könne Berge versetzen und am nächsten glaube ich, dass mich ein einzelnes Staubkorn erdrücken könnte.“
Dann stehst du schon wieder auf und schnappst dir ein Staubtuch. Seit Stunden beobachte ich nun deinen Tatendrang, mit dem du beinahe federleicht tänzelnd deine Wohnung auf Hochglanz bringst. Immer wieder beginnst zu singen, wagst ein kurzes Tänzchen mit dem Staubsauger, erzählst mir deine besonders schönen Geschichten. So, als sei nichts von dem Menschen übrig geblieben, den ich gestern in deiner Wohnung antraf.
Wortlos, scheinbar ohne jegliche Emotion, außer dieser unendlichen Traurigkeit. Der ziellos umher lief, alles Mögliche anfasste, um es sogleich wieder fallen zu lassen. Mit leerem, stumpfen Blick in den Fernseher blickte und ich mich fragte, ob er überhaupt etwas von dem Geschehen hinter dem Bildschirm mitbekam. Von dem ich nicht auf eine einzige Frage eine Antwort erhielt. So, als wäre ich überhaupt nicht anwesend.
Immer wieder hatte ich zu dir hinüber gesehen und mich gefragt, was in aller Welt so schief gelaufen ist. Dir ging es doch schon so viel besser.
Als könntest du meine Gedanken lesen, hältst du kurz inne.
„Ich weiß, dass ich dir viel abverlange, dass ich deine Geduld fürchterlich strapaziere. Aber ich kann es dir nicht erklären, ich weiß doch selbst nicht, warum es so ist, wie es ist.“
„Du könntest dich dagegen wehren, versuchen, dagegen anzugehen. Kämpf gegen dich selbst, wenn es sein muss.“ Ich traue mich kaum dies auszusprechen, aber ich muss es einfach.
„Glaubst du denn, dass ich es nicht versuche? Denkst du, dass ich an Tagen wie gestern nicht kämpfe? Das sind die Tage, an denen ich die größten Kämpfe führe, die mich soviel Kraft kosten, dass ich nichts anderes tun kann.“
Ich atme tief durch, bin froh, dass die Ruhe weiterhin mitschwingt, in deinen Worten. Dass heißt, wir können darüber sprechen.
„Was ist es, was immer wieder aus dem Nichts diesen Kurzschluss in deinem Kopf auslöst?“
Grinsend setzt du dich wieder zu mir.
„Kurzschluss, das Wort beschreibt es in der Tat sehr gut. Das bin ich wohl selbst, die überladende Stromleitung, die nicht rechtzeitig ableiten kann. Es ist nicht so, als würde es sich immer leise anbahnen, so dass man es rechzeitig genug spüren kann. Meist ist es einfach so da, scheinbar ohne jeglichen Grund. Genauso kann es von jetzt auf gleich wieder weg sein. Und manchmal schaffe ich es, den Schalter noch umzulegen, bevor es knallt. So wie heute. Gestern hat es gewonnen, heute ich.“
Du sagst dass so, als würdest du es akzeptieren, doch ich weiß, dass du es nicht tust. Nie können wirst. Wahrscheinlich wirst du dich solange an dir selbst reiben, bis nichts mehr von dir übrig bleibt. An Tagen wie heute bin ich des Glaubens, dass deine Reibungsfläche noch viele Jahre, Jahrzehnte, ausreichen wird. An Tagen wie gestern warte ich fast darauf, dass sie bricht. Die letzten Funken dich mit einer unbarmherzigen Hitze verbrennen, dich bis zur Unkenntlichkeit entstellen werden und ich niemanden mehr zeigen kann, wer du eigentlich bist. Es dir keine Zeit lässt, um dich selbst zu finden.
Ich kenne andere deiner Art. Doch keiner von ihnen erscheint mir so sprunghaft, wie du. Du bist eine Achterbahn mit nicht enden wollende Loopings, die irgendwann aus dem Nichts auftauchten, aber schon immer da waren, wie ein Virus, den du schon immer in dir getragen hast und der eines Tages ausbrach.
So gesehen gibt es nichts, was ich für dich tun könnte. Außer hier zu sitzen und dir zuzusehen. Heute mit einem Lächeln.
Denn heute, heute hast du gewonnen."Wichtige Links zu diesem Text"
Seelenverwandt




Kommentare
...wieder mal ein Text von dir, den man sacken lassen muss.
23.11.2007, 00:49 von Kiyan...ziemlich lange sogar.