Sonntagssehnsucht
Eigentlich könnte ich ewig so fahren, auf der Autobahn, zwischen all den lichtern, in ewiger Aussicht, endlich bald anzukommen.
Die Schneehaufen schmelzen zaghaft im müde auftauenden Frühling, die Nächte werden milder, die Kleidungszwiebelschalen dünner. Es war ein langer Winter. Einer der längsten, die ich je erlebt habe.
Manchmal passiert es, dass eine Party zu ende geht und, so geil sie auch gewesen sein mag, ein Gefühl der Sehnsucht und Unzufriedenheit in mir zurücklässt. Ich weiß oft nicht warum, oder was es ist, es ist einfach nur da und lässt mich in herangrauenden Morgenstunden, wenn es dann auf einmal so furchtbar still ist und die Erinnerungen an die Nacht noch lange im kopf nachhallen, in meinem Zimmer, aus dem ich die Welt beinahe schon ganz ausgesperrt habe, sitzen und gedankenverloren Fixpunkte ins Nichts hauen, auf der suche nach der Antwort auf das Gefühl, das mich trotz all der erlebten extase nicht zufrieden einschlafen lässt. Es ist das gleiche Gefühl, das den grauen, trockenen Sonntag noch grauer und trockener werden lässt und mir zeigt, warum ich ihn so verabscheue. Jetzt denke ich, es ist die Einsamkeit. Das wissen, dass die Party noch so geil sein kann und mir jedes Quäntchen Leidenschaft abfordert, ich aber am darauffolgenden Tag dennoch immer allein bin. Niemand, der mit mir Erinnerungen an besondere Momente des abends teilt oder austauscht, kein Telefon, das klingelt, wenn mich ein anderer Nachzügler der Nacht mit verschlafener stimme anruft, niemand der mich zum Kaffee oder zum späten Frühstück bittet, weil uns Abende, wie der vorangegangene miteinander verbinden, niemand, der mich mit einem Blick wissen lässt, dass wir in einem entscheidenden Augenblick das leben voll ausgekostet haben. Ich sitz einfach nur da und eigentlich ist alles genau wie gestern oder vorgestern, oder als wäre ich gar nicht auf der Party gewesen. Vielleicht gab es da diese reichhaltige Fülle an Momenten, die einzig nur dann zählten, aber jetzt, da ich über ihren Rand hinausblicke, kommt es mir so vor, als hätte es keinen unterschied gemacht. Das Ergebnis ist das selbe. Ich sehe mir Bilder von Menschen an, die ich kenne, die da waren, oder da gewesen sein könnten, sehe sie mit anderen reden, und die intensive Nacht in einem perfekten miteinander ausklingen lassen. Nur ich sitze hier, allein, nach mehreren hundert blicken auf die Startseiten meiner sozialen Netzwerke, die sich so wenig ändern, wie hartnäckige Schneehaufen im Februar, keinen wesentlichen schritt weiter oder zurück, und treibe schwermütig auf dem Gefühl der Sehnsucht, während Paul Kalkbrenner mir von der nacht vorsingt, von Menschen, die gemeinsam sind, in Gedanken füreinander und im räumlichen Sinn. Die Autos ziehen draußen vorbei und ich bilde mir ein, sie im Zeitraffer zu sehen, stelle mir vor, auf der Autobahn zu fahren, irgendwohin, zu irgendwem, in irgendeine Stadt, an einen Ort, der mich mit dem hier und jetzt erfüllt und endlich meine Sehnsucht stillt.
Eigentlich könnte ich ewig so fahren, auf der Autobahn, zwischen all den lichtern, in ewiger Aussicht, endlich bald anzukommen.




Kommentare
alter...das war so schön wie traurig. schön, mal wieder was aus deiner feder zu gesicht zu bekommen. auch wenns schon von gestern ist. trotzdem.
09.06.2010, 00:34 von rancy_nancy