bratapfel-suess-sauer 13.03.2018, 10:05 Uhr 2 6

sonntagnachmittagsdepression

sonntagnachmittagsdepression

Er stand an einer ecke im regen und versuchte sich einen zigarillo anzustecken. Das feuerzeug wollte nicht. Er tastete die taschen seines trenchcoats ab, fand aber kein anderes. Ansprechen wollte er auch niemanden. Also dann eben nicht. Nebenan hatte der imbiss noch geöffnet und er bestellte ein bier und eine bratwurst. Hier drin war es wenigstens trocken. Er setzte sich an einen der hinteren tische und zog die jacke aus. Sonst befanden sich nicht viele gäste in dem laden. Bratwurst und bier – der einzige trost an einem sonntagabend. Er hasste sonntage. Ab dem nachmittag, so gut wie an jedem gottverdammten sonntag, bekam er schlechte laune. Er nannte das spöttisch seine „sonntagnachmittagsdepression'“. Auf die war verlass. Er aber unfähig, etwas dagegen zu unternehmen. Was hätte er auch machen sollen? Freunde treffen, ins kino gehen, die familie besuchen? Man konnte nichts tun und je eher man sich damit abfand und diese tage und stunden einfach aushielt, umso schneller hatte man sie hinter sich. Bloß nicht dagegen ankämpfen. Das machte alles nur noch schlimmer. Als er die bratwurst gegessen hatte und das bier leer war, bestellte er noch ein weiteres. Bier half ein bisschen. Aber er hätte schon mindestens zehn trinken müssen, um die düstere stimmung zu vertreiben. Und das wollte er nicht. Hatte er früher schon manches mal zu oft gemacht und versuchte nun die mengen geringer zu halten. Kaffee, nikotin und alkohol. Das waren seine gifte, seine helfer, seine tröster. Mit anderen drogen hatte er es nicht so. bzw. war irgendwie nie dazu gekommen. Kiffen hatte ihm außerdem von anfang an nicht gefallen. So hat wahrscheinlich jeder ein gespür für drogen, die zu ihm passen. Und eben auch für solche, die nicht passten. Vielleicht hatte es auch etwas mit aufrichtigkeit oder angst zu tun. Je weniger man sich selbst belog, desto einfacher war es, durchzuhalten. Wenn man sich nicht mal mehr auf sich selbst verlassen konnte, wie sollte man dann die tage überhaupt überstehen? Er war sich ziemlich sicher, dass er als junkie nach kürzester zeit selbstmord begangen hätte. Einfach weil er diesen stress nicht ertragen hätte. Und vielleicht auch, weil er gar nicht so sehr am leben hing, wie andere das von sich behaupteten. Der tod, das absehbare ende, war ein großer trost. War die versöhnung mit dem leben. Wer will schon ewig leben? Ewiges leben musste die hölle sein. Von daher war es schon ganz ok, wie sich das ganze hier auf erden gestaltete. Und so blieb er noch ein wenig sitzen, beobachtete den regen und wusste, dass auch dieser sonntag bald vorüber sein würde.

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2 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ich habe gleich Durst auf Bier bekommen - ist da nicht noch ein Radi im Kühlschrank?

    13.03.2018, 21:05 von eszett
    • 0

      bei mir immer


      13.03.2018, 21:16 von bratapfel-suess-sauer
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