odradek 19.04.2007, 23:42 Uhr 18 24

Songül

Ein modernes Märchen

In dem Haus, in dem meine Oma lebte und das meiner Mutter gehörte, wohnte auch eine türkische Familie. Ahmed, seine Frau und sechs Töchter. Die jüngste war ein paar Jahre älter als ich. Immer wenn wir meine Großmutter besuchten, spielten wir zusammen, am liebsten zwischen den Steinen, die mein Onkel schon seit Jahren nur mal kurz zwischengelagert hatte, falls er sie einmal für das Haus brauchte, an dem er schon seit zwanzig Jahren baute. Die Steine waren mit einer Plastikplane abgedeckt und im Laufe der Zeit hatten Moos und Gräser davon Besitz ergriffen, kleine Pfützen hatten sich gebildet und darin tummelte sich allerlei Ungeziefer, das wir stundenlang untersuchten. Meine Mutter sah es gar nicht gern, wenn wir uns dort aufhielten, aber zwischen den Steinen, die meterhoch in den Himmel ragten und auf denen man so schön klettern konnte, ließ es sich gut verstecken.

Unsere Freundschaft war eine Sommerfreundschaft. Selten nahm sie mich mit in ihr zuhause und fast nie trat ich über die Schwelle. Meistens klingelte ich nur und Songül öffnete die Tür einen Spalt und huschte nach draußen, zu schnell um einen Blick hinein erhaschen zu können. Wenn ihre Mutter öffnete, eine kräftige Frau in Röcken und mit wiegenden Schritten, dann öffnete sie die Türe weit und bat mich freundlich, aber wortlos hinein. Vorsichtig ging ich in die fremde Wohnung, sog fremde Gerüche ein, es roch würzig und modrig. Der Flur war früher quadratisch und rechts hatte man eine Mauer errichtet, dahinter war das kleine Bad. Durch den dunklen Flur trat man in das Wohnzimmer. Links ging eine Tür zum Schlafzimmer der Eltern und rechts war die Küche, fensterlos wie eine Höhle. Dann gab es noch einen kleine Kammer. Abends holten die Mädchen ihre Matratzen aus der Kammer, rückten die Möbel beiseite und legten sich auf den Wohnzimmerboden zum Schlafen.

Songül saß auf der Couch und machte ihre Hausaufgaben, sie machte immer Hausaufgaben, wenn ich sie abholte. Mit krummem Rücken beugte sie sich über ihr Heft und schrieb mit kleiner, sorgfältiger Schrift. Wenn sie noch eine Weile brauchte, brachte ihre Mutter uns auf einem Silbertablett Tee in kleinen Gläsern mit Goldrand und lächelte breit, so dass ihre Goldzähne blitzten. Dann ging sie wieder mit schweren Schritten zurück in die Küche und die Dielen knarzten unter der Schicht Teppichböden. Alle paar Jahre klebte Ahmed eine neue Tapete über die alte, legte einen neuen Teppichboden auf den alten im Wohnzimmer und einen neuen PVC-Boden in die anderen Räume. Die restliche Zeit saß er auf der Bank vor dem Haus.

Meine Mutter sagte jedes Mal, wenn eine der Töchter in der vierten Klasse war: “Ahmed, schick deine Tochter auf das Gymnasium, sie ist doch klug.” Dabei hat sie die Fäuste in die Seite gestemmt und gleichen Blick aufgesetzt, wie wenn wir Kinder was ausgefressen hatten. Meine Mutter war keine sehr diplomatische Frau.

“Allah hat mich gestraft,” sagte Ahmed dann nur kummervoll, “sechs Kinder und nur Töchter.” Songül war eigentlich ein Jungenname und Ahmed drückte damit wohl seinen innigsten Wunsch nach einem männliche Nachfolger aus, den er mit der Geburt seiner sechsten Tochter endgültig begraben hatte. Die zwei ältesten Mädchen heirateten Männer aus der Türkei, die sie noch nie zuvor gesehen hatten und zogen in ein Land, das ihr Vater ihre Heimat nannte. Doch mit den Jahren wurde Ahmed milder und er stellte es seinen Töchtern frei Kopftücher zu tragen und sich ihre Ehemänner selbst auszusuchen. Aber Songül war die einzige, die auf das Gymnasium durfte.

Dreißig Jahre lang jammerte er bei meiner Mutter, dass er ausziehen wolle, in die Stadt, wo es viele andere Türken gab, aber die Mieten sind zu teuer. Als meine Schwester in das Haus ziehen wollte, jammerte Ahmed immer noch, dass er nicht ausziehen könne und als Anfang Herbst die Heizung ausfiel, ließ sie meine Mutter einfach nicht reparieren. Meine Mutter war keine sehr diplomatische Frau. Sofort hat Ahmed eine billige Wohnung gefunden und ist ausgezogen.

Tage verbrachten wir in der Wohnung, rissen Tapeten von den Wänden und Teppiche von Boden, das Bad war mit Schimmel überzogen und die Küche mit einer Fettschicht. Zum ersten Mal schaute ich mir die Wohnung genau an und fragte mich zum ersten Mal, wie dort acht Menschen leben konnten, als Kind hatte ich das doch auch schon gewusst, aber vielleicht hatte ich die Vorstellung, dass Ahmed und seine Familie irgendwo ein großes Haus hatten, so wie wir, und dass sie eigentlich in diesem großen Haus lebten und nur immer in dieser engen, muffigen Wohnung waren, wenn ich auch dort war. Aber wahrscheinlich habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht und ich im Nachhinein war ich froh, dass Songül nie bei mir zuhause war.

Von ihr habe ich nie mehr etwas gehört. Bis ich letztes Jahr in einer dieser Hochglanzzeitschriften blätterte, die meine Mitbewohnerin immer kaufte. Mein Blick blieb an einem Namen hängen. Songül. Ein kurzer Text, der von einem türkischen Mädchen erzählt, das in einem kleinen Dorf in meiner Gegend aufwuchs und nach dem Abitur nach Berlin ging und inzwischen als Grafikdesignerin sehr erfolgreich ist. Daneben ein Bild, eine fremde, selbstbewusste Frau, mit schwarzen Haar und schwarzen Augen. Aufrecht, fast herausfordernd blickt sie in die Kamera, kein krummer Rücken ist zu sehen. Ich hätte sie nicht erkannt, aber ich glaube nicht, dass es viele türkische Mädchen mit diesem Jungennamen gibt.

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18 Antworten

Kommentare

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    Bin mir sicher, dass Songül diese Tage in der muffel-Wohnung nicht vergessen hat. Und ein dankbar-stolzer Mensch ist.

    Schöner Text!

    12.10.2007, 01:48 von Sherbet
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    Schön! Aber hast Du mal versucht, mit Ihr Kontakt aufzunehmen? Wäre doch bestimmt interessant, wenn Ihr Euch nach so langer Zeit nochmal sehen würdet, oder?

    23.05.2007, 20:33 von Principessa
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    PS: ES müsste heißen:

    "Liebe Leute, dass Songül k e i n Jungenname ist...."

    Vielleicht immer noch nicht angekommen, dass es sich um einen Mädchennamen handelt?

    Selamlar, lilaj

    05.05.2007, 01:59 von lilaj
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    Ich kenne "Songül" nur als weiblichen Vornamen. Einige meiner Kusinen, auch ein paar Freundinnen und Bekannten tragen diesen Namen.

    Es bedeutet "letzte Rose".

    Kein Junge würde einen Namen in Verbindung mit einer Rose bekommen.

    Dennoch eine nette Geschichte.

    Liebe Grüße, lilaj

    05.05.2007, 01:57 von lilaj
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Liebe Leute, dass Songül ein Jungenname ist, ist inzwischen auch bei mir angekommen, so schwer von Begriff, wie ihr vielleicht glaubt, bin ich nicht.

    02.05.2007, 10:11 von odradek
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    songül ist kein jungenname und gibt es eigentlich recht häufig :)

    01.05.2007, 23:09 von zepney
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    suuuper text!!

    01.05.2007, 22:29 von Kalendertinte
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    sehr toller text. Freut mich endlich mal sowas zu hören.

    01.05.2007, 19:36 von Streicherin
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    hach *seufz*

    :)

    Ist mehr der Wunsch der Vater des Gedanken, dass Songül in dem Artikel DIE Songül war, die Du kanntest?


    MC

    01.05.2007, 04:16 von SirMCPedta
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