TinaHubi 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

So verabschieden wir uns also?

Es ist der Lauf der Dinge, die Zeit rast, es muss so kommen. Das weiß jeder. Der Tod gehört dazu, wie das Leben. Nur, kann ich ihn nicht akzeptieren.

Du liegst da, wie ein Häufchen Elend, das sich nicht nach links, nicht nach rechts wenden kann. Wie ein Käfer, der keine Kraft hat, sich umzudrehen. Nur viel schwächer, noch viel schwächer.

Es ist der Lauf der Dinge, die Zeit rast, es muss so kommen. Das weiß jeder. Der Tod gehört dazu, wie das Leben. Nur, dass es mir so schwerer fällt, ihn zu akzeptieren.

Wir hatten keine enge Bindung, dafür wohnst du zu weit weg, dafür hatten wir zu wenig Kontakt und dafür war ich wohl viel zu egoistisch. Hatte nur mein eigenes Leben im Sinn. Jetzt stehe ich neben deinem Krankenbett und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass du mir noch mal Geschichten aus dem Krieg erzählst. Mir stündlich Essen machst und ich: „Ach, Oma. Ich habe keinen Hunger“ seufzen müsste. Mich schimpfst, weil ich keine Socken trage. Noch einmal… Wie egoistisch von mir.

Du schaust mich an, blickst in mein trauriges Gesicht, zwinkerst, schaust wieder weg. Es ist ein grauer Tag. Fürchterlich grau. Ich frage, wie es dir geht. Du nickst. Was du heute getan hast? Gelegen, gewartet. Dich über die Minuten gefreut, in denen Du keinen Schmerz gespürt hast. Du lagst einfach nur da. Hast gewartet, dass der Tag vorbei geht. Hast gewartet, auf – ich weiß nicht was.

Du wirst wie ein kleines hilfloses Kind in einem furchtbar alten Körper.

Die weiße Bettdecke ist bis ganz weit oben zu deinem Kopf hochgezogen, dein Halstuch spitzt gerade noch so raus. Ich versichere dir, wie gut es dir steht. Ich glaube, du bist ein bisschen stolz.

Abschiednehmen fällt schwer. Es fällt mir schwer, deinen kleinen Körper da so liegen zu sehen, deine faltigen, blauen Hände anzufassen, die Vergänglichkeit vor Augen zu haben, zu wissen, dass ich dich wohl nie wieder sehen werden, sobald ich die Tür hinter mir geschlossen habe.

So verabschieden wir uns also? In einem kalten weiß gestrichenen Krankenhauszimmer? An einem fürchterlich grauen Tag? Es ist die Erfüllung eines schrecklichen Klischees. Die letzten Worte, werden sie Sinn ergeben? Der letzte Blick, ich weiß nicht, wie er ausfallen soll. Du wolltest nie, dass ich dich so sehe. So schwach, so abhängig von Schläuchen, Krankenschwestern, Infusionen. Doch jetzt tue ich es.

Ich stehe neben deinem Bett. Wir warten. Wir warten, bis du die nächsten Tabletten nehmen musst, bis dir deine Suppe gebracht wird, die du ja doch nicht essen wirst, bis es draußen dunkel wird, bis wieder ein Tag vergangen ist. Wir warten einfach darauf, dass die Zeit wieder ein Stückchen vergangen ist.

Pläne schmiedest du schon lange nicht mehr, du denkst seit Monaten nur soweit, wie deine silberne Armbanduhr sich drehen kann. Dein ganzes Leben könnte in ein paar Stunden vorbei sein, vielleicht sind es noch ein paar Tage, vielleicht wird sich der Zeiger noch mehrmals um die eigene Achse drehen.

Du zehrst von den Geschichten von früher. Zumindest hoffe ich das, male es mir so in meinem Kopf aus, um ein bisschen inneren Frieden zu finden.

Es könnte jeden Moment vorbei sein, was muss nur in deinem Kopf herum gehen? Wie fühlt es sich wohl an, da zu liegen und zu wissen, gleich wird der Schlussstrich gezogen? Wie nimmt man wohl die letzten Minuten wahr, versteht man, was da passiert?

Es fehlt dir die Kraft, dich zu bewegen. Es fehlen mir die richtigen Worte. In der Luft - das Gefühl von Leere. Und ich warte. Warte mit dir. Keiner sollte seinen letzten Weg alleine gehen müssen.


 

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