lalina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 60 71

So und nicht anders

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie wirklich willkommen.

Er meldet sich an einem Freitagabend. Ob ich morgen Zeit hätte für einen Kaffee, er sei in der Stadt. Als ich zusage, rechne ich fest mit seiner Absage kurz vorher. So hatte er es immer getan. Nur dieses Mal wäre es mir egal. Ich nenne den Namen eines Cafés weit weg von meiner Wohnung und den Wegen, die wir in unserer gemeinsamen Zeit verfolgten.

In der Nacht schlafe ich kaum. Was einst Vorfreude war, ist einer Unsicherheit gewichen, die sich nicht definieren lässt. Pünktlich stehe ich in den Klamotten vom Vortag am Treffpunkt, noch pünktlicher wartet er in seinem neuen Auto. Ich erinnere mich, dass er damals zu mir sagte, er freue sich so auf sein neues Auto und dann würden wir hier und dorthin fahren. Ich wusste schon damals, dass wir diese Zeit nicht erleben würden. Er war sich so sicher.

Als er aussteigt, sage ich: „Schöner Wagen.“ Er grinst, dreht eine Runde um seinen Wagen direkt auf mich zu. Und mit einmal weicht die Unsicherheit einer solchen angespannten Sicherheit. Ich will nicht, dass er mich berührt. Geschockt tue ich einen großen Schritt zurück auf die Straße. Hinter mir bremst ein Wagen mit quietschenden Reifen. Ich wusste es schon immer: er ist lebensgefährlich.

Irritiert stocken seine Arme in der Bewegung, die eine Umarmung formen wollten. Der Autofahrer schimpft nach mir. Er pöbelt zurück. Ich fasse ihn am Arm und sage: „Lass!“ Ein Stich durchfährt mich, als ich seine Haut berühre. Es ist so lange her. Es sind Wochen und Monate vergangen seitdem.

Er schließt die Augen, als meine Finger über seinen Arm streicheln. Ich sehe es genau, sage aber nichts. Im Café bricht die Kellnerin die Stille zwischen uns. Die üblichen Floskeln haben wir längst ausgetauscht. Sie standen uns nie. Wie wir uns immer über die Leute amüsierten, die kein anderes Thema als das Wetter hatten. Heute beschwert er sich über die Hitze und wünscht sich Regen.

Ich sage nichts dazu und rede auch sonst nicht viel. Ich weiß auch nicht worüber und kann mir kaum noch vorstellen, dass die Übergänge damals immer so fließend waren. Gerade ringen wir nach Worten, formulieren unsicher Sätze und müssen die Konversation durch gekünstelte  Fragen am Leben erhalten. Aber eigentlich ist mir gar nicht danach. Ich will nur hier sitzen, ihm dabei lauschen, wie er die Stille kaum aushält, aber auch sonst keine Idee hat, was er machen könnte.

Als die Kellnerin zum Abkassieren vorbeikommt, fragt sie: „Getrennt oder zusammen?“ Ich antworte: „Getrennt.“ Er: „Zusammen.“ Ich denke, hätte er wohl gerne und lege die 2,60€ auf den Tisch plus 40 Cent Trinkgeld für die Störung. Nun laufen wir doch wieder durch die Straßen sowie wir es damals so oft in meinen Straßen taten. Automatisch fange ich an zu erzählen, entspanne mich langsam und auch er wird immer lockerer mit jedem Schritt, den wir uns nicht direkt in die Augen schauen müssen.

Ich denke an unser letztes Treffen. Die Endgültigkeit, die wir uns damals geschworen hatten, als ich weinend im Auto neben ihm saß und er seine Hände ans Lenkrad klammerte und traurig nach unten schaute. Alles, woran ich damals denken konnte, war, dass er mich nicht liebt. Heute, jetzt gerade in diesem Moment, würde ich das nicht mehr beschwören. Da ist so etwas wie Liebe in seinem Blick, wenn er mich anschaut, so etwas wie Sehnsucht und Vermissen.

Damals war kein Platz für mich in seinem Leben. Jetzt redet er davon, dass er langsam zur Ruhe kommt und ihm etwas fehlt, wenn er morgens im Dunklen das Haus verlässt und erst abends wiederkommt, wenn die Dämmerung schon lange eingesetzt hat. Dass er dann alleine an seinem Küchentisch sitzt und sich an andere Zeiten erinnert. Dass es eben doch nicht nur auf einen gutbezahlten Job, teure Klamotten und die vielbeschworene Unabhängigkeit, die er nie aufgeben wollte – auch nicht für mich oder besonders nicht für mich -,  ankommen würde.

Ohne es zu bemerken, habe ich uns zurück zu seinem Auto geführt. „Ja dann“,  sage ich und bleibe mit verschränkten Armen vor ihm stehen. Er setzt wieder zu einer Umarmung an. Ich schüttle den Kopf. Er nickt und es glitzert in seinen Augen. Damit hatte er wohl nicht gerechnet und ich selbst bin erschrocken über meine Kälte ihm gegenüber, war ich ihm doch mal der wärmste Mensch.

Er steigt ein, hebt seine Hand zum Gruß, als ich durch die Heckscheibe blicke. Cool wie eh und je.

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie wirklich willkommen.

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60 Antworten

Kommentare

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  • 3

    drei mal gelesen - drei mal gefühlt. toll geschrieben!

    15.10.2012, 00:06 von Federstaub
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  • 1

    Oh man...genau das passt zu meinem Jahr 2012!! Genau so ist es mir auch passiert.... -.-

    11.10.2012, 13:38 von CurlyKatha
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  • 0

    Im letzten Satz kann ich keinen Sinn finden. Ich dachte, sie sei willkommen bei ihm. 

    11.10.2012, 12:09 von mrs.mango
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  • 0

    Prinzipiell erkenne ich mich in Ihm ja wieder, aber ich weiß jetzt auch wieder, warum ich nie auf so eine bescheuerte Idee kommen würde, meine Ex auf einen Kaffee einzuladen...

    09.10.2012, 20:34 von EvilEvo
    • 0

      Kann ja noch kommen ... wenn du dich im Rest auch wieder erkennst.

      11.10.2012, 12:24 von Tanea
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  • 2

    Es ist sehr schwer, zu erfassen, was ein anderer  wirklich denkt und zu erkennen warum er was tut und nicht nur die eigenen Gedanken reinzuprojezieren.

    Das ist mir beim lesen des Textes so eingefallen.

    07.10.2012, 14:47 von Tanea
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  • 1

    Ich finde diesen Text sehr sehr sehr schön! Egal wieviele gute andere, vllt auch bessere Texte du schon geschrieben haben magst. Es gibt Momente da braucht man genau diese Worte und kann sie in diesem einem Momment so sehr fühlen und lieben.
    Danke!

    05.10.2012, 16:40 von anleko
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  • 0

    Danke !

    05.10.2012, 16:17 von Sternelle
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  • 0

    lalina, du hast echt schon ein paar Texte geschrieben, die bedeutend besser waren. Der hier ist zwar nicht schlecht, aber eben auch nicht mehr. Mir fehlt da irgendwas, so das gewisse etwas, der Funken.

    05.10.2012, 13:46 von wittchenschnee
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  • 12

    egomane Gefühlsduselei. ihr solltet euch mal mit der Welt beschäftigen, in der ihr lebt - nicht immer nur mit euch selbst, das ist ermüdend und langweilig. 

    05.10.2012, 01:58 von derWaschbaer
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  • 5

    ,,Ich will nicht, dass er mich berührt. Geschockt tue ich einen großen Schritt zurück auf die Straße. Hinter mir bremst ein Wagen mit quietschenden Reifen. Ich wusste es schon immer: er ist lebensgefährlich."

    beste Stelle!

    04.10.2012, 23:45 von Tora
    • 2

      'Geschockt mache tue ich einen großen Schritt zurück auf die Straße.'

      Dann wärs der Lit.-Nobelpreis, nich?

      05.10.2012, 11:10 von quatzat
    • 2

      Näh, hört sich an wie ein Zitat aus "Twilight" oder "Shades of Grey".....

      05.10.2012, 12:54 von SsEeVvDdAa
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