Selfmade Personalities
Das sich selbsterziehende Kind
Autoritär? Antiautoritär? Die goldene Mitte? Von allem etwas? Die Frage nach der "richtigen" Erziehung" wird wohl nie vollständig zu beantworten sein. Eltern machen Fehler, das ist klar. Weil sie Menschen sind. Ein Beispiel, warum es trotzdem so wichtig ist, einen "Erziehungsplan" zu haben und ihn immer wieder zu überprüfen:
Insbesondere unser Vater wuchs in einem überwiegend autoritären Elternhaus auf. Beide großelterliche Erziehungsstile sind insgesamt eher kritisch zu bewerten. Beweggrund meiner Eltern, mich und meinen Bruder gänzlich anders zu erziehen.
Als ich zur Welt kam waren meine Eltern gerade mal Anfang zwanzig und seit einem Jahr ein Paar. Vier Jahre später folgte mein kleiner Bruder.
Die Erziehungsrichtlinien meiner Eltern sahen folgende Punkte vor:
1. Es wird nicht geschlagen.
2. Die Kinder sollen ihren eigenen Weg gehen.
Sprich: Absolut antiautoritär.
So geschah es dann auch; der Liste wurden keinerlei Punkte hinzugefügt.
Mit fünf Jahren bat mich meine Kindergärtnerin darum, in einem Theaterstück des Kindergartens die Hauptrolle zu spielen. Ich fragte meine Mutter nach ihrer Meinung. „Das musst du selbst wissen“ – die Antwort. Eine andere Antwort habe ich nie kennen gelernt.
Auch nicht, als die Entscheidung anstand, welche weiterführende Schule ich nach der Grundschule besuchen sollte. Ich wollte unbedingt aufs Gymnasium, weil alle meine Freunde dort hingingen. Meine Grundschullehrerin befürwortete diese Idee nicht. Auch das folgende schulpsychologische Gutachten nicht.
„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Hauptschule als am ehesten geeignet betrachtet wird, um die Leistungsmöglichkeit und Leistungsfähigkeit ihrer Tochter am ehesten…“
Pünktlich zum neuen Schuljahr besuchte ich die fünfte Klasse eines Gymnasiums, welches ich nach anderthalb Jahren gefrustet und völlig überfordert wieder verließ.
Meinen Bruder, der Schule ungefähr genau so schmackhaft fand wie Möhrengemüse, steckten sie gleich auf die Hauptschule, danach auf eine Schule für Kinder mit Lese-Rechtsschreib-Schwäche. Ein Kind, welches im zarten Alter von 10 Jahren bereits einen IQ von 110 aufwies, aber einfach nur zu faul war.
„Ich weiß ja wie das ist, wenn man so ungern zur Schule geht“, die Aussage meiner Mutter.
Wann und wie wir unsere Hausaufgaben erledigten, wurde uns mehr oder weniger selbst überlassen. Auch wie wir unsere Freizeit gestalteten. Im Alter von 14 Jahren wurde uns freigestellt, wann wir ins Bett gingen.
Ein Jahr später durfte ich Partys bis in die frühen Morgenstunden besuchen, ohne nähere Angaben des Veranstaltungsortes, der anderen Besucher, etc. „Vertrauen“ war das Zauberwort meiner Eltern. Sie vertrauten schlichtweg darauf, dass wir einfach keinen „Blödsinn“ anstellen würden. In Bezug auf meine Person sollten sie überwiegend Recht behalten; ich mutierte zu einem launischen Teenager, der sich in seine eigene Welt zurückzog, Unfrieden aller Art mied, Konflikten aus dem Weg ging und immer wieder mit einem immensen Ehrgeiz gute Leistungen in der Schule erzielte, alleine um den Eltern damit zu imponieren, was mir nur sehr bedingt gelang.
Mein Bruder wurde ein kleiner Rebell, schleppte die schrägsten Typen mit nach Hause, fuhr im Wissen unserer Eltern mit frisierten und nicht versicherten Mofas durch die Gegend, wurde etliche Male dabei erwischt.
„Ach Männlein.“
Papi zahlte die Bußgelder, sagte aber nichts weiter. Teure Wertgegenstände meiner Eltern verschwanden stets nach den Besuchen der ganz ominösen Freunde meines Bruders. „Nein, die Jungs können ruhig wieder kommen. Besser sie sind hier im Haus, da wissen wir wenigstens was geschieht.“
Von den diversen Drogen-Trips meines Bruders und seiner Clique, die unter den Augen meiner Eltern stattfanden, habe ich erst vor ein paar Jahren erfahren, unsere Eltern bis heute nicht.
„Da darf ich gar nicht mehr drüber nachdenken“, sagt mein Bruder heute sehr nachdenklich.
Fremde Jugendliche besaßen Schlüssel zu unserem Haus.
„Männlein, so geht das aber nicht.“
Am liebsten hätte ich meine Mutter geohrfeigt. Meinen Vater, als wir feststellen mussten, dass er sein Gewehr nebst Patronen weiterhin für jedermann frei zugänglich im Kleiderschrank lagerte, die sich mein Bruder mit 16 Jahren im geladenen Zustand an den Kopf hielt. Aus Liebeskummer.
Als ich mit 17 eine Beziehung mit einem verheirateten Mann anstrebte, kam der Satz, der kommen musste.
„Musst du selber wissen.“
Mein Bruder, knappe 14 Jahre alt, sah mich mit großen Augen an. „Dass kannst du doch nicht machen! Hör auf damit, solange du kannst.“ Und trotzdem durfte ich mich zweieinhalb Jahre später an seiner Schulter ausheulen.
Als ich meinen Eltern verkündete, dass ich meine erste Lehrstelle hinschmeißen wolle, wurde mein Vater tierisch sauer.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“
„Wenn sie doch nicht will“, der Protest meiner Mutter.
„Mach doch, was du willst.“
„Wisst Ihr überhaupt, was ich möchte?“
„Dass musst du selber wissen. Du machst das schon.“
Erst ein halbes Jahr, nachdem mein Bruder seine Lehrstelle heimlich, still und leise aufgegeben hatte, fiel auf, dass er morgens nicht dort hin ging, wo er vorgab hinzugehen.
„Ach Männlein, so geht das …“
Heute ist er EDV-Leiter eines mittelständischen Unternehmens, verdient auf gut Deutsch gesagt eine Schweine-Kohle und versteht sich außerordentlich gut darin, seine Mitarbeiter zu führen. Meine Wenigkeit hat mit süßen 19 Jahren ihre Ausbildung abgeschlossen, verdient zwar nicht so viel, aber so viel, um seit 10 Jahren auf eigenen Füßen zu stehen. In emotionaler Hinsicht sind mein Bruder und ich uns sehr ähnlich geworden, zweifeln ständig an uns selber, sind eher konfliktscheu, haben Verlustängste.
Unsere Eltern sind sehr stolz auf uns. Nur wir nicht auf uns selbst. Bei der alljährlichen Weihnachtsaussage unserer Eltern „wir sind ja stolz auf Euch und darauf, dass Ihr Eure eigenen Wege geht“, sehen wir uns skeptisch an.
Wir haben uns jeder für sich selbst Grenzen geschaffen, übertreten und sind diverse Male gestürzt. Haben es nicht immer verstanden; konnten wir auch nicht. Über manche Grenzen sind wir immer wieder schmerzhaft gestolpert, bis wir alt genug waren um zu erkennen, weshalb.
Mein Bruder ist inzwischen Vater einer kleinen Tochter, die auf liebevolle Weise durch ihre Eltern auch von Zeit zu Zeit ihre Grenzen aufgezeigt bekommt.
Neulich gab es einen kleinen Disput zwischen Eltern und Großeltern, da meine Mutter der Ansicht ist, die Lütte mit ihren zweieinhalb wisse schon selbst, wann es Schlafenszeit sei. Etwas brüsk reagierte sie auf den ausdrücklichen Wunsch meines Bruders, dass sie seine Tochter um die von ihm und seiner Frau vorhergesehene Zeit ins Bett bringt, wenn sie die Aufsicht über das Kind hat. Als sie sich hilfesuchend an mich wandte, gab es nur einen Satz von mir.
„Dass muss er schon selber wissen.“






Kommentare
ein sehr gut geschriebener text, den ich jedoch nicht von hier kenne ;D wir haben diesen artikel im pädagogik-unterricht bearbeitet!
20.11.2012, 18:10 von colschehab zufällig in der quelle gesehen woher der text ist.
Cooler Text.
16.03.2007, 13:00 von LudwigMartinIch glaub, das beste Erziehungselement (das einzige?), das Ihr von Euren Eltern bekommen habt, war, daß Ihr zu zweit gewesen seid.
Antiautoritär und Waschlappen-Mentalität sind was ziemlich Unterschiedliches. Nichts ist für Kinder schlimmer als meinungslose Erwachsene.
Wie man die Meinung rüberbringt, ist ne andere Frage.
Aber coole Antwort am Ende. :-)
Schoenen Gruss an Deine Eltern. *grinz*
16.03.2007, 08:36 von que_cheDie Geduld ist sehr wichtig. Danke fuer diesen Artikel. Diese Geduld moechte ich auch haben.
Und das werd ich ich weiss es. ;)
Daumen hoch! ich mag text die so frei geschrieben sind, als ob man einfach mit jemanden redet.
09.12.2006, 16:59 von anidAm liebsten würde ich auch so einen lehrenden und zum nachdenkenken erregendenText über meine Familiegeschichte schreiben, aber irgendwo sitzten viele Mamas und Papas in meinem Hirn und schreien: Privatsphäre!
Gut, dass du das machst!
Über Erziehung denke ich sehr viel nach in letzer Zeit. Bin zwar noch jung, aber Frau - also irgendwann werde ich auch Kinder haben.
Grenzen setzen - wie schützt man seine Kinder vor der pornografie in den Werbepausen, in Musikvideos und wie vor Blutlachen und fliegenden Körperteilen in Computerspielen?
ich finde es bewundernswert, wie detailgetreu du dein leben hier schilderst.
29.10.2006, 03:24 von wasesistauch kann man sich sehr gut in deine / eure lage hinein denken; meine eltern praktizieren zwar das "musst du selbst wissen"-prinzip nicht so konsequent wie es deine getan haben bzw immer noch, sogar auf die nächste generation bezogen, tun, aber da beide berufstätig sind und sich keine auszeit nahmen, bin ich auch ohne sonderliche hilfestellungen oder wegweiser groß geworden (oder werde es noch immer sozusagen). inzwischen hat es wohl mehr gute seiten als schlechte.
und vielen dank für deinen kommentar; ich muss aber leider zugeben, dass vor mir schon jemand auf die "kill bill" neudefinierung gekommen ist. :)
antiautoritär schön und gut, aber gewisse, selbst wenn seeehr grobe, umrandungen müssen doch wenigstens da sein.
23.10.2006, 02:40 von dudinkadiese art von erziehung klingt für mich zum großen teil wie "wir sind zu faul um uns unsere kinder zu kümmern, mal gucken was passiert wenn wir uns nich drum kümmern."
wenn kinder fragen kann man doch wenigstens anstöße geben oder so. selber denken braucht auch gewissen grundlagen.
@[Benutzer gelöscht] Wow, vielen lieben Dank für Deinen Kommentar, den ich teils fast mit geschwellter Brust gelesen habe. Ich werde ihn sicher noch einige Male lesen, denn da stehen einige Dinge drin, die ich im Moment nur schwer an mich ranlassen kann, aber sollte.
22.10.2006, 21:37 von the_actressDanke nochmals!