Schwesterherz.
Ich habe die letzte Stunde damit verbracht, mir Sorgen zu machen und zu heulen. So verbrachte ich viele Nächte in den vergangenen fünf Jahren.
Im Rückblick kommt es mir viel länger vor. Fünf Jahre. Als wäre es gestern gewesen, als meine Mutter mir mitteilte, dass es da ein Problem gäbe.
Man rechnet mit vielem im Leben, auch mit bösen Dingen. Man versucht, sich selbst darauf vorzubereiten, wie man damit umgehen wird - wenn jemand stirbt, ein Brand, ein Unfall. Das sind Dinge, von denen wir in der Zeitung lesen. Wir schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und sagen Dinge wie, "Wenn mir das passierte, ich wüsste nicht, was ich täte", und denken dann darüber nach, wie im Ernstfall zu verfahren wäre. Natürlich kann man sich nicht auf sowas vorbereiten. Das Schicksal trifft uns immer unvorbereitet. Aber dennoch gibt es in solchen Situationen Menschen, die helfen können. Die Menschen werden dich nicht ansehen, als seist du zu nichts zu gebrauchen. Wohl aber tun sie es, wenn du sagst, "Meine Schwester geht seit fünf Jahren nicht mehr zur Schule. Sie wird nächsten Monat 18."
Als meine Mutter mir sagte, meine Schwester hätte seit Wochen die Schule nicht mehr besucht, war das so unwirklich, dass ich es einfach nicht glauben wollte. In den folgenden Monaten kamen ständig Lehrer und Psychologen zu uns nach Hause. Der Alltag war beherrscht von Tränen, Geschrei, und Misstrauen. Diese Zeit war so voller Gift, dass ich es heute noch in mir spüre. Vielleicht werde ich es noch mit 80 spüren.
All die Besuche änderten nichts. Niemand hilft dir freiwillig, wenn du ihn nicht dafür belohnst - mit Erfolg, "Guck, diesen hoffnungslosen Fall habe ich geheilt!", oder eben Geld. Bußgeldbescheide kamen. Es änderte nichts. Meine Schwester weiß bis heute nicht, wie viel Geld es kostete, die Schule zu schwänzen. Die Stadt schickt nur Rechnungen. Ein Mensch kommt nicht vorbei, um mal nach dem Rechten zu fragen. Für das System, die Menschen in der Verwaltung, sind wir nur eine weitere asoziale Familie, für die sich der Aufwand eh nicht lohnt. Für mich ist das mein Leben, mit dem man mich im Stich ließ.
Der Abend und der Morgen in diesen Zeiten waren ein Alptraum. Abends schrien sich meine Mutter und meine Schwester über die Notwendigkeit des Schlafengehens an. Am Morgen schrien sie über die Notwendigkeit des Schulbesuchs. Sie mochten schreien so viel sie wollten, es änderte ja nichts. Meine Schwester betrat keine Schule mehr. Mit 13 raus aus der Schule - kein Abschluss, keine Perspektive, keine Zukunft. Asozial.
Natürlich wollten wir wissen warum, aber eine Erklärung gab sie uns aber nicht. Irgendwann fiel meiner Mutter ein Brief in die Hände. Nicht gemachte Hausaufgaben hielten sie vom Unterricht fern. Das war alles. Wegen ein paar blöder, beschissener Französischvokabeln ruinierte sie ihr Leben - und meins irgendwie auch.
Als ich dachte, es könne nicht schlimmer werden, nahmen sie sie mir weg. In eine Kinder- und Jugendpsychiatrie steckten sie sie. Monatelang. Erfolglos, natürlich. Die Stille, die nun zuhause herrschte, war noch weitaus schlimmer als jedes Wutgeschrei. Ich verbrachte so einen Geburtstag. Allein. Mein erstes Jahr in der Volljährigkeit hatte mir mit voller Wucht gezeigt, wie abartig es ist, erwachsen sein zu müssen. Von da an wollte ich nur noch eins: Mein Leben zurückspulen, ganz weit. Ich weigerte mich, älter zu werden.
Ein einziges Mal hat mich jemand gefragt, wie es mir dabei geht. Ausgerechnet mein Vater stellte die Frage. Er, der sowieso an allem schuld ist, weil er sich einen Scheißdreck um uns kümmerte, stand eines Tages in der Tür und versuchte, Superdaddy zu sein. Er brachte mich dazu, zusammenzubrechen, und ging dann wieder. Wie sie alle gingen. Sie ließen mich allein.
Meine Mutter rannte zum Psychologen. Mit mir redete sie nicht darüber, was sie fühlte. Niemand redete mit mir, was ich fühlte. So vergaß ich, wie das überhaupt geht. Alles, was mir blieb, war die Ohnmacht und die Tränen.
Die Krönung von allem waren die Lügen. "Erzähl das niemandem, wir kriegen das schon wieder hin." Ja, Mama. Natürlich, Mama. Niemand weiß davon, dass meine Schwester ungebildet und unfähig ist, sich selbst zu versorgen. Genau das sind allerdings meine größten Kritikpunkte an anderen Menschen. Es gibt Freunde, die wissen nicht mal, dass ich eine Schwester habe. Das liegt nicht daran, dass ich sie verleugne. Es gibt einfach nichts über sie, was ich ihnen berichten möchte, und Hausbesuch habe ich so gut wie nie.
Ich lebte mit der Lüge. Ich war kreativ genug, dass mir in jeder brenzligen Situation, die an der Wahrheit kratze, etwas passendes einfiel. Ein Leben, das sie nicht führte, das ich mir für sie wünschte, erfand ich ihr.
Mir wurde beigebracht, dass es in Ordnung ist, meine Familie - Großeltern, Onkel, Tanten - anzulügen. Dass dies niemals im Sinne meiner Schwester war, erkannte ich erst, als ich schon tief im Netz aus Unwahrheiten gefangen war. Ich sollte meine Mutter schützen. Sie wollte nicht von der Familie des Vaters ihrer Kinder mit guten Ratschlägen bombadiert werden. Sie wollte die Problematik vertuschen und selbst wieder hinbiegen. Wieso hat sie nie erkannt, dass es alleine nicht möglich ist?
Jetzt, mit 23, stehe ich an einem Punkt, an dem ich mit meinem Leben noch weniger weiter weiß als jemals zuvor. Ich möchte verschiedene Sachen ausprobieren, Praktika machen - und müsste dafür mein Zuhause verlassen. Müsste meine Schwester verlassen. Müsste mein 18jähriges Kind alleine lassen. Das kann ich nicht.
Unsere Mutter wohnt schon lange nicht mehr hier. Vor zwei Jahren lernte sie ihren neuen Freund kennen. Seitdem lebt sie bei ihm. Unter der Woche schaut sie mittags vorbei, um Essen zu kochen und das Nötigste an Hausputz und Wäsche zu erledigen. Zu der Zeit bin ich im Büro. Ich verlasse das Haus morgens um halb acht und komme 12 Stunden später nach Hause. Es gibt Wochen, da sehe ich meine Mutter nicht. Dabei wohne ich noch bei ihr.
Als sie nachts einfach nicht mehr wieder kam, war ich plötzlich allein mit einem Kind von 16 Jahren. Dieses Kind hatte keine sozialen Kontakte, keine Schulbildung, sein Leben war eine Lüge, und ich stand nun in der Verantwortung. Das Unmögliche war eingetreten, aber das schützt uns nicht vor weiteren Unmöglichkeiten. Was passiert, wenn ein Einbrecher kommt? Wenn es brennt? Wenn man mit 21 plötzlich eine fast erwachsene Tochter hat, ist das so unglaublich unheimlich, das kann gar niemand verstehen. Ein Baby kannst du auf den Arm nehmen, ich kann nur eine Umarmung versuchen und höre ein unfreundliches Brummen. Fass mich nicht an. Na gut.
Ich möchte ihr helfen. Ich möchte ihr ein Leben bieten wie ich es nicht hatte. Ich darf aber nicht mal ihr Zimmer betreten, um ihr schmutziges Geschirr aufzuräumen. "Geh raus!", und ich gehe in Deckung. Konfrontation ist nicht mein Ding - ich weiß nicht, wie das geht. Stattdessen frage ich in einem der seltenen Momente da wir uns sehen meine Mutter, was sie zu tun gedenkt. Es könne so doch nicht weiter gehen. Sie wimmelt mich mit Standardsprüchen ab. "Das kriegen wir schon hin", oder auch, "Jetzt hab ich keine Nerven dafür, ich muss erstmal XY hinter mich bringen, und dann packen wir das an". Wir. Als ob. Ich gehe in mein Zimmer und heule.
Ich heule auch jetzt. Seit viertel nach drei bin ich auf. Da knallte die Wohnungstür das erste Mal. In Sekunden hellwach fragte ich mich, "Wo kommt sie jetzt mitten in der Nacht her?", gleichzeitig dachte ich aber auch, "Sie ist hier, es ist gut nun." Dann knallte die Tür wieder, und sie war weg. Ein Anruf. "Wo bist du?" Sie schlafe nebenan bei einer Freundin. Aha.
Ich sitze hier und heule ein Taschentuch nach dem anderen voll. Ich bin schuld daran, dass ihr Leben den Bach runtergeht, weil ich es mit ansehe und nichts tue. Gleichzeitig frage ich mich, wie jeden Tag seit jenem Tag vor fünf Jahren, "Was kann ich tun?" Ich versage auf ganzer Linie - als Schwester, als Tochter, als Vorbild, als Erwachsene. Ich will ihr Hoffnung geben und Mut zusprechen, was ich doch selbst nicht habe. Wie arbeitet man mit einem Menschen, der nicht will, dass man ihm hilft?
Ich will aus dem Alptraum meines Lebens aufwachen.




Kommentare
Hey. Also ich kann das wirklich gut nachvollziehen, ich hab ein ziemlich ähnliches Schicksal. Bei meiner Schwester gings ähnlich los, nur hat sich unsere Situation noch ne Stufe härter entwickelt, leider. Sei froh, wenn deine Schwester nie so wird, wie meine. Ich hab mitlerweile den Kontakt zu ihr abgebrochen.
26.07.2010, 13:10 von Eve_LaMellhttp://www.neon.de/kat/313234.html
@Eve_LaMell ich meinte den Link: neon.de/kat/313234.html
26.07.2010, 13:12 von Eve_LaMell@Eve_LaMell hmmpf. Neon zaubert hübsche Leerzeichen in die Links. Falls dus lesen willst, musst se rausmachen:)
26.07.2010, 13:14 von Eve_LaMell"Als ich dachte, es könne nicht schlimmer werden, nahmen sie sie mir weg."
25.07.2010, 17:46 von Goldpony". Müsste meine Schwester verlassen. Müsste mein 18jähriges Kind alleine lassen. Das kann ich nicht."
Da kamen mir die 'Tränen :'(
Danke euch allen für die guten, die kritischen, die aufmunternden und die vor allem wahren Worte. Alles gelesen, aber mir fehlt leider die Zeit, alles gebührend zu beantworten.
22.07.2010, 12:25 von volumINAMeine kleine Schwester meinte auch irgendwann alles hinschmeißen zu müssen und war dann ein Jahr zu Hause. Meine Mutter und sie kotzen sich ständig über den anderen bei mir aus (weil sie ja nun den ganzen Tag aufeinander hockten) und ich komm nichts tun ausser ständig das gleiche zu sagen: "Mutter, tritt ihr in den Arsch und lass ihr das nicht durchgehen" "Kind, hör auf dich zu beschweren und krieg den Allerwertesten hoch"...
22.07.2010, 11:12 von SallyBowlesWährend ich Ausbildung, Nebenjob, Freunde und alles versucht habe auf die Reihe zu kriegen, musste ich mich dann noch um die "Erziehung" meiner Schwester kümmern. Irgendwann hab ich das für mich Richtige getan und gar nichts mehr gesagt...Nach dem besagtem Jahr hat meine Schwester dann auch Praktikas gemacht...
Man selbst gesteckt mittendrin, obwohl es gar nicht um einem selbst geht! Aber bitte kümmer ich auf jeden Fall um dich selbst!!! Niemand dankt dir für deine Opfer und am Ende stehst du da und hast deine Wünsche nicht erfüllt! Man darf Egoistisch sein, auch wenn es jemanden schlecht geht!!!
Mag deinen Text!!!
Weißt du, was ich die ganze Zeit während des lesens dachte war, dass du wirklich eine unglaublich starke Frau bist, obwohl du es selber nicht sehen kannst. Ich bin mir nicht sicher ob es möglich ist, doch könntest du vielleicht versuchen mal für einen Moment lang eine objektive Perspektive einzunehmen? Was würdest du denken, wenn du diese Situation bei einer guten Freundin oder anderen Person beobachten würdest? Ist es wirklich ein Versagen, keine Lösung für ein Problem zu finden, das man im Grunde genommen nicht beeinflussen kann?
21.07.2010, 22:30 von LillylikeslemonsIch denke nicht. Versagen ist, wenn man aufgibt oder wegrennt. Was kannst du mehr tun, als es zu versuchen? Dich trifft keine Schuld, du versuchst ja bereits alles bestmöglich auf die Reihe zu bekommen. Als Kind, Schwester und in der Rolle der Ziehmutter.
Ich habe leider auch keine Lösung parat, so wie du, aber das macht uns nicht zu Versagern.
Fand den Text schon fesselnd.
21.07.2010, 21:40 von LilCookieUnd wenn ich es so lese, erinnert mich das so an die Situtation , wenn Eltern sich scheiden lassen und das Kind dabei am meisten leidet, da es sich selbst die Schuld an allem gibt. Was aber vollkommener Schwachsinn ist, denn Schuld sind letzendlich die beiden beteiligten.
Du bist ja mit 23 eigentlich auch erwachsen, weshalb man so reell denken müsste, um zu wissen dass man nicht Schuld ist. Denn was hättest du großartig tun sollen, wenn sich deine Schwester niemandem öffnet, nicht einmal der eigenen Schwester und das obwohl ihr beiden ja scheinbar allein wohnt.
Letztendlich ist es natürlich von aussen betrachtet schwierig sich in so etwas hinein zu versetzen , wenn man es selbst nicht erlebt hat.
Deshalb versuch ich es halt irgendwie ein wenig mit einer Scheidung der Eltern zu vergleichen.
Wie hier schon oft geschrieben wurde, bin ich auch der Meinung, dass ausziehen und Abstand von der ganzen Sache gewinnen die beste Lösung ist.
Denn man macht sich nur selbst damit kaputt, wenn man es mit ansieht und doch irgendwie nichts tun kann.
Ich wünsch dir die Kraft aus dieser Situation irgendwie heile herauszukommen ohne dir dein eigenes Leben durch ein anderes zer- bzw. gestörtes Leben mit kaputtzumachen.
@[Benutzer gelöscht] Ausziehen, weggehen, alleine lassen - hängen lassen? Das kommt nicht in Frage.
22.07.2010, 10:36 von volumINA