derHalbstarke 19.03.2013, 10:50 Uhr 5 19

Schüchternlippen

Damals, auf dem Weg des Erwachsenwerdens.

Vierzehn war ich.

Damals, in den ersten, wilden und irritierenden Momenten der Pubertät. Ich fühlte, wie mein Körper, meine Gedanken und Gefühle sich auf den Weg machten, erwachsen zu werden. Begann zu entdecken, dass ich nicht mehr nur ein Kind, ein jugendlicher Rotzbengel bin, der im Tante Emma-Laden die Bonbons klaute, entdeckte, dass es neben dem Lernen für die Schule, neben den Aufgaben als Teil meiner Familie im Haus so viel mehr gibt, als morgens aufzustehen, den Dingen des kindlichen Tages nachzugehen – und Abends müde tief vergraben unter meiner Decke einzuschlafen. Bis zum nächsten Morgen.

Entdeckte so unbekannte Dinge, Gefühle, wie Sehnsucht und Verlangen. Nach Nähe zu einem anderen Menschen und nicht so, wie bisher. So anders, und so spannend aufregend. Ich entdeckte diese Lippen. So zart, und so weich geschwungen. Zwei Tische weiter entfernt und doch so nah, dass ich sie jederzeit verträumt betrachten konnte. Verstohlen und heimlich und gegenüber von meinem Tisch. In diesem Klassenzimmer. Lippen, die so wunderbare Worte formten, die so zauberhaft lachen konnten. Lippen, zum Verlieben schön.

Zum Küssen gemacht.

Schmerzend, meine Sehnsucht, pochend, mein Verlangen. Sie zu berühren, ganz vorsichtig und ganz sanft. Diese Lippen, mit meinen. So verlangend und so schmerzend. Und so schüchtern. Ich, wenn ich sie beobachtete. Diese Lippen. Tag für Tag und Woche für Woche. Aus dem Augenwinkel und immer darauf bedacht, dass niemand bemerkt, wie sehr ich beobachtete, wie sehr ich begehrte. Nur ein einziges Mal, zu fühlen, zu riechen und zu schmecken.

Zu erleben, wie es wohl sein mag, sie zu küssen. Diese Lippen.

Und es war, als hätten diese Lippen gespürt, wie sehr ich von ihnen fasziniert war, wie sehr ich nur für einen winzigen Moment, für einen kleinen und zaghaften Augenblick erleben wollte, wie es ist. So Lippen an Lippen. Und ich weiß nicht mehr, wieso und weshalb, aber ich weiß noch genau, wann und wo – als ich ihn geschenkt bekam. Diesen ersten Kuss. Von diesen Lippen und der so anders, so sehr anders war, als alle Küsse die ich bisher in meinem kurzen Leben bekam. Die familiär oder freundschaftlich und nicht so waren, wie dieser eine, erste Kuss. Von diesen Lippen.

So weich, so schüchtern zart und so anders und unvergesslich bis heute noch spürbar, dieser erste Kuss.

Auf dem Weg des Erwachsenwerdens.



Freak Like Me

19

Diesen Text mochten auch

5 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Kenn ich. Sie hat mich dann auch geküsst. Und es war phänomenal.

    11.04.2013, 09:48 von Plutarch
    • Kommentar schreiben
  • 0

    man spührt förmlich das verlangen beim lesen

    gänsehaut

     

    21.03.2013, 21:09 von ilanz
    • Kommentar schreiben
  • 0

    das is berührend!

    21.03.2013, 17:26 von pocket
    • Kommentar schreiben
  • 2

    ich will knutschen!

    21.03.2013, 13:32 von schnutopard
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hach, wie süß. schöne erinnerung an eine so aufregende, entdeckungsreiche zeit.

    21.03.2013, 09:18 von louie7
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Mai 2013

Neueste Artikel-Kommentare

NEON-Apps für iOS und Android