daskleineklischee 02.03.2005, 16:51 Uhr 6 0

Schorf

Ich stehe in der Küche, über die Spüle gebeugt. In meiner linken Hand liegt seit dreieinhalb Minuten (oder einer halben Ewigkeit) das Brotmesser.

Aus einem Schnitt in meiner rechten Hand tropft fast genauso lange schon Blut ins Spülwasser. Die Teller schwimmen im rotgefärbten, schmierigen Wasser.
Meine Wange berührt die kalte Kühlschranktür. Ein Magnet drückt sich seit zwei Minuten gegen meine Augenbraue. Ich beobachte abwechselnd die Digitaluhr der Mikrowelle und das tropfende Blut, das aus mir herausrinnt, immer langsamer. Meine Hand ist noch feucht, und die roten Spuren sind am Rand verschwommen.
Die Digitaluhr zeigt jetzt 12:03. Wenn sie 12:27 zeigt, wette ich mit mir selbst, kommt meine Mutter vom Einkaufen und fragt mich, ob ich wahnsinnig geworden bin.
Jedenfalls wenn sie mich dann noch so hier findet, was fraglich ist. Schließlich bin ich nicht völlig wahnsinnig. Ich wäre es gerne, das würde doch allen was zum Nachdenken geben, oder? Aber ich werde spätestens um 12:19 den Stöpsel ziehen, meine Hand abwaschen, ein Pflaster draufkleben und das Blut von den Tellern spülen. Vielleicht werde ich nicht zu Ende abwaschen, sondern mich erstmal an den Küchentisch setzen, bis sich Schorf gebildet hat, damit ich nicht das Pflaster andauernd erneuern muss. In jedem Fall werde ich vernünftig sein.

In Physik sitzt hinter mir ein Typ. Wie er heißt, weiß ich nicht so genau. Alexander oder Andreas oder so. Er hat ein grobes Gesicht, wie ein Backstein. Seine Augen sind klein. Seine Ohren sind fleischig. Sein breiter Brustkorb wirkt, als würde er jeden Moment runter rutschen und zu einer gewaltigen Wampe werden. Seine Haare sind auf eine absurde Weise frisiert, irgendwie gegelt, aber so, dass fettige Locken an seiner Stirn kleben. Er trägt das widerwärtigste Grinsen zur Schau. Er ist ein As in Physik.
Immer wenn ich etwas in Physik rechne, kommt ein falsches Ergebnis raus. Es ist egal, wie detailliert ich alles aufschreibe, wie sorgfältig ich es eintippe, ich komme doch auf ein vollständig anderes Ergebnis als alle anderen.
Am Anfang habe ich noch den Fehler gemacht, mich zu melden und die Zahlen vorzulesen, die mein Taschenrechner mir zeigte. Das langsame Kopfschütteln des Lehrers, das Augenbrauenhochziehen, das Stirnrunzeln, das nochmalige Überprüfen und die Frage in seinen Augen, wie zum Teufel jemand es schafft, die Rechnung, die bereits an der Tafel steht, falsch in den Rechner einzutippen, sind jedes Mal wieder ein kleiner Tod, weil hinter mit Alexander oder Andreas oder Aristoteles oder Antonio sitzt und ich sein fieses Grinsen sehen kann, ohne den Kopf zu drehen.
Wenn ich es dann noch mal nachrechne, kommt das richtige raus.

An der Kasse im Supermarkt sitzt ein Mann mit einem kleinen goldenen Ohrring und einem Dreitagebart. Er sieht aus, wie ich mir einen rehabilitierten Sträfling vorstelle.
Ich packe meine Kekse und den Joghurt auf das Band und krame in meiner Tasche nach meinem Portemonnaie, bis ich dran bin. Der Ex-Sträfling kassiert sehr konzentriert, so als wolle er um jeden Preis alles richtig machen. Er sagt deutlich die Summe an, die ich auf dem Display lesen kann, er sieht meinen Händen zu, wie sie Kleingeld suchen, er zählt es routiniert nach und schlüsselt mir dann mein Wechselgeld auf. Tschüs, sage ich, und da sieht er zum ersten Mal auf.
In seinen Augen steht etwas zu lesen. Sie flehen. Er hat Angst. Er braucht Hilfe.
Komm mit, will ich sagen. Komm hier weg. Klar, wenn man aus dem Knast kommt, ist es schwer, einen Job zu finden. Aber dass man dich zwingt, diese orangene Weste zu tragen, ist unmenschlich. Du bist dein Leben lang klein gemacht worden. Du hast keine Chance gehabt, hierzu Nein zu sagen.
Lass uns abhauen. Wir können uns ja eine anonyme Großstadt suchen. Ich will nämlich auch nicht mehr. Ich muss hier auch immer Dinge machen, die mich wie einen Idioten aussehen lassen, und ich habe auch keine Wahl. Mit dir würde ich mich vielleicht sogar endlich mal stärker fühlen als jemand anderes. Obwohl ich's dir nie zeigen würde, versprochen.
Aber wahrscheinlich ist das nur ein Trick, das mit den Augen. Er hat's vermutlich im Knast gelernt. Es liegt an den Wimpern, die sind so lang. Oder am Licht, dass sich in den Pupillen spiegelt und sie feucht aussehen lässt.

Freitags gibt es in der Schulkantine immer Suppe. Sie schmeckt ganz in Ordnung, nach Maggi oder Knorr oder Iglu-Tiefkühlgemüse. Die faserigen Rindfleischbrocken kann man nicht essen, weil sie zäh wie Leder sind. Wenn man zu lange kaut, wird einem schlecht.
Am großen Tisch rechts am Fenster sitzt ein blondes Mädchen. Sie lacht seit sieben Minuten. Angefangen hat es mit einem Spruch, den ihr Freund über einen in seiner Klasse gemacht hat, und jetzt lacht sie, dass es sie schüttelt. Ihre Augen sind weit aufgerissen, ihr Gesicht rot angelaufen. Sie hält sich den Bauch und japst. Ihr Lachen klingt schrill; hübsch sieht sie nicht aus dabei, aber ihr Freund liebt sie trotzdem, schätze ich.
Ich stelle mir vor, dass ich sie bin. Morgens kämme ich mir meine blonden Haare und ziehe mir ein ganz enges, kurzes T-Shirt an und eine Hose, die meine Hüftknochen frei lässt. Ich küsse meinen Freund und lache in der Schulkantine, bis mir der flache Bauch wehtut. Wie es wohl ist, sich so gehen zu lassen? Einmal möchte ich frei davon sein, mich beobachtet zu fühlen. Ich kann es riechen, wenn man mich ansieht, und ich weiß auch immer, was die anderen über mich sagen. Ihr ist das bestimmt egal, sie merkt es wahrscheinlich nicht einmal. Obwohl sie irgendwie so aussieht, als wüsste sie, dass alle sie anstarren. Auch ich. Als sie an meinem Tisch vorbeikommen, sieht sie mich glotzen. Sie verzieht spöttisch den Mund und wirft mir eine Kusshand zu, dann flüstert sie ihrem Freund etwas ins Ohr und sieht mich dabei an.
Mir ist heiß. Beim Aufstehen bleibe ich mit dem Pullover am Stuhl hängen. Von Weitem höre ich ihr Kichern durch das Treppenhaus.

Wie ein Paar schwarzer Kissen liegen die riesigen Kopfhörer meines Bruders über meinen Ohren. Sie lassen kein Geräusch von außen hinein. Why don't you come out to play?, fragen mich die Beatles. Aber ich muss nicht antworten. Die Beatles drängen mich zu nichts. Ich darf hier liegen und ihnen zuhören, wenn sie erzählen. Die Beatles haben so viel gesehen. Sie hatten Kummer in ihrem Leben, und sie hatten unglaublich schöne Momente. Sie nehmen die Dinge nicht so ernst. Über die meisten machen sie sich eigentlich lustig, denke ich. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich der einzige Mensch auf Erden bin, der das kapiert hat. Alle anderen suchen noch nach der Pointe, oder sie sehen überhaupt nicht, wie komisch das Leben, von dem die Beatles singen, eigentlich ist. Dass es alles nicht so wild ist. Dass das Leben unterhaltsam ist.
Ich spreize die Finger meiner rechten Hand vor meinem Gesicht. Das Pflaster steht mir gut. Passt zu meinem Teint.

6 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wow! Einer der besten texte die ich seit langem gelesen habe. Nix oberflächliches, besser zusammengesetzt als jeder terentino film und macht sehr sehr nachdenklich. Weiter so!

    26.06.2005, 14:38 von Sas
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ja, ich wollt dann einfach nurnoch hinzufugen, dass ich den text sehr schon finde. schon geschrieben, schon, beschrieben, schon zu lesen einfach...
    und das kennen sicher die meisten, diese gefuhle....
    ich jedenfalls hab das messer wieder weggelegt. :-)
    liebe grusse, mareike

    26.04.2005, 09:38 von hollandmeisje
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ach weißt du kleinesklischee, das nit dem beobachtet-werden-Gefühl, lässt sich überwinden.
    Es gibt Städte, da kann man nicht mit einer Bekleidung "außer der Norm" das Haus verlassen. Sofort wird empört, fassungslos, verständnislos das spinnwebverhangene Haupt geschüttelt.
    Es gibt überall Menaschen, die alles was sie nicht kennen, was nicht so ist wie sie, ablehnen oder belächeln.
    Es ist schade um diese Menschen, denn sie sind für das Leben verloren. Sie leben nicht. Leben heißt doch; anders sein, Fehler machen, ausprobieren.
    Lass sie doch doof kichern.
    Mach dein Ding. Jeder kann irgend etwas besser als der andere und keiner soll sich über den anderen erheben.
    Hab Sonne im Herzen
    Liebe Grüße
    Holger

    09.03.2005, 12:58 von Hunting-Tomcat
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    als ich diesen text losgeschickt habe, war mir klar, dass mich eine ganze menge guter ratschläge erreichen würden.
    ich bin nicht depressiv, und der text ist nur aus einer laune heraus entstanden, die wohl jeden mal befällt. und er endet, hoffe ich, mit soetwas wie einem silberstreif.
    alles liebe, das klischee

    05.03.2005, 23:52 von daskleineklischee
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Tja, was kann man da sagen...? Das wird auch wieder besser :-) Viele Mädchen aus meinem Jahrgang, die früher super aussahen, tun's heute nicht mehr und umgekehrt... -> das entwickelt sich schon und das mit dem Messer ist net das richtige... damit verliert man nur ohne gewinnen zu können :-)

    04.03.2005, 18:35 von t_a_k
    • Kommentar schreiben

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare