Bhoy 11.01.2011, 00:27 Uhr 3 6

Schlafende Hunde

Als falle das Leben von den Knochen, gammelt sein Fleisch in die Dielen und zählt Pickel an der Rauhfaser.

Zweiundfünfzig. Vierhundertachtzehn. Tausendfünfhundertsiebenundzwanzig. Der Tag nimmt sich alle Zeit die Eisen aus dem Feuer zu nehmen - aber was solls, am Ende flirrt verläßlich sein Schatten im Raum. Schwarz vor Augen gibt er das Zählen dran; überlegt aufzustehen und lässt es bleiben. Er weiß nicht wie sich das Ende anfühlt, aber das muß der Anfang sein.

Wie auf einem körnigem, zu dunklem Foto verharren blasse vier Wände. Nachts fällt selbst die Farbe aus einem farblosem Tag. Sein Blick streift durch das Zimmer, stolpert über Umrisse aus einem lauten Leben. Und es bleibt still. Einen Abend mehr begreift er, daß sie im Blutrausch zerfleischten, bis nichts bis aufs Nichts übrig geblieben war. Ihre große Zeit bot keine Momente um an ein Hinterher zu denken. Sie fuhren den Karren mit Wucht vor die Wand.

Seit die Mauern gefallen sind, steht er da wie ein Idiot. Paralysiert in den Ruinen. Aus der Ereignislosigkeit zusammen, und ihr alleine entgegen. Sie reisen in unbekannte Länder und schicken Briefe. Dort kleben geblieben kommen sie nicht mehr zurück. Sie ziehen zwei Städte weiter und suchen dort nach dem Frieden. Klingeln an seiner Tür und haben nichts mehr zu sagen. Treffen ihn nachts in den Straßen und reflektieren seinen Blick.

Er rappelt sich auf und schaltet das Licht an. Betrachtet im Spiegel Jahre in einer satten Visage. Lauscht wie leise es geworden ist. Fühlt in allen Poren Schwerkraft. Schmeckt den Pelz und riecht den Muff. Unter der Dusche wäscht er das Gröbste ab und geht auf die Suche in der Bar einige Straßen weiter.

Ihm gehen die Augen auf in frischen Laken. Weiß nicht wo er ist, weiß nicht wer er ist. In der Fremde der eigenen Stadt sinkt sein Kopf zurück in die Kissen. Neben ihm atmet ein Mädchen und ihr Atmen klingt wie Satie. Selbst im Schlaf dampft ihre Schönheit, verteilt elegante Duftwolken von verbrauchtem Parfum. Schüchtern fällt Licht durch schwere rote Vorhänge, ein Bücherregal windet sich unter der Last. Überall verteilt stehen Pflanzen, denen der Schlaf aus den Knospen treibt. Und als seien sie die Wurzel wuchert alberner Nippes wie Efeu durch den Raum. Ein staubiger Fernseher hockt senil in der Ecke, zerbrochen am Kampf um ihre Gunst. Ihr Kopf liegt auf seiner Schulter und zerstört jede Theorie einer unendeckten Flucht. Er liegt da, starrt an die Decke. Siebentausendsiebenhundertachtundneunzig. Alles in diesem Zimmer rührt im Beton.

Das Rudel ist jetzt ein Haufen schlafender Hunde. Es ist Zeit neue Dinge mit anderem Sinn zu füllen. Glücklich ist der Mensch, der das Heute sein Eigen nennt. Im Wissen von Gestern heute zu leben.

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3 Antworten

Kommentare

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    wirklich sehr fein!

    13.01.2011, 18:21 von sonnentaube
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    Ganz großes Kino.

    13.01.2011, 14:01 von thadeuspunkt
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    Atemraubend.

    13.01.2011, 12:31 von Jackie_Grey
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