vilsi 10.11.2012, 20:58 Uhr 2 2

Schiss vorm Leben

Die Angst ist eine alte Bekannte von dir, aber keine Freundin.

 

Gedanken herauslassen, in den Garten hinaus, damit sie sich erholen können. Aufgeben, manches Mal, dich den Gedanken ergeben, anstatt gegen sie anzukämpfen den ganzen Tag. Dich lieber in deinem Bett versenken, schweigen und nachgeben. Wie damals, als du Fieber hattest, einfach nachgeben. Die Muskeln lassen los, sie halten dich nicht mehr zusammen, sie verkrampfen sich nicht mehr. Auch das Herz ist ein Muskel, auch dein Herz.

Du selbst kennst dich doch schon so lange, und stets warst du unzufrieden mit dir. Hast dich fremd gefühlt im eigenen Körper, mit einigen Ausnahmen. An manchen Tagen hast du deine Seele gespürt, wie sie innen deinen Körper ausfüllt. Diese wenigen Male hast du gewusst, wer du bist. Hast gespürt, dass es leicht ist, du selbst zu sein. Dann hast du die Einfachheit erahnt, mit der selbstsichere Leute jeden Tag aus dem Bett steigen. Die Vorsätze, dich zu ändern sind jedes Mal doch sehr schwach erwidert worden von deinen Taten. Immer wieder bereut der Mensch die Sünden, die er nicht begangen hat. Denn sie hätten sein Leben vielleicht reicher gemacht. Vielleicht gäbe es dann eine Geschichte zu erzählen. Wer immer brav ist, wird mit der Zeit fad. Aus dem Haus zu gehen ohne Grund, das hast du nie geschafft. Immer brauchtest du einen Vorwand, einen Druck von Außen. Nie genügt der Wunsch, etwas mit dir selbst zu unternehmen. Woher die Angst? Du musst nicht mehr tragen als andere Menschen, wenn sie aus dem Haus gehen. Du musst dich nicht mehr trauen als sie. Du darfst umkehren, wenn dich die Füße nach Hause tragen wollen, in dein kleines Zimmer. Deine Füße, die wollen hinaus. Sie ziehen manchmal sogar die Schuhe an, nur, um sie dann wieder abzulegen. Dann ist dein Kopf traurig. Und seufzt. Deine Hände bestrafen dich manchmal, wenn deinem Kopf eine Dummheit einfällt, die du begangen hast. Und dein Kopf schämt sich ein bisschen. Gut, dass niemand Gedanken hören kann. Manchmal hörst du selber nicht hin. Willst nicht hören, was sie sagen. Die Schuhe stehen und warten. Du selbst erhebst dich nicht. Bewegst dich nicht. Nicht einmal in die Nähe der Tür. Nicht einmal, wenn es Sommer wäre.

Deine Seele klopft an die Körperwände. Sie möchte Ausflüge machen, möchte, dass die Augen Bilder sehen. Die Seele klopft an, aber der Körper hört nicht hin. Es reicht nicht, wenn nur die Seele etwas möchte. Es reicht nicht, solange der Körper es nicht tut.

Heute fliegen deine Finger, möchten etwas sagen, was dich auch morgen vielleicht noch bewegt. Dich vielleicht dazu bewegt, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Du könntest um Vieles reicher an Erfahrungen sein, doch jetzt wie auch damals hast du den Eindruck, dass du nur einen Bruchteil erlebt hast. Als hätte der Rest dich zu viel Kraft gekostet, dich vielleicht aufgebracht oder überfordert. Was würdest du dich trauen? Wenn du wirklich mutig wärst, oder dumm genug, um die Dummheit für Mut zu halten?

Wozu wärst du fähig, wenn du dich trauen würdest, die Füße gehen zu lassen, den Mund sprechen zu lassen, die Hände greifen zu lassen, was sie gerne hätten? Deine Sorgen waren immer schon größer als du selbst, aber es waren wenige. Du hast sie nicht längs aufgereiht, sondern aufrecht hingestellt.

Dein Vertrauen in das Leben ist da, es lässt dich nicht lange allein, es klopft an und gibt dir die Hand. Bringt dir ein bisschen Wissen, ein bisschen Leiden, ein bisschen Sehnsucht mit. Alles schön verpackt, säuberlich verschnürt. Die Seele freut sich wie ein Kind auf die Pakete.

Deine Augen sind schwer. Dein Kopf gähnt. Und bevor du die Pakete aufschnüren kannst, ist dein Körper schon ins Bett gesunken und schläft. Atmet ruhig, kühlt langsam aus, und fürchtet nichts mehr als den kommenden Morgen. Die Reise zu dir selbst ist beschwerlich und lang. Und oft gehst du Umwege, aus der Sorge heraus, das erreichte Ziel könnte dir nicht gefallen. Umwege, Schleichwege, lange Pausen. Nur, um nicht anzukommen. Wann wirst du das Gefühl haben, jemand zu sein?

Vielleicht ja schon morgen, wenn der Tag graut?

Jeden Tag gibt es ein Morgen, die Chancen stehen nicht schlecht.

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2 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ergreifend und bewegend. Man könnte der Figur im Text unheimlich viele Tipps geben, die vielleicht sogar helfen. Der Impuls muss aus ihr kommen - und er wird kommen, der Impuls und der größere Mut.

    10.11.2012, 21:08 von TilmannKleye
    • 0

      welche tipps wären das?
      was würde der person aus dem schneckenhaus helfen?

      05.02.2013, 18:09 von vilsi
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