Maedchenlyrik 31.08.2012, 09:06 Uhr 10 19

Rumtüdeln.

„Jetzt tüdel nich’ so rum, min Jung!“ hatte seine Oma früher immer zu ihm gesagt. Früher. Vorher.

„Jetzt tüdel nich’ so rum, min Jung!“ hatte seine Oma früher immer zu ihm gesagt. Früher. Vorher.
Der Geruch von Fischfrikadellen stieg ihm in die Nase. Das passierte oft, wenn er an seine Oma dachte, sogar eigentlich immer. Oma Elli hatte die besten Fischfrikadellen von ganz Ihrhove gemacht. In die real existierende Lautstärke seiner Umgebung und den penetranten Geruch von Pommes, Döner und Pizza mischte sich dezent das Aroma seiner Kindheit. Vor einer Sekunde noch hübsch geordnet aufbewahrt in einer kleinen Schublade seines Gedächtnisses, ließ es freigelassen entfernte Erinnerungen aufkommen. Und Fragen.
Für einen Moment schloss er die Augen. Wie war es eigentlich dazu gekommen? Nein, nicht zu den Fischfrikadellen, zu ihm. Zu seiner Situation. Zu der Lage, in der er sich befand.

Rumtüdeln. Rumtrödeln.
Er hatte rumgetüdelt. Mit sich, seinem Leben. Was in der Grundschule in Ostfriesland begann, hatte sich bis zum Studium durchgezogen und endete im Jetzt. Samstagabend, Hamburg Hauptbahnhof, 19.40 Uhr. Damals waren es die Hausaufgaben gewesen. Lieber nach draußen aus
dem Fenster schauen, als Verben und Adjektive zu unterstreichen.
Lieber Oma beim Granatpulen zugucken, als Zahlen in ein Hunderterfeld einzutragen. Wie er das Abitur bestanden hatte, war ihm bis heute ein
Rätsel.
Er nahm noch einen Zug von seiner Zigarette. Menschen gingen links und rechts an ihm vorbei. Manche von ihnen würden jetzt von der Arbeit zu
ihren Familien fahren, dachte er, nach Heimfeld oder Blankenese, zu
Frau und Kind. Ihnen erzählen, wie anstrengend der Tag gewesen war oder wie erfolgreich. Und am nächsten Morgen würden sie dasselbe wieder tun. Manche würden auch in die Bahn einsteigen und sich mit Freunden treffen, in einem Restaurant oder einer Bar, oder in der Eckkneipe gemeinsam ein Bier trinken, sich von ihren Sorgen erzählen und anstoßen auf bessere Zeiten. Einige würden auch jetzt erst zur Arbeit fahren, Nachtdienst im Krankenhaus schieben. Sich als Kassierer an der Tanke von betrunkenen Kiezgrößen anpöbeln lassen oder unachtsame Passanten bestehlen. Und manche würden wie er warten. Mit Fragen im Kopf und Angst im Bauch.
Er rieb die Handflächen schnell aneinander und blies seinen dampfenden Atem dagegen. Die Anzeigetafel sprang über. Der Zug hatte zehn Minuten Verspätung.

Vertüdeln. Verzetteln.
Bis zum Studium war alles gut gegangen. Am Küchentisch mit blümierter Stofftischdecke hatten er und seine Eltern noch nach geeigneten WG-Zimmern im Studentenwohnheim gesucht, und alles hatte Sinn gemacht: das Studium, die Vorlesungen, der Entschluss, in die Großstadt zu ziehen, die von IKEA eingerichtete kleine Welt auf fünfzehn Quadratmetern mit Ausblick auf das echte Leben. Aber dann, irgendwo zwischen Ostfriesland und Ottensen, hatte das Leben ihn stolpern lassen, so richtig mit dem Gesicht im Dreck. Das Problem war: Er konnte gar nicht genau sagen, wann. Vielleicht als er merkte, dass die Anwesenheitspflicht in Seminaren mit über dreihundert Studenten nicht mehr ganz so ernst genommen wurde. Oder als die Partys am Wochenende anfingen, sich auf die Woche auszudehnen. Als die aufs Studienfach bezogene Frage „Was willst du denn damit später machen?“ in ihm nur noch das Abspulen einer auswendig gelernten Antwort auslöste: „Mal sehen.“ Der Zug hielt mit quietschenden Bremsen.

Um ihn herum hatten es ja alle so gemacht, schoss es ihm durch den Kopf, als er das Abteil betrat, zumindest Alex, Schlunz und Matthis. Sie hatten all diese Großstadtromane gelesen und waren sich unglaublich lässig vorgekommen. Abends weggegangen, Partys gefeiert, sich hoffnungslos ver- und entliebt, in Clubs am lautesten gesungen und am wildesten getanzt und mit dem Gefühl, doch irgendwie noch die Kurve gekriegt zu haben, in einer Badewanne voller leerer Astra-Flaschen aufgewacht und dem Streber Markus zwanzig Euro für seine Vorlesungsnotizen gegeben, um bis abends ausschlafen zu können. Wahrscheinlich saß Markus jetzt im Vorstand irgendeines angesagten Verlags und grinste sich einen.

Fast hätte es ja geklappt, dachte er und starrte auf die vereiste Fensterscheibe, das mit der Band. Immerhin waren sie im ‚Haus 73‘ aufgetreten, fast sogar in der Fabrik. Schlunz hatte dafür sogar sein Studium geschmissen. „Wenn alle deine Freunde in einen Brunnen springen ...“, hätte Oma Elli ihn bestimmt gefragt, „... springst du dann auch?“ Vor fünf Jahren hätte er gesagt: „Sogar mit Anlauf.“ Und gelacht und gegrinst und insgeheim gezweifelt.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Es roch nach nassem Hund und Weihnachtsmarkt und auch ein klein wenig nach Fischfrikadellen.

Rumtüdeln. Rumlügen.
Erzählen, dass man statt Literaturwissenschaft nun doch endlich Medizin studiere, von wegen was Handfestes und so. Dann mit gläsernem Blick an Heiligabend die lieb gemeinten Geschenke ertragen, vom Pschyrembel bis zum Stethoskop mit Liebesperlen drin, als kleiner Scherz vom großen Bruder.
Die Datumsanzeige seiner Digitaluhr spiegelte sich in der Fensterscheibe, als sie den Westersteder Bahnhof verließen. 22. Dezember. Übermorgen war es wieder so weit.
„Die Fahrscheine, bitte!“
Er kramte in der Tasche nach seinem Studentenausweis. Die erste der
beiden Zahlen in der Spalte „Semesteranzahl“ war eine zwei. Er hielt immer seinen Zeigefinger darüber, wenn er sie einem Bahnbediensteten entgegenhielt. Heute nicht. Es war eh egal.
21.50 Uhr. Noch knapp zwanzig Minuten, dann war er zu Hause.

Eine Haltestelle vorher stieg er aus.
Im Rumtüdeln war er schon immer gut gewesen.


(Auszug aus meinem ersten Roman "Born: Toulouse", http://www.lektora.de/te_produkt/born-toulouse/)


Tags: Studium
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10 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ganz fein und stimmig erzählt. Lebendig und voller Emotionen. Gefällt mir sehr.

    02.09.2012, 06:05 von Jackie_Grey
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  • 0

    Ich hätte nicht gedacht, dass ich Mädchenlyrik mag. ;-) Schön erzählt.

    02.09.2012, 04:33 von justanotherpicture
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    Dillern.

    Bei uns heißt das Rumdillern :)

    01.09.2012, 17:11 von .RehLein.
    • 0

      Ja, ich glaube, da gibt es regionale Unetrschiede. Kennt noch jemand andere Begriffe fürs Rumtüdeln?

      02.09.2012, 11:17 von Maedchenlyrik
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    Diese "Dinosaurier" unter den Studenten sterben so langsam aus. Deinen Text hab ich gern gelesen.

    01.09.2012, 17:06 von mirror87
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    Hach ja.

    31.08.2012, 21:20 von cosmokatze
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    Oh ja.

    31.08.2012, 20:54 von Lunasol
    • 0

      Wo wir gerade beim "Früher" sind: http://www.neon.de/meine-videos/schoene-bescherung-oder-ein-gruss-meiner-generation/928371 :).


      02.09.2012, 11:24 von Maedchenlyrik
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