Maik-O. 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 1

Roter Punkt

Ich male mit einem Kuli einen Punkt und schon stribt jemand. Das wird mir wohl noch öfter passieren.

Ganze 32° Celsius, elf Uhr mittags und ich habe schon mindestens zwei Liter Schweiß verloren. Walter, der Schwule mit dem Walross-Schnauzer der aussieht als wäre er ein Bär, ruft mir über den Flur zu: „Willst du was Krasses sehen?“ . Na toll, gerade mal seit zehn Minuten auf der Station, viel zu heiß draußen und es gibt schon was Krasses zu sehen. Na ja bisher war mein Praktikum nicht gerade spannend und was Krasses war bisher, dass ich einem Patienten vor seiner OP den Bauch rasieren dürfte. Wir stehen vor einem X-beliebigen Zimmer in einem X-beliebigen Krankenhaus in Egalstadt. Alles was ich über den Menschen in diesem Zimmer weiß, ist dass er/sie vor drei Tagen kam, um die 40. Zu jung. Zu Fuß. Ich habe beim Auspacken geholfen. Nicht mal den Standart-Smalltalk habe ich hinbekommen, es war einfach zu heiß. Seit dem nur noch bei der Übergabe berichtet bekommen. Patient/in XYZ, hier zur Behandlung einer Dünndarmfistel. Z.n. Colon-CA, Metastasierung in Dünndarm und Leber. Peritonealcarzinose. (Zu Deutsch Krebs im gesamten Bauchraum vom Dickdarm ausgehend) Schlechter AZ. Roter Punkt. „Was bedeutet roter Punkt? –Mal dir den auf deinen Zettel, das bedeutet präfinal. Drei vielleicht vier Tage noch. –Oh achso.“ Das ist alles an Information was ich benötige um mir ein Bild von der Welt hinter dieser Tür zu machen. Ab und an auch echtes Interesse, aber nur bei denen wo es nicht schwierig ist und die bald wieder weg sind.
„Eine der Schwestern hat heute Morgen das Fenster geöffnet, weil der Gestank nicht mehr auszuhalten war. Wenn du kotzen musst geh aufs Patientenklo. Bereit? –Aber immer doch.“ Die Tür öffnet sich und ich erblicke die sardonische Imitation eines Gesichtes. Die Person von vor drei Tagen ist wohl gegangen als ich nicht hingeschaut habe. Der Blick hängt geistesabwesend irgendwo im Nirwana der Decke. Dass der Tod so aussehen kann überrascht mich nicht wirklich. Ich bin Teil der MTV Generation und das ist nicht die erste Leiche, die ich sehe. Mit dem Geruch der trotz sperrangelweit geöffneter Fenster den Raum in eisernem griff hält, ist schon irgendwie klar zu kommen. Alles in allem keine Angenehme Situation aber nichts was an meinem Weltbild rüttelt.

Dann fällt mir etwas auf. Atmung. Nur schnappend und kaum den Namen wert aber vorhanden. Nur ist da noch mehr. Bewegung. Ich kann sehen wie sich einzelne Sonnenstrahlen grün schimmernd auf dem Körper spiegeln. Genauerem Hinsehen folgt bitteres Erkennen. Fliegen! Große grüne Schmeißfliegen die den Hals und das Gesicht überqueren. Über die offenen Augen, vor den Nasenlöchern entlang, von dem wenigen Luftholen kaum tangiert, in den leicht geöffneten Mund und wieder hinaus. Sie schenken dem winzigen Rest von Leben der noch im Raum hängt nicht mal das geringste bisschen Beachtung. Eine Fistel ist übrigens ein Ausgang an die Körperoberfläche dort wo er nicht hingehört. Die Halbverdaute Nahrung aus dem Dünndarm die sich dadurch in den Verband ergießt ist wohl die Erklärung für die Anwesenheit der ungebetenen Gäste. „Ich könnte hier ein bisschen Hilfe gebrauchen.“. Merkwürdig wie weit weg eine Stimme klingen kann, die aus nur drei Metern Entfernung kommt. Ich habe seid einiger Zeit nicht mehr geatmet. Wird Zeit, dass ich damit wieder anfange. Wow irgendwas hat gerade meinen Körper verlassen. Wieder ein Stück Ich weg. Passiert. Also ran an die Arbeit. Mit einem feuchten Tuch scheuchen wir erst die Fliegen weg und suchen anschließend den Körper nach Eiern ab und entfernen diese. Zum Glück nicht zu viele. Nur ein paar in den Augen, genau da wo die Tränenkanäle anfangen. Und noch ein paar in den Mundwinkeln. Anschließend waschen wir ihn/sie und kleben einen Frischen Verband auf die Fistel. Ich könnte nicht mal sagen ob er/sie gemerkt hat, dass wir im Raum waren. Ich öffne die Tür. Diesmal ohne mich umzudrehen. Komisch sonst habe ich immer noch einen Blick zurück geworfen und mein trostspendendstes Lächeln aufgesetzt, aber hier kommt mir das irgendwie falsch vor. Das erste, was ich nach diesen Momenten nicht zu ertragender Ruhe höre ist eine Schwester, die einen Arzt ankreischt. Die Ärzte weigern sich Morphin zu geben. Warum kann ich nicht hören und auch bin ich noch nicht belehrt genug um zu verstehen. Acht Stunden und wie mir scheint 3000 namenlose Patienten später, Schichtende.

Er/Sie bekam dann doch Morphin, als Pflaster, nennt sich Durogesic, irgendwie unscheinbar. Bereits am nächsten Mittag pünktlich zum Beginn meiner Spätschicht war er/sie tot. Ob wegen dem Morphin oder dem kompletten Inhalt eines Onkologiebuches, der sich in ihrem Körper ausbreitete weiß ich nicht. Ihr Körper unter dem Bettlacken mit dem sie bedeckt wurde kaum mehr zu bewegen, weil die Leichenstarre bereits eingesetzt hatte. In weiser Voraussicht wurde der Unterkiefer mit einer Mullbinde an den Kopf gebunden damit das Gesicht nicht mit offenem Mund einfriert. Mir wird eine besondere Ehre zuteil. Ich „darf“ in die Leichenhalle fahren, sie fährt mit mir. Liegend. Tatsächlich in den Keller eines alten Backsteingemäuers. Tatsächlich überall Rohre aus denen es gurgelt und dampft. Tatsächlich ein alter gruseliger Mann der mich zu dem richtigen überdimensionalen Kühlschrank führt. Tatsächlich tut es irgendwie weh, was mich wohl daran hindert den Verstand zu verlieren. Tatsächlich vier Tage.
Roter Punkt, ziemlich exakte Prognose.

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3 Antworten

Kommentare

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  • 0

    wie schrecklich....
    Das ist Alles, was ich dazu sagen kann/will

    27.07.2007, 16:14 von gromitseyes
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Gefällt mir, du kranker Typ!

    22.07.2007, 14:48 von anamydala
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