MademoiselleChoco 20.05.2010, 17:05 Uhr 6 12

Rosenprinzessin

Du liegst vor mir und ich weiß, dass du sterben wirst. Ich glaube nicht, dass du atmest, vielleicht bist du sogar schon tot.

Du liegst vor mir und ich weiß, dass du sterben wirst.
Deine blonden Locken umrahmen malerisch dein Gesicht, die Augen sind geschlossen. Ich glaube nicht, dass du atmest, vielleicht bist du sogar schon tot. Das Kleid, dein Lieblingskleid, ist deinem Namen so ähnlich, hast du es deshalb so gern getragen? Violetta, kleine Prinzessin, wie gern wir uns hatten. Wir oft wir als Kinder miteinander spielten, wie oft ich mich um dich kümmerte, wenn du krank warst.

Weißt du noch, wie du von einer Bande wilder Kinder entführt wurdest? Das waren die aus der Nordstraße, vier oder fünf große, starke Jungen. Zuerst wollte ich dich allein retten, aber deine Entführer haben mich nur ausgelacht. Da hab ich meinen Papa geholt, die Jungs haben Angst gekriegt und sind fortgelaufen.
Ich habe dich in die Arme geschlossen, überglücklich. Meinem Vater haben wir danach extra zusammen einen Sandkuchen gebacken, ganz lecker, mit Matsch- und Kräuterguß drauf.

Oder wie wir zusammen einen Wurm essen wollten. Ich hätte es beinah getan, aber du, Violetta, hast dich im letzten Moment doch noch daran erinnert, dass heutzutage ganz viele Tiere aussterben müssen, und so hab ich es lieber gelassen.

Der Natur waren wir sowieso sehr verbunden. Kaum hatte meine Oma uns das Märchen über den Froschkönig vorgelesen, zogen wir in den Wald zu einem Tümpel, um einen Frosch zu suchen. Diesen wollten wir durch einen Kuss in einen Prinzen verwandeln und ihn so von seinem Fluch befreien. Schade nur, dass wir jenen einen verzauberten Prinzen nie gefunden haben.

Und jetzt liegst du da und rührst dich nicht. Vor lauter Märchen muss ich jetzt an Dornröschen denken, und ja, auf deinem Kleid sind sogar kleine Rosen drauf. Kleine Rosenprinzessin, meine liebe Violetta. Du wirst mir fehlen.

Du hast mir schon gefehlt.
All die Jahre nach der Kindheit, als ich dich nicht mehr sehen wollte, aus Scham, Violetta, aus Scham. Ich fühlte mich zu "cool", um mit dir zu sprechen. Ach Violetta, hätte ich es doch nur getan, hätte ich nur mehr Acht auf dich gegeben, dann wäre das hier nie geschehen. Dann würdest du jetzt nicht verletzt auf der Erde liegen, und ich würde nicht wie unfähig daneben stehen. Ich fühle mich unsicher, ich weiß nicht, ob es noch Hoffnung gibt für dich, ob ich dir noch helfen kann. Ob jemand dir noch helfen kann. Aber wir beide mögen keine Ärzte, mochten sie noch nie. Wenn ich früher zum Arzt musste, bist du immer mit hingegangen, um es mit mir gemeinsam durchzustehen. Sowas machen beste Freundinnen.

Manchmal in den letzten Jahren habe ich mich nach dir gesehnt. Habe mich danach gesehnt, dich wieder im Arm zu halten, dich in dein Bett zu legen, dir ein Gute-Nacht-Lied zu singen und ein Küsschen zu geben, damit du ruhig schläfst.

Jetzt stehe ich hier und mir, die ich jetzt beinahe erwachsen bin, steigen Tränen in die Augen. Ich rufe meine Schwester zu mir, die vorhin mit dir spielte.

"Wanda, sieh nur, was du getan hast."

Wanda sieht deinen zerbrochenen Porzellankopf.

"Es tut mir Leid", flüstert sie.

Und ich, ich gehe zur dir, hebe dich auf und trage dich hinaus.

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6 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @[Benutzer gelöscht] ich kann dir versprechen, dass ich nicht aufhörn werde, könnte ich gar nich ;) viel zu süchtig =)

      29.05.2010, 19:05 von MademoiselleChoco
  • 0

    Jaaa, das ist sehr schön geschrieben. :)

    27.05.2010, 05:42 von Novah
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    sehr durchschaubar, von der idee her nichts neues. aber sehr schön geschrieben, toller stil, lässt sich gut lesen :)

    26.05.2010, 09:49 von Kerozeen
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    Die Puppe von meiner Großmutter sitzt bei uns im Flur auf einem Stuhl. Hat auch ein Loch in ihrem Porzellankopf, verdeckt von einer gestricken Wollmütze.
    Und mein Lieblingsteddy liegt am Fußende von meinem Bett. Der ist so alt wie ich.

    25.05.2010, 19:53 von SchmatzeKatze
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    wirklich sehr schön geschrieben :)

    25.05.2010, 18:30 von IIR
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    Wundervoller Text..
    Er erinnert mich an meinen kleinen Kindheitsfreund und den Teddy, der wohl noch irgendwo in meinem Schrank liegt.. vielleicht sollte man solche geliebten Gegenstände wirklich für immer behalten.

    25.05.2010, 17:58 von AboutNobody
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