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justanotherpicture 30.11.-0001, 00:00 Uhr 188 224

Regenmädchen

Du bist ein Regenmädchen, ziehst den Regen magisch an, immer auf der Suche, niemals angekommen.

Routine.
Exzesse.
Regentage.

Wochenende, es ist spät. Der Sommer wie ein verblasstes Polaroid. Zusammen mit den Freundinnen aus der Uni. Kleine Altbauwohnung, knarzende Dielen, Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden. Dein Glück suchst du in Alkohol und Zigaretten, irgendwer hat Gras mitgebracht. Zwei Dutzend Fotos mit dem Smartphone. Zelebrierst die Fragmente deiner Jugend. Freitagnachts fällt alles leichter. Weißwein benetzt die Lippen, unbestimmte Traurigkeit das Herz. Du bist ein Regenmädchen, ziehst den Regen magisch an, immer auf der Suche, niemals angekommen. An manchen Tagen scheint alles wie ein fauler Kompromiss. Doch heute Abend, da weißt du wohin: Angesagte Party in diesem neuen Club. Du weißt von ein paar Jungs aus deiner Vorlesung, dass sie auch da sein werden. Die Großstadt ist am Wochenende ein Dorf, das hast du schon früh einsehen müssen. Ein letzter Blick in den Spiegel, ein letzter Schluck aus dem Glas. Haare schwarz wie Ebenholz, Lippen rot wie Blut. Die Jagd kann beginnen.

Routine.
Exzesse.
Regentage.

In der Bahn. Freitagnachts sind alle Menschen schöner. Lachende Gesichter überall. Du spürst, wie der Alkohol in deinen Adern zirkuliert. Dein Herz schlägt unmerklich schneller. Ein erster Flirt kurz vor dem Aussteigen. Deine Handynummer? Nicht jetzt schon. Wenigstens Facebook? Kopfschütteln und ein flüchtiger Kussmund zum Abschied. Kleine Kriege um Bedeutsamkeit. Dann zweihundert Meter zu Fuß. Kurz vorher hörst du schon den Bass, der aus dem Keller dringt. Du und er, alte Bekannte. Die Schlange bestimmt zehn Meter lang. Am Eingang tauschst du acht Euro gegen große Erwartungen. Mantel und Erinnerungen an der Garderobe abgelegt, die Treppe hinunter, hinein in die Menschenmenge. Der Geruch von Schweiß und Alkohol. Hier fühlst du dich zuhause. Lässt dich gehen, lässt los. Gedankenverloren tanzend, ein Drink folgt auf den nächsten. Ziehst die Blicke auf dich, sammelst Fantasien. Gibst die Unnahbare und suchst doch nur Nähe.

Routine. 
Exzesse. 
Regentage.

Mehr Torkeln als Tanzen, wieder den Absprung verpasst. Freitagnachts sind alle Katzen blau. Deine Schönheit ist nur Maskerade. Hörst immer, dass du zu gut bist, aber nie gut genug. Wo kommen nur all die Zweifel her? Deine Freundinnen kannst du nicht mehr finden. Aber der eine Typ ist immer noch da und bemüht sich um dich. Hat bestimmt schon dreißig Euro in dich investiert. Volltrottel, denkst du. Und dann begleitest du ihn. In irgendeine WG dieser Stadt. Sollst wieder leise sein, weil irgendein Mitbewohner noch schläft und früh raus muss, Hausarbeit und so. Siehst wieder irgendein unaufgeräumtes Fünfzehn-Quadratmeter-Zimmer, kalter Rauch klebt an den Wänden, Klamotten in der Ecke, der Boden voller Zeitschriften, leerer Kaffeetassen und Aschenbecher. Wieder irgendein Bett, das so seltsam unvertraut riecht. Wieder ein Kuss, der so fad und austauschbar schmeckt, ungestüme Hände erkunden deinen Körper. Und dann fickt ihr. Und in diesem Moment, als er in dich eindringt, da fühlt sich die Leere in dir so unglaublich präsent an, so nah, so da, dass du das Gefühl hast, dich jeden Moment auflösen zu müssen. Aber nichts passiert. Nur sein Stöhnen hörst du und er küsst dich und du bist still und das Bett knarzt und ihr fickt weiter. Und er kommt. Und fragt, ob er dich noch fingern soll, „damit du auch auf deine Kosten kommst“ und streift das Kondom von seinem schlaffen Schwanz. Du schüttelst nur den Kopf, stehst auf und suchst deine Sachen zusammen. Ob du nicht noch auf eine Zigarette bleiben willst, fragt er und ob du ihm deine Nummer gibst, aber das hörst du gar nicht mehr, denn du bist schon zur Tür hinaus. Der Morgenhimmel so grau wie deine Stimmung, another wasted night, another wasted life. Der Regen jetzt in dir. Du sitzt in der Bahn und weinst. Aber du weinst so, dass es keiner sieht, so wie du immer weinst. Du weinst nach innen. Und die Tränen fließen deine Kehle hinunter und fallen in den tiefdunklen Abgrund in deinem Bauch und dann ist sie wieder da, diese unendliche Leere und es würde dich nicht wundern, wenn in dir genau jetzt ein schwarzes Loch entsteht, das die verdammte Bahn und die verdammte Stadt mit all ihren Sorgen und Ängsten schluckt. Doch nichts passiert. Und dann schläfst du ein, weil du zu betrunken und kraftlos bist, um weiter zu weinen und wachst erst auf, als dich jemand an der Schulter berührt.

„Hey“, hörst du eine Männerstimme.

Du denkst Oh nein und blinzelst und öffnest die Augen und bemerkst, dass die Sonne durch die Wolkendecke gebrochen ist und warme Strahlen auf dein Gesicht wirft. Und dann denkst du Oh ja.

„Ich beobachte dich seit über einer Stunde. Ich schätze, du hast deine Station verpasst, weil wir schon an der Endhaltestelle waren und jetzt wieder auf dem Rückweg sind. Ich hätte eigentlich auch vor ner halben Stunde raus gemusst, aber ich hab dich da so ganz alleine auf dem Vierer gesehen und du sahst so verloren und so wunderschön und so unglaublich traurig aus. Alles zur gleichen Zeit. Und ich finde, dass jemand wie du nicht traurig aussehen sollte. Seit du eingestiegen bist, überlege ich mir, wie ich dich anspreche.“

Du lächelst schief und sagst nichts.

„Aber wahrscheinlich gibt es keinen besonders charmanten Weg, ein schlafendes Mädchen anzusprechen. Und tatsächlich muss ich jetzt auch raus, meine Mutter hat heute Geburtstag und ich muss noch ein Geschenk kaufen und meinen Bruder abholen und so weiter. Weißt du was, ich hab dir einfach mal meine Nummer aufgeschrieben und würde mich wahnsinnig freuen, wenn du dich irgendwann mal meldest.“

Die Bahn hält und der Unbekannte drückt dir einen Zettel in die Hand.

„Ich bin Jonas. Steht aber auch darauf. Also dann. Bis bald. Und Kopf hoch!“

Du schaust ihm beim Aussteigen hinterher und lächelst immer noch. Mit großen Schritten nimmt er die Treppenstufen am Gleis und scheint so schnell wieder verschwunden zu sein, wie er gekommen ist. Die Bahn fährt weiter, das Sonnenlicht bricht sich in den zerkratzten Scheiben und der Stadtverkehr zieht an dir vorbei, Leute eilen zum Bäcker oder sonst wohin. Du musterst das Stück Papier in deiner Hand und speicherst die Nummer in deinem Handy. Dann tippst du ein einziges Wort und schickst es ab.

Danke.


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188 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Danke!

    07.08.2015, 16:17 von Judith.it
    • 0

      Gern geschehen!

      07.08.2015, 19:56 von justanotherpicture
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  • 1

    Bezaubernd. Wie sehr du Dich hineinversetzen konntest. 

    04.02.2015, 15:38 von Konfettischwester
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  • 1

    Unfassbar schöne Geschichte.

    Ich mag deinen Schreibstil.

    18.10.2014, 12:05 von StilleRebellin
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  • 0

    Meinen nächsten Text widme ich Jonas. Jonas der Imaginäre.

    28.03.2014, 18:17 von Nachdenk-Aroma
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  • 0

    Diese Großstädte! Wo es Bahnen gibt! Ich muss immer durch den Regen laufen! Rage!

    09.01.2014, 00:52 von Midorschka
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  • 0

    Irgendwie find ich das ecklig, wenn manche Mädchen schreiben, dass sie sich hier wieder finden.

    05.12.2013, 17:05 von Solitudine
    • 0

      Aber der Text ist sehr gut geschrieben... Um den nicht außen vor zu lassen :)

      05.12.2013, 17:10 von Solitudine
    • 5

      Ich finde dieses ecklig sieht voll hässlig aus.

      05.12.2013, 17:56 von FrauKopf
    • 0

      Dieses?

      05.12.2013, 20:34 von Solitudine
    • 0

      Ha. Ha.

      28.03.2014, 18:25 von RAZim
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  • 0

    wunderschön!

    05.12.2013, 16:41 von stilvollversagen
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  • 1

    Dann scheinst du ein echter Glückspilz zu sein, das freut mich für dich :)

    Aber etwas, was einmal unter tausenden vorkommt, daran glaub ich nicht.

    07.11.2013, 20:26 von alinaluna
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  • 2

    Unrealistisch? Der Schluss? Nö.
    Ist mir vor langer Zeit ziemlich genau so passiert.
    Das gibts. Echt.

    07.11.2013, 13:50 von PummeligerPanda
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  • 3

    Regenmädchen. Das ist ein schöner Name. 

    Eine schöne Geschichte, tausendmal erzählt. Vielleicht ist sie deshalb so berührend. Weil es so viele Regenmädchen gibt. Und das Ende ist so schön realitätsfern. Mir gefällt der Mix aus Wirklichkeit und Träumerei.
    Wundervoll, wie du mit einfachen Worten etwas so mühsames einfangen kannst.

    06.11.2013, 22:06 von alinaluna
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