WhiteOrleander 25.02.2011, 11:15 Uhr 16 8

Raus hier!

Er hasst Abschiede. Ich liebe sie. Diesmal ist alles anders. Ich komme nicht wieder, ich habe mich gegen meine Familie entschieden.

Im Facebook- Chat schrieb er dann "Du weißt aber schon, dass deine Familie in diesem Land lebt!" Ich rede nicht oft mit meinem Bruder, was ich höchst bedauerlich finde. Immer mal wieder unternehme ich den Versuch, ihn anzusprechen, meist virtuell. Irgendwie auch bedauerlich, oder? Man sollte sich vielleicht doch öfter mal die Zeit nehmen, um wenigstens das Telefon zu greifen. Aber im Erfinden von Ausreden, auch mir selbst gegenüber, bin ich gut. Mein Bruder ist Meister darin. Ich bin auch gut darin, mir vorzustellen, Alles stehen und liegen zu lassen, einfach abzuhauen, weit weg vom Alltag, dem ständigen Sozialdruck, Stress, Wettbewerb und dem Versuch, Teil dieser produktiven und ach so kreativen Gesellschaft zu sein, auf der Suche nach dem Ungewissen, dem Fremden, Sonne, Wärme und dem Anderen und einem Ort, an dem ich nichts weiter brauche, an dem ich wieder ganz bin und nicht nur halb.

Immer fühle ich mich in anderen Ländern wohler, besser aufgehoben, irgendwie mehr zu Hause als ich mich jemals in diesem Land gefühlt habe. Einige meiner Freunde prophezeien, es ändere sich, sobald man einen neuen Alltag aufgebaut hat, andere wiederholen ständig, es sei nur das Urlaubsfeeling. Diese Antworten lassen mich unbefriedigt zurück und meine Neugierde und die Lust auf das, was da irgendwo weit weg liegt, wird auch durch jedes noch so kleine Gegenargument nicht zertreten. Die Idee verzaubert, gibt mir Mut und Hoffnung - last exit... die Möglichkeit besteht immer.

Normalerweise bin ich immer einfach gegangen, immer mit der Voraussicht, bald wieder da zu sein. Diesmal ist es anders. Mein Studium mehr oder minder herzlos, fast abgeschlossen. Und nun steh ich da. Die raue kalte Luft raubt mir das letzte bisschen Körperwärme. Der wolkenverhangene Horizont schmerzt in den Augen und das Grau überträgt sich auf mein Gemüt. Diesmal ist es anders. Die Eltern werden älter, brauchen vielleicht in ein paar Jahren jemanden, der sich kümmert. Der Bruder erwartet erneut ein Kind. Jahrelang bin ich dort, wo sie nicht sind. Nun hab ich die Wahl und will es dennoch nicht. Mich plagt die Schuld, sie allein gelassen zu haben, schon die vielen Jahre. Mich plagt die Angst in ihre Nähe zu geraten, dort zu sein, ausgeliefert, in der Hoffnungslosigkeit, Enge und inneren Getriebenheit und am Ende die Ausfahrt zu verpassen. Ich bin ein Egoist und ich fühle mich schuldig.

Meine Augen schmerzen, sind geschlossen. Das letzte bisschen Körperwärme wird durch den Schneesturm weggefegt. Der Lärm erstickt Autogeräusche, Kindergeschrei und das Klackern der Rollkoffer auf dem nassen Asphalt. Jemand legt sanft seine Hände auf meine Schultern, küsst meine Stirn. "Du weißt aber schon, dass deine Familie in diesem Land lebt?, du bist jederzeit willkommen, wenn?s dir dort nicht gefällt. Pass auf dich auf." Mein Bruder schaut mir etwas traurig in die Augen. Er hasst Abschiede. Ich liebe sie. Diesmal ist alles anders. Ich komme nicht wieder, ich habe mich gegen meine Familie entschieden.

8

Diesen Text mochten auch

16 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    fernweh ist schlimmer als heimweh

    27.02.2011, 10:25 von dear_lament
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hey Du,
    Ich kann das alles gut nachfühlen, spricht mir aus der Seele teilweise, auf der anderen Seite stimme ich anderen hier zu, es ist nie für immer, jeder Tag bringt neues mit sich. Deine Familie hat die Aufgabe dich zu selbstständigkeit und selbstbewusstsein zu erziehen, und du lebst eben jetzt...vielleicht kommst du ja doch wieder =)
    LIebe Grüße und alles Gute auf der Reise

    26.02.2011, 20:57 von lillian2011
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Negativ aber verständlich... ich kenne viele die so denken und ich selber auch öfter mal. :) Super Text jedoch muss ich sagen :)

    26.02.2011, 13:26 von AnilZack
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Die Eltern sollten es toll finden wenn die Kids ihr Leben in die Hand nehmen, egal wo.
      Ich möchte nicht erleben, dass meine Kinder aus Mitleid oder Schuldgefühl an mir kleben bleiben. Das wäre gleichbedeutend damit, irgendwo versagt zu haben.

      26.02.2011, 15:25 von belletina
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 0

      @[Benutzer gelöscht] Bin ich deiner Meinung, deshalb schon in der Einleitung über den unwiderruflichen Abschied gestolpert - "ich komme nicht wieder, ich habe mich gegen meine Familie entschieden"- und mich gefragt, was eigentlich passiert ist, vorher.

      Grundsätzlich schließen sich nämlich eigenes Leben und Verantwortung für die Eltern nicht aus. q.e.d.

      27.02.2011, 13:02 von belletina
  • 0

    Ich verstehe die Gedanken sehr gut, jedoch nicht das Absolute der Entscheidung. Nichts ist für die Ewigkeit, im Guten wie im Schlechten Sinne. Das Leben ist immer voller Überraschungen.
    Wohin bist Du gegangen?
    Ich bin nach Kambodscha gezogen und meiner Failie dadurch wieder näher gekommen.
    Ich wünsche Dir alles Gute und viel viel Spass!!

    25.02.2011, 23:14 von miss_mel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Solange man lebt, ist nichts absolut.

    25.02.2011, 23:07 von Nuuk88
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich beneide die Entschlusskraft!
    Trotz all der Gegenargumente sich für das entscheiden was einem selbst am wichtigsten ist.

    25.02.2011, 22:06 von MetalAgression
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Kann ich persönlich sehr gut nachfühlen. Nur entscheidet man sich -glaube ich- nicht GEGEN die Familie, sondern vielmehr FÜR das eigene Leben.
    Und irgendwann fühlt man sich der "Bande" auch wieder viel näher. Manchmal braucht es dazu einfach erst den Abstand. Viel Glück da, wo Du hin willst! Hoffentlich warm genug und weit genug weg :)

    25.02.2011, 18:10 von Fledermauzi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    finds auch sehr negativ
    und ich finde nicht, dass man sich GEGEN etwas entscheidet, wenn man das land wechselt oder generell etwas ANDERS macht, als die anderen es gewohnt sind.

    ich mags sachlicher und nicht sowas wie..:

    er wolkenverhangene Horizont schmerzt in den Augen und das Grau überträgt sich auf mein Gemüt
    Mich plagt die Schuld
    n der Hoffnungslosigkeit, Enge und inneren Getriebenheit

    aber das ist geschmackssache, viel glück und tschüss

    25.02.2011, 18:07 von allesistweiss
    • 0

      @allesistweiss Wäre sie so sachlich, wie Du´s gern hättest, wäre sie wohl nicht gegangen...

      25.02.2011, 18:11 von Fledermauzi
    • 0

      @Fledermauzi sachlich in der art, wie sie schreibt und nicht in dem was sie tut.

      25.02.2011, 18:17 von allesistweiss
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare