Dela_Kienle 20.07.2007, 15:33 Uhr 0 1

Planen oder treiben lassen?

Ehrgeizalaram! Wie du merkst, ob du dir zu viel oder zu wenig Gedanken über dein Leben machst.

Als Kind war alles so schön einfach: ein paar tausend Papierdollar, ein buntes Plastikcabrio - und mit einem kräftigem Dreh am Glücksrad begann das »Spiel des Lebens«. Es war der Brettspielhit der 80er Jahre, US-Import, eine Art Monopoly für Weicheier. Am Ende gewann zwar derjenige, der das meiste Geld gescheffelt hatte. Doch während man die bunten Felder im Cabrio entlangrauschte, wurde man auch noch Anwalt, heiratete, gewann hochdotierte Tennisturniere. Zum Kinderkriegen brauchte man nur die richtige Glücksradzahl - keinen willigen Partner, keine größere Wohnung, keinen Windeltwister. Zwei, drei Mal musste man sich entscheiden, ob man links oder rechts rum übers Plastikgebirge fahren sollte. Doch am Ende landeten alle als stinkreiche Pensionäre in der »Herrschaftlichen Villa« - ohne je über Vor- und Nachteile der Riesterrente nachgedacht zu haben.

Dass das wahre Leben anders läuft - das haben wir damals geahnt und inzwischen begriffen. Wer Tennisturniere gewinnt, hat einen ehrgeizigen Vater und beim Jugendtraining nicht nur zum Nachbarplatz gestarrt. Vor der Tür steht kein Cabrio, sondern ein röchelnder Fiat Panda. Doch am tiefgreifendsten ist eine andere Erkenntnis: dass es im wahren Leben keine Straße gibt, die automatisch zum Happy End führt - nur ein Gewirr aus Möglichkeiten, Abwegen, Chancen und Sackgassen. Wie man trotzdem seinen Weg findet? Dafür gibt es zwei große Strategien: Die einen haben einen Lebens plan, bestimmte Ziele vor Augen, eine To-do-Liste fürs Glücklichwerden. Die anderen brausen in Schlangenlinien drauflos und vertrauen darauf, dass sie irgendwo ankommen - oder auch nicht, denn schließlich sei ja der Weg das Ziel. Welche Strategie ist die bessere? Muss man wissen, was man will - oder kann man sich einfach treiben lassen? Wer gewinnt im echten »Spiel des Lebens«?

Spielmaterial
Es gibt keinen Würfel. Keine Spielfiguren. Nur dich und dein Leben - und den Entschluss, das Beste daraus zu machen.

Mitspieler und Konkurrenten
Klar ist: Du wirst nur eine Runde spielen. »Zu - rück auf Los!« gibt?s im Leben nicht, höchstens für überzeugte Buddhisten. Also wird jeder versuchen, ein einzigartiges Spiel zu liefern. Bloß ist das gar nicht leicht: Vom Kindergarten bis zum Großraumbüro wimmelt es von Mitspielern und Konkurrenten, an denen man sich misst, deren Ideale und Lebensentwürfe man übernimmt - oder ablehnt, weil man die Personen ablehnt, von denen sie stammen. Bestes Beispiel sind Typen wie Fabian F.: Jeder hatte so einen in der Schulklasse. Ab der Zehnten trugen sie Hemd und schweinslederne Aktenkoffer, leiteten Informatik-AGs und waren vom Entschluss beseelt, groß Karriere zu machen. Fabiane scheinen extrem früh zu wissen, was sie wollen. Bewundernswert - und mit 16 der Inbegriff des Strebers. Dann lieber lässig sein, ein Typ wie Malte R.: Der hat seine Mathe-Fünfer mit Gleichmut quittiert, die Hälfte des Schultages im Schwänzercafé verbracht und alles wahnsinnig »easy« genommen. Der große Rest stand zwischen den Extremen, versuchte, im spätpubertären Cliquendasein eine gute Figur zu machen - und hat dann doch noch panisch vor dem Abi gebüffelt, weil »gute Noten« zur »guten Zukunft« zu gehören schienen wie der Rausch zum Alkohol.

Ziel des Spiels
Das Grundproblem ist: Bei der Auslieferung des Spiels wurde das Regelheft vergessen - und nicht einmal das Ziel definiert. Lebenshilferatgeber und Eltern tun trotzdem gern so, als wüssten sie, wo?s langgeht. Als könnten sie sicher sagen, welche Arbeit, welche Art von Leben für dich richtig sind. Meist meinen sie?s gut, oft liegen sie voll daneben: Wenn der Vater die Vorzüge des Beamtendaseins preist, kann der Lehrerinnenjob die Tochter trotzdem kaputtmachen. Fragt man uns selbst nach den Lebenszielen, können die wenigsten eine klare Antwort geben. Die Beratungsagentur Accenture hat eine Studie mit Studenten in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt - die Wunschliste ist uninspiriert und erwartbar. Am wichtigsten sei eine Tätigkeit, die sie »persönlich ausfüllt«, sagten 76 Prozent der be fragten Frauen und 63 Prozent der Männer. An zweiter Stelle steht finanzielle Sicherheit: Die finden 93 Prozent der Frauen und 89 Prozent der Männer wichtig bis sehr wichtig. Bei 74 Prozent der Frauen und 70 Prozent der Männer kommen an dritter Stelle »Familie und Kinder«. Eine Führungsposition finden gerade mal 4 Prozent der Frauen und 9 Prozent der Männer sehr wichtig. Wie man die »persönlich ausfüllende« Tätigkeit nun findet? Durch Planung und Ehrgeiz wie Fabian? Durchs Abwarten und Lockernehmen wie Malte?

Wahrscheinlich sitzt man irgendwann zum ersten Mal auf seinen Umzugskisten, weit weg von zu Hause - und hat das überwältigende Gefühl, dass sich ein Labyrinth der Möglichkeiten vor einem auftut, verwirrend wie der Stadtplan von Shanghai. Die gute und die schlechte Nachricht lauten: Es gibt kein Labyrinth. Wer ehrlich zu sich ist, erkennt, dass gar nicht unendlich viele Lebensentwürfe zu ihm passen. »Man kann sich seine Lebensziele nicht wirklich aussuchen«, sagt Michael Mary, Einzel- und Paarberater und Autor des Buchs »Lebe deine Träume«. »Unbewusst bildet sich schon in der Kindheit heraus, wonach man sich sehnt, was einen glücklich macht, was einen später erfüllen kann.« Michael Mary spricht vom »inneren Drehbuch«. Das klingt ungewohnt - und sogar ein bisschen unfair. Es ist das Gegenteil der »Just do it!«-Werbung. Klar können wir theoretisch (fast) alles schaffen. Aber die wahre Frage ist doch: Was will ich überhaupt? Was macht mich wirklich zufrieden? Nehmen wir an, mein Lieblingsessen sind scharfe Fajitas. Dann kann ich nicht einfach beschließen, ab morgen Steinpilzsuppe viel lieber zu mögen. Ich kann auch nicht beschließen, mich plötzlich für Turmspringen zu begeistern wie bisher für Schalke 04. Oder entscheiden, dass Wagner- Opern mich zu Tränen rühren sollen, obwohl ich sie zum Gähnen finde. Schon beim Essen, beim Sport, bei Musik ist es unmöglich, sich etwas zu eigen zu machen, was nicht wirklich passt und den eigenen Vorlieben entspricht. Bei Lebenszielen geht es schon gar nicht - zumindest nicht, ohne sich völlig zu verbiegen.

»Lebensziele hängen immer mit Defiziten zusammen, mit Dingen, die uns als Kind gefehlt haben«, sagt Michael Mary. »Exbundeskanzler Schröder ist ein gutes Beispiel: Er sagt selbst, dass er aufgrund seiner Familie ständig um einen Platz kämpfen musste. Als Kind oder Jugendlicher hat er sich machtlos gefühlt - und so jemand bekommt vielleicht eine Affinität zur Macht. Es ist sehr individuell, was man als Defizit empfindet, was einem fehlte. Zwei Brüder erleben ihr Aufwachsen meist völlig anders und streben dann nach ganz unterschiedlichen Zielen.« Der eine will vielleicht Karriere, Geld und Statussymbole - und letztlich dadurch Respekt oder Bewunderung. Ein anderer sehnt sich nach Anerkennung, will »Sinnvolles« schaffen. Der Nächste wünscht sich insgeheim Sicherheit und glaubt, dass große Liebe und eine Familie ihm die geben. Ein anderer wiederum braucht Freiheit, Abenteuer, ein Leben ohne Zwänge. Was immer es ist: Wer wirklich in sich hineinhört, ahnt, dass er bestimmte Dinge wichtiger findet als andere. Und trotzdem ist das oft nicht die Straße, auf die er den röchelnden Fiat Panda steuert.

Erste Spielrunde: Orientierung in den 20ern
Nach der Schule setzen sich Malte-Typen gern erst mal nach Laos ab, reisen durch die Welt, schlafen mit schönen Frauen und leben in Riesen- WGs auf Matratzen. Fabiane verschwinden samt Köfferchen in der Jurastudentenmasse und tauchen zehn Semester später mit Staatsexamen und Doktortitel wieder auf. Der große Rest steht wieder mal dazwischen. Weltreisen, feiern, Spaß haben: großartig! Aber gleichzeitig wächst der Druck, sich den perfekten Lebenslauf zu basteln, zielgerichtet zu studieren, Fleißpunkte zu sammeln wie eine durchgedrehte Honigbiene. Einen Aktenkoffer schaffen sich zwar die wenigsten an - aber sehr, sehr viele eine Fabian-Mentalität, auch wenn sie die kurz davor noch abgelehnt haben.

Nur 4 Prozent der Akademiker sind arbeitslos, seit 15 Jahren hat sich an dieser Zahl nichts geändert - und doch hat sich gerade bei Studenten in den Köpfen festgesetzt, dass die Zukunft düsterer sei denn je. In einer Umfrage von »Zeit- Campus« stimmten 73 Prozent ganz oder teilweise zu, dass sie während der Unizeit unter hohem Druck stünden und sich ständig beweisen müssten. Beratungsfirmen schießen aus dem Boden. Das Kölner Institut »Einstieg« bietet Abiturienten für 600 Euro Einzelberufsberatung, das Geva-Institut schnürt für 750 Euro ein »Coaching- Paket Studium und Berufsstart«. Sich einfach auszuklinken, ein Jahr durch Südamerika zu trampen, erst mal Atem zu holen nach der Schule - das finden immer weniger Leute wichtig. Bloß keine Zeit verlieren. Lebenspläne machen oder sich treiben lassen? Immer mehr junge Menschen glauben, sie hätten gar nicht mehr die Wahl.

Eins zu null für die Planungsfreunde? Die Rechnung hat mehrere Denkfehler. Der erste ist zu glauben, man könne problemlos Lebensphasen überspringen. Wunderkinder machen das - und wirken gleichzeitig beeindruckend und gespenstisch, wenn sie schon mit neun Jahren nur noch über Quantenphysik dozieren. Fabiane tun es - und ziehen den Spott ihrer pubertierenden Mitschüler auf sich, weil sie Aktienkurse statt Flaschendrehen spannend finden. Psychologen teilen das Leben in anschauliche Abschnitte - und jeder Abschnitt hat seine Bestimmung. Die Zwanziger sind, grob gesagt, die Jahre für Orientierung und Entscheidung. »Das innere Drehbuch existiert bereits. Jetzt geht?s um die Weichenstellung, um erste eigene Schritte, um Erfahrungen«, sagt Michael Mary.

Wenn sich Kindheit und Pubertät schlecht überspringen lassen - warum meinen dann viele plötzlich, es könne mit der Zwanziger-Phase funktionieren? Ausprobieren, die Welt sehen, vielleicht das Studienfach wechseln, Umwege machen, Liebesdramen durchstehen und darüber Klausuren verhauen - das gehört dazu. Vielleicht fühlt sich nicht immer alles nützlich an. Aber im Idealfall führen Umwege dazu herauszufinden, was einem wirklich wichtig ist beim Leben, Lieben und Arbeiten.

Wer aus Angst vor der Zukunft verkrampft, begeht den zweiten großen Denkfehler: Es fühlt sich vielleicht nach einem sicheren Plan an, hektisch zu büffeln und von Praktikum zu Praktikum zu eilen. Aber oft ist es kein Plan, sondern purer Aktionismus. Immer mehr Leute verschreiben sich Steinpilzsuppe, obwohl sie lieber etwas anderes essen würden. Studieren vermeintlich sichere Fächer, machen grundsolide Ausbildungen (die sie eigentlich nicht interessieren). Vielleicht wollen sie auch gar keine Hardcorekarriere, vielleicht ahnen sie, dass sie das nicht zufriedenstellen wird - und trotzdem motzen sie ihren Lebenslauf auf, als gälte es, baldmöglichst Vorstandsvorsitzende eines Dax-Unternehmens zu werden. Was will man wirklich? Das ist die wichtigste, die schwierigste Frage. Wer in den Zwanzigern eine vage Antwort darauf findet, hat mehr erreicht als mit dem x-ten Praktikum.

Zweite Spielrunde: Macherphase in den 30ern
Fabiane sitzen jetzt, mit Anfang 30, längst irgendwo als Juniorpartner fest im Sattel. Die Maltes wohnen immer noch auf ihrer Groß- WG-Matratze. Vielleicht sind sie im 23. Semester Psychologie (nach abgebrochenem Rumänisch- und Biologiestudium), reisen weiterhin viel und wundern sich, dass sich in ihrem Lieblingsclub immer jüngere Leute herumtreiben. Bei ihnen hat sich nichts verändert. Doch wenn sie frühere Bekannte treffen, hinterlassen sie bei denen nun ein merkwürdig schales Gefühl: Ist das noch der coole Hund von früher? Hat er etwa immer noch keine Ahnung, was er will?

Maltes laufen Gefahr, in der Ausprobierphase hängen zu bleiben. Bei manchen scheint das Coolsein zur Maske erstarrt, sie haben den Anschluss verpasst, kommen aus ihrer Rolle nicht mehr raus, während die anderen weiterbrausen im »Spiel des Lebens«. Die neue Spielrunde beginnt nicht unbedingt mit dem 30. Geburtstag: Manche entdecken früher, wo sie letztendlich hinwollen - und dann können sie kaum erwarten loszulegen; andere brauchen ein paar Jahre länger. Aber im Idealfall hat die erste Spielphase dazu geführt, dass man ahnt, was man will. Und dann beginnt die Macherzeit - die Jahre, in denen man mit viel Kraft seine Pläne umsetzt. Viele hängen sich in den Job. Viele sind nach lauter Affären bereit, sich fest auf einen Menschen einzulassen. Manche bekommen Kinder, gründen Familien.

Lebenspläne? Jetzt wär?s gut, sie zu haben - zu wissen, was zum »inneren Drehbuch«, zu den geheimen eigenen Wünschen, passt. Wer immer noch keine Pläne hat, täuscht in der Macherphase Aktionismus vor, arbeitet, rennt, beginnt Beziehungen und schielt doch ständig auf die anderen Mitspieler: wie die mit der Karriere vorankommen. Auf ihre Reisen. Auf ihre Altbauwohnungen, ihre Klamotten. Ob sie sich fest an jemanden binden. Wie sie die Babyfrage lösen. Wer jetzt nicht an seinen eigenen Plan glaubt, fühlt sich wie ein Esel, der zwischen duftenden Heuhaufen hin und her hechtet, der am liebsten alles hätte, Karriere, Liebe, Geld, Familie - und stattdessen vor lauter Unentschlossenheit nichts richtig bekommt.

Entscheidungen sind schwierig, weil man mit jeder von ihnen andere Möglichkeiten ausschließt. Man reduziert das verwirrende Straßennetz, legt sich fest, kappt Wege, die genauso möglich wären. Aber wer keine bewussten Entscheidungen trifft, wird hingetrieben, wo er vielleicht gar nicht hinwollte. Nach außen kann trotzdem alles prima aussehen, vielleicht sogar nach einer beneidenswerten Karriere. Bloß: Manch einer rutscht auch in diese Erfolgsschiene, weil die Chancen zu toll sind, um Nein zu sagen. Rackert dann 60 Stunden pro Woche - und ahnt, dass ihm andere Dinge viel mehr bedeuten könnten. Andersherum gilt: Ein unspektakulärer Bürojob kann auch zufrieden machen, wenn einer für sich beschlossen hat, dass ihm anderes wichtiger ist als die Arbeit.

Dritte Spielrunde: Aussetzen und Nachdenken
Früher hieß diese Phase: Midlife-Crisis. Heute kommt die Krisenzeit gerne auch eher, schon Mitte bis Ende 30. Wie ein Gift schleichen sich Zweifel ein - ob das, was man macht, denn nun sinnvoll ist, ob es das ist, was man wollte.

Krisen sind unangenehm, aber wichtig. Sonst läuft man Gefahr, immer weiterzurennen, immer hektischer zu werden - ohne je zu prüfen, ob die Richtung noch stimmt. »Vielleicht ist einer inzwischen ein Superstar geworden, hat insgeheim geglaubt, die Bewunderung könne ihn selbstzufrieden machen - aber tatsächlich fühlt er sich innerlich leer«, sagt Michael Mary. Ein anderer wollte unbedingt ein Haus kaufen und umbauen, weil er sich Geborgenheit wünschte. Das hat er geschafft. Und doch tritt das genaue Gegenteil von Geborgenheit ein, weil er sich vom Kredit bedroht fühlt und doppelt so viel arbeiten muss. »So etwas erkennt man in Krisenphasen, wenn man Selbstbesinnung zulässt: Bin ich dem Ziel hinter dem Ziel nähergekommen - oder renne ich Symbolen dafür hinterher, die mir trotzdem keine Erfüllung bringen? Das muss ich erkennen. Und gegebenenfalls umsteuern«, sagt Mary.

Zwischenwertung ? und weiter in die Zukunft
Irgendwann ist dann 25-jähriges Abitreffen. Fabiane werden vielleicht angeben mit ihrem Erfolg, ihrer Kanzlei, ihren Autos. Oder vielleicht werden sie bedrückt in der Ecke sitzen, weil ihre Frau ausgezogen ist und sie spüren, dass sich Einsamkeit nicht mit Geld wegzaubern lässt. Möglich ist auch, dass sie zum ersten Mal zugänglich und souverän wirken, Juristenwitze reißen und aufgehört haben, der Welt krampfhaft etwas beweisen zu wollen.

Malte-Typen kommen gar nicht zum Treffen: Entweder wollen sie die »spießige« Veranstaltung boykottieren, weil sie den »Was hast du erreicht«-Small-Talk fürchten, insgeheim mit sich selbst unglücklich sind und stattdessen laut auf die angepassten Idioten schimpfen. Oder aber die Maltes sind nicht da, weil sie mal wieder durch Indien oder Chile tingeln, nebenbei einen Reiseführer schreiben ? und für sich erkannt haben, dass sie Abenteuer und Unstetigkeit brauchen wie andere Prestige.

Der große Rest steht immer noch zwischen den Extremen. Es ist in etwa Halbzeit im »Spiel des Lebens«, die Zwischenwertung steht an. Und es zeigt sich, dass es keine vorhersehbaren Gewinner oder Verlierer gibt, dass weder Planer noch Lässige zwangsläufig besser durchs Leben kommen. Fast immer kommt?s auf eine gute Mischung an - und auf die Lebensphase, in der man gerade ist. Wer sich nie treiben lässt und sich nicht umschaut, kann kaum entdecken, wohin er will. Wer dann nicht den Mut hat, Entscheidungen zu treffen und zu seinen Zielen zu stehen, wird unglücklich in der Unverbindlichkeit. Und wer nach einer Macherphase nicht anhalten und prüfen kann, läuft Gefahr, sich zu verrennen. Ein guter Lebensplan ist keine Abhakliste, sondern eher wie ein Leuchtturm - ein Ziel, auf das man zuhält, in Schlangenlinien oder geradeaus, im Fiat Panda oder im Cabrio. »Du kannst das Leben nicht verlängern noch verbreitern - nur vertiefen«, hat der Schriftsteller Gorch Fock gesagt. Ziel des Spieles? Am Ende zu sagen: Es war gut, so wie es war.

Auch als Buch:
Jetzt eine Weltreise machen? Nach der großen Liebe suchen? Den öden Job kündigen? Mit PLANEN ODER TREIBEN LASSEN erscheint ein NEON-Buch, in dem die großen Fragen des Erwachsenwerdens verhandelt werden. Im Vorabdruck in der aktuellen Heft-Ausgabe: das Kapitel über das Verhältnis zu den eigenen Eltern. Woran liegt es eigentlich genau, dass wir uns sofort wieder wie fünfzehn fühlen, sobald wir die Türschwelle unseres Elternhauses überschritten haben?

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