Plan B
Spätestens dann, wenn die Stäbe des Käfigs locker sind, sollte man ausbrechen.
Wach auf.
Wir sind gerade eben aus allen Wolken in die Kissen gefallen, liegen noch in den letzten Zügen der Nacht. Die Schwere des vergangenen Tages ist mit den letzten Fetzen haltloser Träumerei in den Laken und Kissen versickert. Unsere Beine sind so leicht, haben noch keinen Weg gesehen. Der erste Schritt ist so selbstverständlich um diese Tageszeit. Er ist unsere Chance, bringt uns aus uns raus. Die Dunkelheit im Zimmer fällt durch den dicken, roten Vorhang vor deinem Fenster hinaus ins Licht. Los, wir nehmen uns daran ein Beispiel und folgen dem Lauf der Dinge. Wir setzen uns auf den nächsten Lichtbogen und rutschen dem Morgen den Buckel runter.
Flieg los.
Hol noch einmal richtig Schwung, stoße dich mit den Beinen ab an allem, was festgefahren ist. Einmal in der Luft, kann uns nichts mehr aufhalten. An den Bäumen hinauf ziehen wir uns über die Dächer der Häuser. Immer der Nase nach, das Glück hat ein unverwechselbares Aroma. Unter uns geht das Leben auf Asphalt seinen Gang. In den Büschen sitzt gebückt ein ernsthafter Blick und noch einer liegt auf der Lauer. Die Spatzen auf den Giebeln üben das Pfeifen unserer Namen, werfen sie hinab in die Straßen. Hör nicht auf sie. Wer fliegt hat Recht. Wenn wir erst die Stadtgrenze hinter uns gelassen haben, beginnt das Neuland. Dort, wo kein Ziel bisher erreicht ist, kennt keiner unsere Namen, kann keiner uns ermahnen. Bis dahin, halt dir die Ohren mit einem Flügel zu, falls du Stimmen hörst. Ich nehme dich zur Not auf meinen Rücken. Du nimm mir die Angst vor dem Absturz und hör nicht auf mit deinen Herzklappen zu schlagen.
Sieh dir das an.
Von hier oben hat man den nötigen Abstand. Wie klein alles ist, zu dem wir sonst aufschauen. Alles eine Frage der Perspektive. Und des Flügelschlags. Schau, neben den Wegen, die wir täglich gehen, verlaufen noch viele andere. Was für eine Schande, dass wir so selten einfach links abbiegen. Oder die Kurve kratzen, anstatt sie zu schneiden. Sieh dir an, wie die da unten Kreise laufen. Als ob es nichts grade zu biegen gäbe. Von den Wolken aus gesehen, bleiben sie immer am selben Fleck. Selbst wenn sie glauben, dass sie schon weit gegangen sind. Die Welt bleibt klein, wenn sie sich immer nur um dasselbe dreht. Zwischen den roten Dächern wirken die kleinen Flüsse aus Beton da unten wie die Adern eines kranken Herzens. Da ist kein Himmel im Rinnstein und kein Horizont.
Lass dich treiben.
Uns sitzt nichts mehr im Nacken. In den blauen Himmel hinein fliegen wir einen Sommerregentanz. Wir jagen ein paar Schäfchenwolken um den letzten Häuserblock der Stadt. Wirf deine Uhr dem letzten Straßenschild um den Hals. Schüttele dir die Falten aus der Stirn. Lass nichts auf dir sitzen. Das alles brauchen wir nicht, dort, wo wir hingehen. Wir fahren hier oben aus unserer Haut und lassen den Teil von uns zurück, der uns beim Wachsen stört. Putz die trüben Linsen und schau dich um. Dein Hals kann nicht nur nach vorne schauen. Von oben herab sieht man jetzt, wie die Häuser unter uns der Landschaft allmählich ausfallen, wie fettige Haare. Die Laubdächer werden grüner und länger, sehen immer mehr wie Landebahnen aus. Die Luft unter unseren Bäuchen fließt in warmen Strömen. Ladies and Gentleman, if you look right now over your right shoulder, you´ll see the sun set fire on you old life.
Sieh mal einer an.
Dort hinten am Ende des Himmels, da kann man schon das Meer sehen, wie es tosend über das Land hereinbricht. Die Erde fällt flach in seine Richtung hin ab, verläuft im Sand. Ein Sturm tobt darüber und bringt frische Luft für unsere Ankunft. Seine langen Arme lassen ein paar Strähnen in unsere Gesichter fallen und machen uns mutig. Der Flug war anstrengend und unsere Gesichter sind nun länger als unsere Arme. Menschen haben wir seit Stunden keine gesehen. Keine am Boden, keine in der Luft. Wir werden ein paar Wege hierher trampeln müssen, damit sie uns finden. Aber alles zu seiner Zeit. Wir sehen aus schrägem Winkel zwischen den Dünen ein flaches Haus mit Schilfdach. Dahinter ein Pinienwald, in dem es angenehm stachelt. Ein paar Bäume haben starke Äste, ein paar Felsen schützen vor den Nordwinden. Mehr gibt es nicht zu wünschen, nicht hier und jetzt, später vielleicht. Nichts, was man sich an diesem Ort nicht als richtig vorstellen könnte. Wir setzen zur Bauchlandung an und machen vor Freude Kopfsprünge in die Brandung. Die Stille bricht über uns zusammen und macht dem Klang der Natur platz. Was für ein Irrtum doch alle Geräusche einer Stadt sind, im Vergleich dazu.
Sei nicht traurig.
Kurz nach unserer Landung fallen uns ein paar Tränen vor die Füße. Die Nacht fällt uns in die Arme. Und nachts wirkt alles immer so, als gäbe es kein Morgen. Keine Angst, sag ich dir und mir auch ein wenig, wir bleiben hier nicht lang allein. Wer uns finden will, der kennt den Weg bereits. Und alle anderen haben wir nie für unser Glück gebraucht. Es ist normal, am ersten Abend Heimweh zu haben. Selbst dann, wenn man in seinem neuen Zuhause ist. Das geht vorbei, so wie die Sonne uns heute am Himmel überholt hat. So wie jede Welle, die ans Ufer schwappt. So wie dieser Sturm, der uns durcheinander bringt. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich heute früh gerochen habe oder was gestern in der Zeitung stand. Und wenn du Sehnsucht hast nach Gesellschaft, hör in dich hinein und lausche deiner inneren Stimme. Ihr habt euch sicher lange nicht gesprochen.
Nur Mut.
Aller Neuanfang macht schwere Gedanken. Schon bald wird uns das Leben hier draußen leicht von der Hand gehen. Du hältst dich an die Kinder des Windes, ich jage den Flausen des Meeres nach. Und wenn wir eines Morgens wieder aufwachen und merken, dass die Stäbe unseres Käfigs locker sind, dann brechen wir einfach wieder aus. Dann gehen wir vor unser Haus, werfen die Holztür hinter uns ins Schloss. Gehen ein letztes Mal vorsichtig über das spitze Dünengras. Strecken erst die Hälse, dann die Schultern und schließlich noch die Beine bis über die Dünen und gehen durch die Wellen hindurch weiter bis zum Horizont. Lass uns vergessen, wo wir herkommen. Lass uns nur noch daran denken, wo wir hinwollen.
Komm.
Lass es uns zur Gewohnheit machen.




Kommentare
große klasse
29.09.2008, 15:47 von joy.peacepunkt
Ja wohl war, als wäre man grade aufgewacht und du hättest den Traum erzählt den man gern gehabt hätte. Und dabei steckt doch auch noch so viel Wahres darin. Und grade jetzt an einer Weggabelung des Lebens für mich ein sehr passender Text.
12.09.2008, 21:21 von elixaUnd in diesen Satz hab ich mich gerade verliebt glaub ich:
"Wir setzen uns auf den nächsten Lichtbogen und rutschen dem Morgen den Buckel runter."
@elixa lass dich vom leben aufgabeln. :)
15.09.2008, 09:51 von hibja, wie ein traum!
21.08.2008, 11:01 von rrosali! ;-)
20.08.2008, 14:49 von KiyanOhne Worte...einfach nur schön...wunderschön
20.08.2008, 14:25 von crazydevil
20.08.2008, 11:06 von LudwigMartinDen Text heb ich mir in Papierform für eine entspanntere Situation auf, da freu ich mich jetzt schon drauf. :-)