jetsam 04.04.2012, 18:23 Uhr 22 7

OFFROAD

Ich brauche keine Steine für eine Erinnerung

„An der nächsten Kreuzung links abbiegen“, erklingt es mit einer freundlichen Stimme aus dem kleinen Kasten über dem Armaturenbrett. Dabei kenne ich die Wegstrecke auswendig. Die Macht der Gewohnheit ist es, die mich zwingt, mindestens diese Stimme an meiner Seite zu haben. Sie ist es aber auch, der ich genau an dieser Stelle widersprechen muss. Wie ferngelenkt bewegt sich mein kleiner Finger in Richtung des Blinkers, schiebt ihn langsam nach oben. Der Wagen rollt auf den Seitenstreifen. Nun bist du also wieder hier.

Kurz darauf finde ich mich auf der Brücke wieder und schaue über die endlos erscheinenden Schienen der Sonne entgegen. Mit einer qualmenden Zigarette in der Hand versuche ich in mich hineinzuhorchen. –Nichts-  Nur die Narben der Erinnerung sind zu spüren. Warum ist es hier so ruhig? Wo ist der Zug, der mein Leben begleitet? Wo sind die in den Ohren schmerzenden  Geräusche der auf Metall reibenden Räder? Dabei war ich ja nicht dabei, als sich das Gleisbett färbte. So hatte sich das Bild nur eingeprägt. Bilder aus einer Akte, die längst geschlossen und dessen Inhalt mir zum Selbstschutz nicht gezeigt wurden. „Bitte tun sie sich das nicht an“, so lautete die Aussage. Hat er die Brücke überhaupt erreicht?

Was war es für ein warmer Sommermorgen, als wir am Frühstücktisch saßen. Die brüderliche Nähe, das erste gemeinsame Gespräch auf Augenhöhe, was wir sonst nie finden konnten. Endlich mal, nach Jahren des Kampfes um Gleichberechtigung und Anerkennung. Doch viel zu kurz die Zeit an diesem Sommermorgen. „Lass uns später drüber reden und was ausmachen“, das waren deine letzten Worte, die mein Selbstbewusstsein stärkten. Als ich die Schulbank drückte glaubte ich dich Pläne schmieden. Ein kurzer Schmerz in meiner Brust ließ mich hochschnellen und weckte mich aus meiner Traumwelt, die in meinem Kopf kreiste. Getrieben von dem Gedanken an Bruderliebe. Was war es, was mich wie bei einer liebevollen Verabschiedung berührte, um mich sogleich in einer Leere zurückzulassen? Ich sollte es später deuten können.

Ich erinnere mich nur zu gut an diesen Moment an der Haustür, an die starren Gesichter der beiden Beamten, die durch mich hindurch sahen. „Sind deine Eltern zu Hause?“ Natürlich waren sie da. „Hat der Lange wat angestellt?“ Keine Antwort! Sie schoben sich einfach an mir vorbei und schlossen die Tür hinter sich. Auch die anderen Türen wurden geschlossen. Der “Lütte“ soll ja nicht alles mitbekommen. Das war nicht die Augenhöhe, die ich noch am Frühstückstisch  verspürte. Aber ich nehme es den Herren nicht übel. Vielleicht war ich wirklich noch nicht alt genug solchen Gesprächen beizuwohnen. Aber alt genug um die nachfolgenden Tage, Wochen und Monate zu überstehen und daran zu wachsen.

Hey Langer, es ist Jahrzehnte her. Es war und ist eine gute Zeit. Mit und ohne dich. Manchmal schaue ich mit einem Lächeln auf die kleine Narbe auf meinem Handrücken. Wir haben beide gelacht, als ich damals alle Wut herausgelassen habe, dir die Stirn geboten habe. Du warst es, der mich Wut, Selbstbewusstsein und Mut lehrtest ohne es selbst zu merken. Vielleicht muss man erst einen Menschen verlieren um an ihm zu wachen.

Auf eine Zigarettenlänge wollte ich bleiben und schnipse den Stummel auf die Gleise. Im Auto sitzend schaue ich auf das Display. OFFROAD leuchtet dort.

War ich wirklich OFFROAD?

Nein, ich war und bin genau richtig hier -manchmal-  wenn mein kleiner Finger den richtigen Weg einschlagen will.

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22 Antworten

Kommentare

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    Ich finde mich wieder zwischen den Zeilen, mit dem Wissen, dass mir meine Erinnerungen nie jemand nehmen kann und sie nur mir ganz allein gehören. Ich lächle darüber, wenn ich an all die vielen schönen Erinnerungen denke, aber mir laufen dennoch Tränen übers Gesicht, wenn ich daran denke, dass ich es geschafft habe wieder zu leben - nur eben allein.

    04.09.2012, 20:29 von Koffein
    • 1

      Das braucht Zeit, einfach nur Zeit um loszulassen.

      04.09.2012, 20:36 von jetsam
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    Durch deinen Kommentar hast du mich neugierig auf deinen Text gemacht und ich muss sagen, er ist wunderbar geschrieben und er berührt mich wirklich. Aber jetzt nicht in der Art, dass ich am liebsten losweinen würde, sondern irgendwie anders. Wirklich sehr schön! :)

    23.04.2012, 14:00 von Freiluft
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      Hat es anscheinend :b 


      23.04.2012, 16:11 von Freiluft
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      subtiles Marketing im Sinne von unterschwelliger Werbung habe ich sicher nicht nötig. Ich suche hier keinerlei Bestätigung für meine Texte und Sichtweisen. Da hast du was grundsätzlich falsch verstanden.


      Ich benutze Neon als Ventil für meine eigenen Gedanken und Erlebnisse, die in meinem Kopf rumschwirren. Der Verweis auf diesen Text diente lediglich zur Klarstellung an Pamet bezüglich seiner Aussage zu: "öffentlich machen" von privaten Dingen und als Statement zu "aber hilft es Dir wirklich irgendwas zu verarbeiten indem Du es hier bei Neon ablässt?" Er untermauerte also lediglich meine Aussage und Sichtweise.

      23.04.2012, 20:50 von jetsam
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      Nein, hast du auch nicht nötig. 

      Ich weiß doch vollkommen was du meinst und mir geht es doch nicht anders. 

      23.04.2012, 20:52 von Freiluft
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      Ich habe zugestimmt, dass dein 'Marketing' (was ich so nicht nennen würde) was gebracht hat, denn ich bin auf den Artikel aufmerksam geworden. Und darüber bin ich sehr froh. 

      23.04.2012, 20:55 von Freiluft
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      @freiluft Das bezog ich auch auf forst, der wohl glaubt, ich würde hier "Herzchen" oder was sonst sammeln wollen. Ich hatte dich schon richtig verstanden. 

      23.04.2012, 20:59 von jetsam
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      Achso, alles klar. Ich glaube, wer hier auf Herzchen-Jagd ist, hat bei Neon was falsch verstanden. Zu viel zu forst. 

      23.04.2012, 21:01 von Freiluft
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      @forst


      Dann ist ja alles klar. Vielleicht hätte ich nicht so reagieren sollen. War ein langer Tag. ;) 

      23.04.2012, 21:38 von jetsam
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      Friedefreudeeierkuch.

      23.04.2012, 21:44 von Freiluft
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      @Mrs. McH


      Es ging um einen/meinen Kommentar im shins Text Das Grab, es schweigt. (unter Grundsatzdiskussion von Pametnjakovic)


      Must du gucken hier:


      http://www.neon.de/artikel/fuehlen/familie/das-grab-es-schweigt/868684


      Gleich kommt sicher: "unterschwellige Werbung"  *lach*


       

      02.05.2012, 20:36 von jetsam
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      Aber bitte immer an der richtigen Geländerseite stehen bleiben.

      05.04.2012, 16:43 von jetsam
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      Schick fühlt sich irgendwie anders an.

      10.04.2012, 15:36 von jetsam
  • Links der Woche #35

    Diesmal u.a. mit dem bestangezogensten Obdachlosen, kiffenden Omas und jeder Menge fotogener Füchse in der Arktis.

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