jetsam 30.11.-0001, 00:00 Uhr 16 32

OFFROAD

Geschriebene Worte über Leere und Narben, die alles ausdrückten, was ich dir nicht mehr sagen konnte.

„An der nächsten Kreuzung links abbiegen“, erklingt es mit einer freundlichen Stimme aus dem kleinen Kasten über dem Armaturenbrett. Dabei kenne ich die Wegstrecke auswendig. Die Macht der Gewohnheit ist es, die mich zwingt, mindestens diese Stimme an meiner Seite zu haben. Sie ist es aber auch, der ich genau an dieser Stelle widerspreche. Wie ferngelenkt bewegt sich mein kleiner Finger in Richtung des Blinkers, schiebe ihn langsam nach oben. Der Wagen rollt auf den Seitenstreifen. „Nun bist du also wieder hier“ realisiere ich den Standort.

Kurz darauf finde ich mich auf der Brücke wieder und schaue über die endlos erscheinenden Schienen der Sonne entgegen. Mit einer qualmenden Zigarette in der Hand versuche ich in mich hineinzuhorchen. Nichts! Nur die Narben der Erinnerung sind zu spüren, als rieben sie in meiner Brust. Warum ist es hier so ruhig? Wo ist der Zug, der mein Leben seither begleitet? Wo sind die in den Ohren schmerzenden Geräusche der auf Metall reibenden Räder? Dabei war ich ja nicht dabei, als sich das Gleisbett färbte. So hatte sich das Bild nur in meiner Phantasie eingeprägt. Bilder aus einer Akte, die längst geschlossen und dessen Inhalt mir zum Selbstschutz nicht gezeigt wurden. „Bitte tun sie sich es nicht an“, so lautete die Aussage. Hat er die Brücke überhaupt noch erreicht? Warum lief er diese Abkürzung. So viele Fragen, die mir keiner beantworten konnte.

Was war es für ein warmer Sommermorgen, als wir am Frühstücktisch saßen. Die brüderliche Nähe, das erste gemeinsame Gespräch auf Augenhöhe, was wir sonst nie finden konnten. Endlich mal, nach Jahren des Kampfes um Gleichberechtigung und Anerkennung. Doch viel zu kurz die Zeit an diesem Sommermorgen. „Lass uns später drüber reden und was ausmachen. Vielleicht gehen wir Aale ziehen.“ Das waren deine letzten Worte, die mich größer erscheinen ließen, als ich war. Später in der Schule glaubte ich dich Pläne schmieden. Ein kurzer Schmerz in meiner Brust ließ mich hochschnellen und weckte mich aus meiner Traumwelt, die in meinem Kopf kreiste. Getrieben von dem Gedanken an eine Bruderliebe. Was war es, was mich wie bei einer liebevollen Verabschiedung berührte, um mich sogleich in einer Leere zurückzulassen? Ich sollte es später deuten können.

Ich erinnere mich nur zu gut an diesen Moment an der Haustür, an die starren Gesichter der beiden Beamten, die durch mich hindurch sahen. „Sind deine Eltern zu Hause?“ Natürlich waren sie da und standen im Türrahmen zum Wohnzimmer. Hat der Lange was angestellt fragte ich schelmisch in einer Vorahnung. Keine Antwort! Sie schoben sich einfach an mir vorbei und schlossen die Tür hinter sich. Auch die anderen Türen wurden geschlossen. Der “Lütte“ soll ja nicht alles mitbekommen. Das war nicht die Augenhöhe, die ich noch am Frühstückstisch  verspürte. Aber ich nehme es ihnen nicht übel. Vielleicht war ich wirklich noch nicht alt genug solchen Gesprächen beizuwohnen. Aber alt genug um die nachfolgenden Tage, Wochen und Monate zu überstehen, zu verstehen, verarbeiten und daran zu wachsen.

Ein Loch tat sich unter meinen Füßen auf. Wie in einem Strudel zog es mich herab, verbrannte mein Herz und löschte jeden klaren Gedanken. Wo Tränen versiegen steigt Verzweiflung und Wut über etwas, was nicht zu verstehen ist. Wie will man begreifen, was nicht real erscheint, nicht sein darf? Deine Socken liegen noch vor dem Bett. Ich möchte sie nicht aufheben. Es war deine Aufgabe, die dir aufgetragen wurde. Du wirst gleich zur Tür hineinkommen und es selbst erledigen. Und morgen? Morgen gehen wir Aale ziehen. Die ganze Nacht. Und reden werden wir - wie Brüder.

Du bist aber nicht zurückgekommen. Ich musste lernen, dass Lebenszeit ein unbestimmtes Ende hat, welches man weder festhalten, noch aufhalten kann. Ein Menschenleben beginnt mit der Geburt in einer Hülle, die vergeht. Es bleibt zurück, was in dieser Zeit gewachsen ist. Leibe und Wärme. Achtung und Anerkennung. Vieles mehr, was ich so nicht sah und erst viel später begriff. Ich habe mir deinen kleinen Würfel genommen. Erinnerst du dich? Die kleine Kugel, die immer eine sechs würfelte. Ich habe sie lange in meiner Hosentasche getragen und in die Hand genommen, wenn ich dir nahe sein wollte. Zwei Tage lang schrieb ich an einem Brief. Geschriebene Worte, die alles ausdrückten, was ich dir nicht mehr sagen konnte. Am Grab habe ich ihn dir überreicht. Das war mir wichtiger als eine Rose und etwas Erde auf deinen Sarg fallen zu lassen.

Ich mag diesen Ort nicht und bin selten dort. Vielleicht bist du der Sonnenstrahl, der mich wärmt, wenn ich friere. Vielleicht auch der Wind, der um mich streicht. Vielleicht der Regen, der mich bremst, wenn ich zu schnell fahre. Ich weiß nicht welche Hülle dich umgibt. Und wenn ich glaubte dich zu vergessen, dann sticht diese kleine verblasste Narbe in meinem Herzen mit allen Erinnerungen, die es trägt.   


Hey Langer, es ist Jahrzehnte her. Es war und ist eine gute Zeit. Mit und ohne dich. Manchmal schaue ich mit einem Lächeln auf die kleine Narbe auf meinem Handrücken. Wir haben beide gelacht, als ich damals alle Wut herausgelassen habe, dir die Stirn bot und anfing mich zu wehren. Du warst es, der mich Wut, Selbstbewusstsein und Mut lehrtest ohne es in mir selbst zu spüren. Vielleicht muss man erst einen Menschen verlieren um an ihm zu wachsen und den Sinn eines Lebens zu verstehen.

Auf eine Zigarettenlänge wollte ich bleiben und schnipse den Stummel auf die Gleise. Im Auto sitzend schaue ich auf das Display. OFFROAD leuchtet dort.

War ich wirklich OFFROAD?

Nein, ich war und bin genau richtig hier, manchmal, wenn mein kleiner Finger den richtigen Weg einschlagen will.


Tags: nur ein altes ding mit neuen worten
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16 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Mag ich. Sehr.

    11.09.2015, 23:06 von helden-haft
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    So traurig und so wundervoll beschrieben! 

    10.09.2015, 23:42 von Alioli_84
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    Da hat jemand mit Herz geschrieben, danke.

    10.08.2015, 08:24 von schmitty
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    Sehr schön geschrieben, hat mich berührt.

    28.07.2015, 14:06 von NadjaWoitschella
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  • 0

    "Ich weiß nicht welche Hülle dich umgibt."

    Schön.

    16.07.2015, 11:20 von misspringle
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  • 0

    unglaublich ergreifend

    06.07.2015, 20:56 von konfetti_schleuder
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  • 3

    hit the offroad, jet! i like the empathy.

    04.07.2015, 11:43 von ga
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  • 0

    Hach.

    02.07.2015, 11:00 von cosmokatze
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  • 1

    Transportiert die Stimmung gut.

    02.07.2015, 10:47 von EliasRafael
    • 0

      danke dir ;)

      06.07.2015, 20:10 von jetsam
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  • 1

    Welche Worte wähle ich für einen Kommentar (Sätze hats da keine bei mir)?

    Wortlosigkeit; Trauer tief; Atmen; Weinen; Erde.

    02.07.2015, 10:00 von owo2
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