Nein, du bist kein Künstler.
Manchmal fürchte ich, wie der Typ aus »About a boy« zu sein.
Manchmal fürchte ich, wie der Typ aus "About a boy" zu sein, mit einer wohlsortierten Plattensammlung und der neuesten Ausgabe des Rolling Stone, die wie zufällig auf dem Boden rum liegt. Einem Besucher soll sofort klar werden, dass ich Bescheid weiß, vor allem, wenn es ihm bis dahin nicht aufgefallen sein sollte. Als Jugendlicher hatte ich das vergessene Snowboard von Mathieu, dem französischen Austauschschüler meines großen Bruders, in meinem Zimmer stehen, bis er es Jahre später zurück haben wollte. Neben dem Snowboard platzierte ich diverse Boarder Magazine, Rage Against the Machine CDs und ein Poster, das das Gesicht einer Bulldogge zierte. Heute wie damals die Arbeit eines Stümpers, der der völligen Bedeutungslosigkeit zu entkommen sucht.
Mein Chemielehrer in der zehnten Klasse warnte uns vor der dunklen Macht der Entropie, als eine Kraft, die zäh daran arbeitet, uns unsere Hausaufgaben vergessen zu lassen und unsere Haare zu verfilzen, wenn wir sie nicht täglich kämmten. Doch keiner bereitete uns auf die viel größeren Gefahren des Erwachsenenlebens vor. Böse Kräfte, die wir nicht mit Gegenkraft besiegen können. Geisteskrankheiten, gegen die es keine Therapie gibt. Süchte, die nicht durch Entzug geheilt werden können. Gefahren, die uns auf der Suche nach ein bisschen Bedeutung drohen und in keiner Versicherungspolice enthalten sind. Diese Qual langsam zu realisieren, dass ich kein John Irving oder Thomas Mann werde, nur weil ich Legastheniker bin, zum Beispiel. Diese Demütigung, vom Kreativen der 10c zum durchschnittlichen Studenten an der Kunsthochschule abzusteigen.
Wie einfach es zu Schulzeiten doch noch war, sich wichtig zu fühlen! Die richtigen Sneakers, der richtige Freundeskreis.
Heute flattern reihenweise Vernissageeinladungen bei mir ein, von denen ich die meisten wegwerfen muss, weil sie nicht zu meiner Innenausstattung passen. Ich notiere die Termine lediglich in mein iPhone und fühle mich kein bisschen wichtig, weil ich mittlerweile weiß, wie der Hase läuft. Weil ich weiß, dass es die meisten Künstler unglaublich gerne sehen, wenn man von Zeit zu Zeit eine ihrer wie Babys groß gehätschelten Ausstellungen besucht. Auch, wenn sie es sich nicht anmerken lassen. Mehr wie ein verstohlen von der Seite reingedrückter feuchter Händedruck am Tag der Ausstellung ist meist nicht drin. Aber man weiß ja mittlerweile, wie es gemeint ist. Wichtig ist, dass die Bude voll ist. Wie Tapezierfreundschaften müssen Vernissagefreundschaften gepflegt werden. Eine Hand wäscht die andere. Für die Kunst interessieren sich an solchen Abenden wohl die wenigsten. Ein paar Frauen in den besten Jahren vielleicht, die sich durch extravaganten Schmuck (groß und bunt) kenntlich machen. Auch auf interessante Gespräche kann man bei so einem Anlass lange warten. Meiner Erfahrung nach gibt es nur zwei Sorten von Vernissagen. Die, die man nüchtern besucht und die anderen. Die zweite Sorte ist natürlich die einzig wahre. Die Ausstellung ist hier nur eine Station in der diffizil konstruierten Vorglüh-Architektur, nur dass man sich vorher etwas aus Leinen oder das gute alte blau-weiß gestreifte Picasso-Shirt überziehen muss. Das haben Kunstausstellungen meiner Meinung nach auch mit semiprofessionellen Buchvorstellungen, Poetry Slams und Konzerten von Leuten aus dem entfernten Freundeskreis gemeinsam. Alles nur Stationen auf dem steinigen Weg zum einzig wahren Amusement. Dieselbe Funktion hatte früher wohl die Kirche inne. Dieses Gefühl zu erzeugen: Danach kann alles nur besser werden. Und natürlich, um am frühen Abend eine Beschäftigung zu haben, damit man nicht sagen muss, dass man von zuhause kommt.
Ich muss zugeben, dass ich natürlich nur auf diese Menschen neidisch bin. Auf diese Menschen, die scheinbar die Höllenqualen der Selbsterkenntnis noch nicht durchleben mussten. Ich beneide den "Künstler", der sich bei vollem Bewusstsein hinstellt und sagt: Ja, das ist von mir. Der sich Monate vielleicht Jahrlang einer Sache widmet, weil er glaubt, etwas Wichtiges zu schaffen. Weil er überzeugt ist, nicht seine Zeit tot zuschlagen, sondern einen Beitrag zu leisten. So ähnlich wie eine schwerkranke Mutter, die sagt, für ihr Kind überleben zu wollen, egal, wie bescheuert es ist. Vielleicht glauben diese "Künstler", irgendwann entdeckt zu werden und damit einen Freifahrtschein an einen Ort zu bekommen, an dem sie für immer Helden und alle Frauen schön sind. So ähnlich wie man landläufig die Motivation islamitischer Terroristen in den Tod zu gehen beschreibt. Doch wie beim Islamismus darf man bei der Kunst nie die Macht der Klaköre unterschätzen, die einem einreden, dass man ein neuer Tom Waits oder Yves Klein wäre, nur weil man dem Alkohol zugeneigt ist oder gern mit nackten Frauen malt. Während diese findigen Typen diejenigen sind, die am Ende die schönen Frauen abgreifen, während man selbst nur die schlechte Presse hat.
Meiner Meinung nach haben Frauen aus reichem Hause die einzig wahre Motivation für eine künstlerische Betätigung. Sie wollen sich entweder ohne Erwerbsarbeit beschäftigen oder sich von einem Hauch mysteriöser Leidenschaftlichkeit umgeben. Das funktioniert meistens und weckt keine falschen Ambitionen. Am besten funktioniert die Kombination reiche Eltern oder Model plus Lebensgefährte aus dem Kulturbetrieb. Man denke nur an Nico, Carla Bruni oder Karen Elson.
Für die meisten wie mich aber wäre wohl ein gutgemeinter Rat in ihrer frühen Jugend das einzig humane Mittel, um einen vor vorschmerzhaften Erfahrungen zu bewahren. Erfahrungen, die einen nicht weiterbringen. Kein vom Fahrrad fallen und wieder aufstehen. Keine Erfahrung von der Sorte, dass die schönste Frau am Platz nicht immer die Beste im Bett ist. Vielleicht wäre ein gut gemeintes "nein, du bist kein Künstler", "nein, du bist keine Stilikone", "nein, du bist kein Model", "nein, du kannst nicht singen" für jeden der richtige Rat.






Kommentare
die richtigen sneakers - der richtige freundeskreis
02.01.2011, 09:57 von Traumversinkendas wahre leben also.
Grundaussage top.
01.11.2010, 22:38 von SeelenfutterLass uns indiskret sein.
kenne auch ein paar Leute, die meinen, nur, weil sie sich regelmässig betrinken, wären sie mit "Bukowski" seelenverwandt. Aber mit der Kunst ist es wie mit dem Geschmack: es ist sinnlos, darüber zu streiten
24.06.2010, 22:18 von runner_chDer Text ist klasse ;)
22.06.2010, 19:50 von traum.clown.So denke ich mir zur zeit auch.
alle sagen mir das ich total kreativ bin, aber die vorstellung ein künstler zu werden, unter den tausenden, macht mir ein wenig angst ^^'
@traum.clown. Ein *Künstler* unter Tausenden zu sein ist doch nicht schlimm. Jeder Mensch ist einer unter Millionen. Wo ist also das Problem?
22.06.2010, 21:22 von Jackie_Grey@[Benutzer gelöscht] Hmm, wie früh denn ? Ich denke negative Rückmeldung ist nicht immer konstruktiv, jedenfalls nicht, wenn die Motivation zur Kritik nicht beim Kritisierten, sondern beim Kritiker liegt. Gut, beim Thema ‚Kunst’ ist das gleich nochmal mehr fraglich, denn Kunst liegt im Auge des Betrachters. Beispielsweise fanden manche Leute die berühmte ‚Fettecke’ von Beuss gut .. bis eine Putzfrau den Dreck mal entfernte. Die Frau ist gut, aus meiner Sicht.
22.06.2010, 09:10 von CyroKritik ist in meinen Augen eine heikle Angelegenheit, sie ist notwendig und kann gut sein, aber sie kann auch verletzen, zerstören, Pläne vereiteln.
Wenn jemand wirklich schlecht ist, wird er von seiner Kunst nicht leben können. Selbst wenn er gut ist, ist das fraglich mit dem Verdienst. Doch die Erfahrung muss derjenige wohl selber machen. Ich für meinen Teil würde gute Kunst oder gute Künstler nicht mal dann erkennen, wenn sie mir auf der Nase herumtanzen. Also halte ich mich zurück mit Kritik, es sei denn mit stößt irgendeine Kunst dermaßen grauenhaft auf, dass ich anfange mich darüber zu ärgern.
Kritik hingegen bei Leuten, die mir etwas bedeuten und umgekehrt, ist wieder ein anderes Thema. Einerseits will man nicht verletzen, andererseits aber auch vor Fehlschlägen bewahren. Ja, da ist Ehrlichkeit gefragt, aber die Darreichungsform sollte in meinen Augen Diplomatisch und nicht mit dem Holzhammer vonstatten gehen, den kann man immer noch rausholen, wenn nötig. Kurzum ... das Kritisieren ist für mich eine sensible Angelegenheit. Kritik soll helfend sein und nicht verletzend, gar zerstörerisch.
ich kann dir inhaltlich irgendwie nur teilweise zustimmen, aber dein stil gefällt mir wirklich unglaublich gut. kann nicht sagen warum, aber liest sich flüssig, schön und dennoch attisch.
21.06.2010, 14:29 von Pik.dameirgendwie nö. etwas langweilig. und ich hab die message irgendwie nicht verstanden ...
21.06.2010, 13:47 von FideltiyWorum geht es hier überhaupt ? Fast jeder Satz erzeugt Widerspruch in mir. Vielleicht liegt es schon an der Einleitung, wo es, so mein Eindruck, um mehr Schein als Sein geht. Danach der Mensch als Spielball irgendwelcher bösen Kräfte, und dann wieder das Thema „sich wichtig fühlen“. Da aber in Äußerlichkeiten nur eine zeitlich sehr begrenzte Befriedigung zu finden ist, suche ich im Text nach anderer Thematik oder Substanz. Doch finde ich sie nicht. Statt dessen finde ich an Schlusssatz
21.06.2010, 09:51 von CyroVielleicht wäre ein gut gemeintes "nein, du bist kein Künstler", "nein, du bist keine Stilikone", "nein, du bist kein Model", "nein, du kannst nicht singen" für jeden der richtige Rat.
Ja, nicht jeder kann alles sein, doch grundsätzlich sollte jeder, der von etwas überzeugt ist, der sein Leben danach ausrichtet, auch die Chance haben, genau das zu werden, was er möchte. Nur ... wenn die Motivation aus Eitelkeit / Suche nach äußerer Anerkennung besteht, reicht das m.E. nicht. Aber gut, jedem das Seine, mir das Meine. Mit dem Text aber werde ich nicht warm. Sorry.
"Vielleicht wäre ein gut gemeintes "nein, du bist kein Künstler", "nein, du bist keine Stilikone", "nein, du bist kein Model", "nein, du kannst nicht singen" für jeden der richtige Rat."
19.06.2010, 15:16 von JackBlackFür JEDEN?
Künstlertypen sind zweifelsohne ganz fürchterlich arme Kerle, so arm, dass die meisten von ihnen früher oder später im Selbstmitleid ihren größten Antrieb finden, gar keine Frage.
Ich muss deshalb oft und lange weinen.
Gut möglich, dass ein frühes Absprechen von Talent und kreativem Ehrgeiz dem ein oder anderen Emporkömmling als positiv-negativer Resonanzbogen dienen kann, hübsch straff gespannt, damit er möglichst lange von der Spannung profitieren kann.
Nee, je länger ich über das Credo dieser Option nachdenke, desto ärger verkrampfen sich meine ironischen Synapsen.
Solange es keine allgemeingültige Definition für Kunst gibt, wird sich wohl jeder Künstler damit abfinden müssen, dass es auch für ihn und sein Schaffen keine solche Definition geben wird.
Und das ist auch gut so.
@JackBlack gibt es eigentlich einen fall von einem menschen, dem man seit jeher von allen seiten jegliches talent abspricht, der aber trotzdem immer wieder auftaucht und es reisst?
20.06.2010, 12:35 von MisterGambitmir fällt dazu uwe boll ein, der ja als der schlechteste regiesseur aller zeiten gefeiert wird. aber dessen antrieb ist in keinster weise künstlerisch und er definiert seine filme auch nicht als kunst, also zählt er vielleicht doch nicht.
@MisterGambit MisterGambit haste Regiesseur extra mit 'ie' geschrieben?
20.06.2010, 21:14 von Jackie_Grey@Jackie_Grey ja
20.06.2010, 23:27 von MisterGambitdamit du was zutun hast
hier, dein fleißbienchen
@MisterGambit Ach MisterGambit... ;)))
21.06.2010, 18:36 von Jackie_Grey