Verena_Carl 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Nehmen von den Alten

Unbezahlte Praktika, Zeitverträge, Niedrighonorare: Oft sind Jobeinsteiger noch Jahre nach Ausbildungsende auf Finanzspritzen der Eltern angewiesen

Mit etwa einem Jahr lernen Kinder das Sprechen. Erst brabbeln sie »Mama« und »Papa«, bald danach die Namen ihrer Stofftiere und Spielzeuge. Und dann dauert es nicht mehr lange bis zu diesem einen, entscheidenden Wort: selber. Je älter Kinder werden, desto mehr wollen sie ohne Hilfe schaffen: den Breilöffel halten, die Schuhe anziehen, den Schulweg alleine laufen. Und jedes trotzige »Selber machen!« ist ein Schritt von den Eltern weg: Selbst entscheiden, mit welchem Nachbarskind man spielt, wen man mit 15 im Jugendzentrum küsst, selbst Auto fahren, selbst einen Mietvertrag unterschreiben. Ein langer Weg, an dessen Ende wieder ein Wort steht, das mit »selbst« beginnt: Selbstständigkeit. Eigenes Geld. Vielleicht eine eigene Familie. Erwachsen sein. Wenn der Weg nur immer so gradlinig verliefe. Denn mit der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse taucht zunehmend ein neuer Typus des Almosenempfängers auf, der alles selber machen will, aber eines nicht kann: sein Leben finanzieren. Weil sich trotz Bewerbungen mit besten Uninoten kein Personalchef bei ihm meldet, weil er irgendwie die Zeit von einem Zeitvertrag zum nächsten überbrücken muss. Oder weil er einer qualifizierten Tätigkeit nachgeht, die unter dem Label »Praktikum« läuft – beliebter Arbeitgeber-Spartrick. Susanne Rinecker, Vorsitzende des Berliner Vereins »Fairwork e. V.«, bekommt solche Geschichten täglich zugetragen: von einer Galerie, deren Hospitant den ganzen Laden schmeißt, oder einer Ökobäckerei-Kette, die einen Praktikanten mit abgeschlossener Ausbildung und Studium sucht.

Schon zu Lebzeiten wird das Erbe tropfenweise weitergegeben


Die Misere in Zahlen: Zum Stichtag 30. September 1999 waren bei der Bundesagentur für Arbeit 4330 Praktikanten mit Uniabschluss als Jobsuchende registriert, fünf Jahre später hatte sich die Zahl glatt verdoppelt – Tendenz steigend. »Ich bin ja froh, dass meine Eltern weiter für mich zahlen«, sagt die studierte Wirtschaftsinformatikerin und Praktikantin Lena Peters, »aber manchmal zweifle ich auch an mir.« Gegen den Frust hilft ein Besuch in einschlägigen Internetforen: »Es ist ganz beruhigend zu sehen, dass andere auch 50 oder 60 Bewerbungen schreiben und trotzdem noch keine Stelle haben.« Ein Trend, den auch die aktuelle Globalife-Studie unterstreicht. Der Bamberger Soziologieprofessor Hans-Peter Blossfeld hat gemeinsam mit 60 Wissenschaftlern aus 20 Ländern der westlichen Welt über mehrere Jahre untersucht, wie sich die Globalisierung auswirkt.
Ob in den USA, Frankreich oder Deutschland – überall gilt: »In den letzten 10 bis 15 Jahren haben sich die Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt dramatisch erhöht. Dadurch bleiben junge Menschen weit länger von ihren Eltern finanziell abhängig als frühere Berufs ein steiger- Jahrgänge.« Glück im Unglück, dass die ältere Generation genügend Vermögen gehortet hat, um ihren Nachwuchs auch nach dem Diplom weiter durch zufüttern. Laut Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) unterstützen 16 Prozent aller über 65-Jährigen ihre Kinder oder Enkel regelmäßig. Im Durchschnitt werden 350 Euro gezahlt. Was nicht heißt, dass die anderen ihrem Nachwuchs gar nicht unter die Arme greifen – sie tun es nur nicht per Dauerauftrag, sondern steuern etwas bei, wenn gerade Not am Mann ist. Holm Friebe, Koautor des Buches über Freiberufler-Netzwerke, »Wir nennen es Arbeit«, hat beobachtet: »Der Reichtum der Nachkriegsgeneration sammelt sich bei denen, die heute ins Rentenalter kommen. Schon zu Lebzeiten wird das Erbe tropfenweise weitergegeben.« Auch so mancher Angehörige der selbsternannten »digitalen Bohème« kann seinen brotlosen Multimediaprojekten nur deshalb jahrelang entspannt nachgehen,
weil im Hintergrund die Eltern etwas zubuttern.

Und das, ohne sich lange bitten zu lassen. »Meine Mutter fragt schon von selbst: ›Kind, brauchst du einen Mantel, kann ich dir sonst irgendwie helfen?‹ Ich nehme das nicht dauernd in Anspruch, aber ich bin heilfroh über dieses Sicherheitsnetz!«, verrät die 40-jährige Illustratorin Wiebke Reiß. Weniger wohlhabende Familien finanzieren ihre erwachsenen Kinder häufig indirekt. Nach der aktuellen Shell-Jugendstudie spart immerhin jeder dritte 25-Jährige seine WG-Miete, indem er auch Jahre nach dem Schulabschluss noch sein Kinderzimmer bewohnt oder – die komfortablere Variante – die Einliegerwohnung unter dem Dach der Eltern bezieht. Dabei spielt natürlich nicht nur Geld eine Rolle – es ist auch ganz bequem, wenn man seinen Kühlschrank nicht selbst füllen und seine T-Shirts nicht selbst waschen muss. Aber das wichtigste Argument für das Bett im Hotel Mama bleibt: unschlagbar günstig.

Wer zahlt, bestimmt. Über Geld werden Machtbeziehungen
Ausgedrückt



Auch wer einmal den Absprung geschafft hat, ist noch nicht sicher im Erwachsenenleben angekommen. Seit Sommer 2006 bekommen unter 25-jährige Langzeitarbeitslose in der Regel keine Zuschüsse mehr für eine eigene Wohnung. Da heißt es notgedrungen: Ich geh zurück zu meiner Mutter. Dass der Staat wieder einen Teil der Verantwortung an die Familie zurückgibt, ist angesichts knapper öffentlicher Kassen wohl unvermeidlich. Unproblematisch ist diese Entwicklung aber nicht. Wer zahlt, bestimmt – diese Lebensregel sorgt im Verhältnis erwachsener Kinder zu ihren Eltern für Zündstoff, selbst wenn Vater und Sohn seit Jahren die gleiche Musik hören und Mutter und Tochter gemeinsam shoppen gehen. »Über Geld werden Machtbeziehungen
ausgedrückt«, weiß die Psychologin und Psychotherapeutin Christiane Papastefanou (Interview, S. 64). Was während der Ausbildung noch als partnerschaftlicher Deal funktioniert – du zahlst mir etwas, damit ich zielstrebig meinen Abschluss mache –, verliert seine Gültigkeit, wenn die monatlichen Zahlungen zur Arbeitslosenunterstützung werden. Eine Privatangelegenheit zwischen Eltern und Kindern, denn die gesetzliche Unterhaltspflicht endet mit 28. Wenn Geld und Gefühle vermischt werden, kann es ganz gewaltig knirschen: etwa wenn Eltern auch nach Ende des Studiums treu jeden Monat 700 Euro überweisen, aber dabei immer offener die Berufsentscheidung der Tochter kritisieren (»Ich will ja nichts sagen – aber hättest du damals auf Lehramt studiert und nicht auf Magister, könntest du längst eine Stelle haben, die werden ja gerade gesucht.«) Oder wenn die Mutter erwartet, dass der Sohn, der vorübergehend wieder im Elternhaus lebt, mit ihr gemeinsam den Tagesablauf plant (»Spätestens um elf solltest du heute abend zu Hause sein, morgen will ich zeitig mit dir ins Einkaufscenter fahren.«). Selbst kleinere Zuschüsse machen das Ungleichgewicht sichtbar: Wenn der bayerische Papa der Dauerpraktikantin in Hamburg die Autoversicherung zahlt, können die Kollegen schon am Nummernschild ablesen, dass hier Taschengeld fließt. Zwar kann man sich eine Weile der Illusion hingeben, trotzdem von den Eltern abgenabelt zu sein – man könnte sich ja komplett selbst finanzieren, wenn einem nur mal jemand die Chance gäbe. Früher oder später führt das finanzielle Ungleichgewicht jedoch fast unvermeidlich auch zu einer inneren Schieflage. Die Psychologin Heike Buhl von der Uni Jena hat junge Leute nach dem Verhältnis zu ihren Eltern befragt, und zwar einmal direkt nach dem Studium und einmal vier Jahre später, als fast alle feste Jobs hatten. Ergebnis: Allein aufgrund der Berufstätigkeit fühlten sie sich besser und selbstbewusster, erlebten die Beziehung zu ihren Eltern als liebevoller und weniger konflikthaft. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer von seinen Eltern finanziell abhängig ist, ist weniger selbstsicher, leichter kränkbar, stärker unter Druck. Eine späte Pubertät in quälender Endlosschleife: viel wollen, wenig können und immer Mama und Papa fragen.

Vor allem, wenn man sich etwas gönnen möchte: Ein eigenes Auto oder Urlaub sind ohne die Eltern schon gleich gar nicht drin. Na und, könnte man fragen – ist das nicht ein Luxusproblem? Wer kein Geld hat, soll eben bescheidener leben. Aber ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Wer während des Internethypes Ende der 90er Jahre sein Studium begonnen hat, konnte sich seine berufliche Zukunft in den buntesten Farben ausmalen. Da ist es hart, in der Wirklichkeit anzukommen. »Die Fallhöhe für die heutigen Berufseinsteiger ist besonders hoch«, weiß Soziologieprofessor Blossfeld. Die gute Nachricht ist: Früher oder später gelingt der Jobeinstieg wohl auch dem frustriertesten Dauerpraktikanten. Möglicherweise nicht zu den Konditionen, die er sich erträumt hat, aber doch so, dass die Eltern den Geldhahn endlich zudrehen können. Umso gemeiner, dass viele schon ein paar Jahre später wieder die gleiche Quelle anzapfen müssen. Denn wer sich trotz wirtschaftlicher Unsicherheit an die Gründung einer Familie wagt, atmet auf, wenn die glücklichen Großeltern wenigstens Wickeltisch und Kinderwagen spendieren. Oft kommt mit dem Geld allerdings auch wieder der Anspruch auf Mitsprache zurück – was mit Ende 30 noch mal doppelt so problematisch ist wie mit Ende 20.

Wer vom Geld seiner Eltern abhängig ist, erlebt möglicherweise eine Pubertät in Endlosschleife


Das ist die Erfahrung von Andrea Ritter: Die 38-Jährige und ihr Mann arbeiten freiberuflich, beide im Medienbereich. Aber seit der Geburt ihres kleinen Sohnes kommen sie häufig nur mit der Hilfe von Andreas Mutter über die Runden. »Meine Mutter versteht nicht, wie die heutige Arbeitswelt funktioniert«, sagt Andrea, »sie hat den Eindruck, wir hätten unser Leben nicht im Griff.« Da wirft die 70-Jährige ihrer Tochter schon mal vor, sie habe den falschen Beruf gewählt: »Das habe ich nun davon, dass ich dir dein geisteswissenschaftliches Studium bezahlt habe – wärst du doch lieber Zahnärztin geworden!« Selbst wer sich Miete und Kita-Gebühr für den Nachwuchs gerade noch selbst leisten kann, hält in dieser Lebensphase häufig wieder die Hand auf. Denn wer spät anfängt zu arbeiten, sorgt auch spät für die eigene Altersvorsorge. Da kommt es jungen Familien sehr gelegen, wenn Eltern zum Beispiel das Startkapital für die Eigentumswohnung oder das Häuschen vorstrecken. Häufig verbunden mit der Erwartung, auf die eigenen alten Tage emotional versorgt zu sein. Wer seinen Kindern ein Haus finanziert, so die unausgesprochene Hoffnung, den werden sie später auch nicht ins Altersheim abschieben.

Ein Deal, auf den nicht jeder Lust hat. »Ist das nicht ein Widerspruch?«, fragt Peter Kapp, 38, Vater einer Tochter, verheiratet und Dozent für kreatives Schreiben. »Einerseits meinen Leute, sie könnten unabhängig leben, andererseits haben sie materielle Ansprüche, die sie abhängig machen – entweder emotional von den Eltern oder kredittechnisch von den Banken.« Er hat sich entschieden: »Da lebe ich doch lieber ein paar Nummern kleiner.« Und das ist auch der einzige Weg aus dem Dilemma: sich nicht aus vermeintlich objektiver Not von Mutter und Vater abhängig machen, egal, ob mit Ende 20 oder Anfang 40. Sondern selber zu entscheiden, wie man mit Ansprüchen und Erwartungen umgeht – den eigenen und denen der Eltern.
Ob man lieber nach Büroschluss abends noch in einer Kneipe jobbt, statt Mama anzupumpen. Ob man sich einfach freut, wenn der Vater immer noch in einen Sparvertrag für die eigene Zukunft einzahlt, oder ob es einem wichtig ist, einen klaren Schnitt zu machen. Oder ob man die Finanzspritze fürs Eigenheim freudig begrüßt, weil man die Vorstellung ganz gemütlich findet, mit drei Generationen unter einem Dach zu leben. Die Freiheit der eigenen Entscheidung macht einen nicht unbedingt reich, und sie sorgt auch nicht für die größtmögliche Sicherheit. Aber eines macht sie einen ganz sicher: erwachsen.


Vater Guntram Skroblin, 68, ist Beamter im Ruhestand
Mutter Ursel Skroblin, 60, ist Psychologin
»Das Auto, mit dem Manuel unterwegs ist, hat in unserer Familie einen Spitznamen: Wir nennen es den ›Kinderwagen‹. Als unsere Söhne den Führerschein neu hatten, fanden wir es ganz praktisch, dass sie so ein altes Auto zum Üben hatten. Ja, und dann lief das so weiter, auch als Manuel anfing zu arbeiten. So viel verdient er ja auch nicht, und wir können die Kosten tragen, ohne auf etwas verzichten zu müssen. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man etwas für seinen Sohn tun kann. Das war ja früher auch nicht anders, ich bin auch von meinen Eltern unterstützt worden, als ich jung war. Allerdings war man damals viel bescheidener, ein eigenes Auto während der Studienzeit stand außerhalb jeder Diskussion. Übrigens stimmt es nicht, dass ich Manuel seine Strafzettel bezahlen würde – ich strecke das Geld höchstens vor, damit keine Verzugszinsen entstehen, aber dann lasse ich es mir wiedergeben. Soweit kommt’s noch! Ich bin ja schließlich nicht der gutmütige Trottel aus dem Helmut- Qualtinger-Schlager ›Der Papa wird’s schon richten‹.«


Manuel Skroblin, 27, arbeitet als Tontechniker
»Ich fahre einen Suzuki, der auf meinen Vater zugelassen ist, das heißt, mein Vater zahlt mir nach wie vor Steuer und Versicherung. Manchmal übernimmt er auch ein Knöllchen. Das Ganze hat sich so eingebürgert – vor Jahren haben meine Eltern den Wagen meines Opas übernommen, und da sie schon zwei Autos hatten, war eines übrig. Das durften meine zwei Brüder und ich dann nutzen. Opas Auto war irgendwann kaputt, Totalschaden bei einem Unfall, der Suzuki ist schon das dritte Modell, das meine Eltern uns überlassen. Seit ein paar Jahren fahre ich ihn quasi allein, weil ich nach Hamburg gezogen bin und ihn mitgenommen habe. Ich habe zwar jetzt seit zwei Jahren einen festen Job und ein geregeltes Ein kommen, aber ich finde diese Regelung trotzdem angenehm. Ich bin meinen Eltern dankbar, und es ist mir weder peinlich, noch habe ich ein schlechtes Gewissen, weil sie mir auf diese Weise etwas zuschießen. Wenn dieses Auto irgendwann nicht mehr fährt, werde ich das nächste aber sicher selbst anmelden. Oder erst mal schauen, ob ich überhaupt eines brauche – in einer Stadt wie Hamburg kommt man ja auch ganz gut ohne klar.«


Lena Peters, 28, hat Wirtschaftsinformatik studiert und sucht seit über einem halben Jahr einen festen Job.
»Ich trage immer einen kleinen Zettel im Portemonnaie mit mir herum, auf dem die Kontonummer meiner Eltern steht. Und wenn ich dann endlich mein erstes festes Gehalt bekommen habe, überweise ich ihnen etwas. Oder bereite ihnen eine schöne Überraschung. Ich hätte nie gedacht, dass das so laufen würde – ich habe mein Studium mit einer Durchschnittsnote von 1,7 abgeschlossen, ich war sicher, dass ich bald einen Job finde. Seit Monaten schreibe ich eine Bewerbung nach der anderen, sammle Praktika, aber ich bekomme immer noch am Monatsanfang eine Überweisung von meinen Eltern. Ich bin natürlich dankbar, dass sie das so selbstverständlich weiterlaufen lassen, aber es ist mir auch unangenehm. Schließlich sollten sie eigentlich in vollen Zügen das Leben genießen, jetzt, wo ich mit dem Studium fertig bin. Das deprimiert mich allerdings nicht so sehr wie das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Ich würde mittlerweile auch einen schlechter bezahlten Job annehmen, nur um wieder etwas zu tun zu haben.«


Mutter Tuula Peters, 59, ist Diplompädagogin
»Ganz ehrlich, ich hatte mir das auch anders vorgestellt – ich war da ganz unbedarft, ich dachte, bei dem tollen Abschluss hat meine Tochter sicher in zwei, drei Monaten einen Job. Seit Lena in dieser Situation ist, bekomme ich in unserem Bekanntenkreis aber immer häufiger mit, dass es ganz vielen erwachsenen Kindern ähnlich geht und dass sie zum Beispiel als unbezahlte Praktikanten ausgenutzt werden. Finanziell ist das weniger belastend als psychisch, ich leide mit Lena mit und bin frustriert, wenn sie es ist. Sie bemüht sich ja wirklich sehr, ich würde ihr niemals vorwerfen, dass sie noch Geld von uns braucht. Sie zeigt ihre Dankbarkeit sehr offen, bringt mir zum Beispiel ein Blümchen mit und ihrem Vater Schokolade, wenn sie uns besucht. Ob es einen Einfluss auf unsere Beziehung hätte, wenn sie finanziell unabhängig wäre? Nein. Ich denke, man sieht seine Tochter schon eher als erwachsenen Menschen, wenn sie eigenes Geld verdient. Aber trotzdem wird sie immer mein Kind bleiben. Wir sind sehr innig miteinander, das wird sich sicher nicht ändern.«


Vater Leonhard Michael Seidl, 57, ist pensionierter EDV-Beamter
»Mein Sohn ist ein sehr selbstständiger Mensch, ich bewundere seinen Willen, auf eigenen Beinen zu stehen. Meine Frau und ich spüren, dass es ihm manchmal ein bisschen peinlich ist, wenn wir ihm Geld geben oder was Größeres schenken, deshalb machen wir’s möglichst unauffällig, ohne große Worte oder Kuvert mit Schleife drum. Ich denke, wir haben ihm oder seiner
Schwester nie ein schlechtes Gewissen gemacht, wir schenken unseren Kindern ja gerne etwas. Für mich ist das selbstverständlich, dass man als Familie zusammenhält. Wir verlangen nichts dafür, und indirekt bekommen wir ja viel zurück, Zuneigung und Herzlichkeit. Leonhard würde nie Forderungen stellen, zum Beispiel ist er durch Indien gereist, ohne uns dafür um Geld
anzupumpen. Ich glaube, die jungen Leute heute haben es schwerer als wir, sie haben auf dem Arbeitsmarkt sehr zu kämpfen, ich mache mir oft große Sorgen. Denn wir können es uns immerhin noch leisten, unsere Kinder zu unterstützen – aber wie wird das in der kommenden Generation sein?«

Leonhard Florian Seidl, 30,
steht kurz vor dem Abschluss seines Sozialpädagogikstudiums
»Ich habe meinen Eltern nie auf der Tasche gelegen, das war mir wichtig. Ich bin ein freiheitsliebender Mensch, ich möchte mich nicht abhängig fühlen. Mit Anfang 20 habe ich als Krankenpfleger gearbeitet und etwas gespart, davon habe ich mein Studium mitfinanziert. Außerdem arbeite ich für ein Sozialprojekt und habe auch Bafög bekommen. Hin und wieder stecken mir meine Eltern was zu oder sie zahlen mir die Fahrt, wenn ich sie besuche. Außerdem haben sie mir einen PC samt Drucker gekauft, was für mich wichtig ist, denn ich schreibe nicht nur meine Diplomarbeit, sondern auch literarische Texte. Ich bin meinen Eltern dankbar für diese Zuwendungen, aber es ist mir auch immer etwas unangenehm. Denn eigentlich ist man ja gewohnt, dass es für Geld auch eine Gegenleistung gibt, die bleibe ich ihnen schuldig. Das ist schwer auszuhalten. Meine Eltern knüpfen aber nie eine Bedingung daran, wenn sie mir etwas
schenken.«


Mutter Anita Paulus, 65, ist selbstständige Unternehmerin
»Klar, eigentlich habe ich mir das anders vorgestellt: Ich dachte, wenn meine Kinder studiert haben, bin ich meine finanziellen Verpflichtungen los. Und für eine geschiedene Mutter ist das ja nicht einfach. Aber es ist auf der anderen Seite auch eine große Freude für mich, wenn ich meine Tochter unterstützen kann auf dem schwierigen Weg, den sie gewählt hat, und ich möchte sie entlasten, wo ich kann. Susanne mutet sich oft viel zu viel zu, der Stress macht ihr psychisch und körperlich zu schaffen, das sehe ich ja. Ihr Wohlbefinden geht vor, da kann ich auch mal auf den einen oder anderen Luxus verzichten. Ausgenutzt habe ich mich von ihr nie gefühlt, dazu ist sie viel zu lieb und verantwortungsvoll. Ursprünglich war geplant, dass sie das Geld zurückzahlt, das ich ihr nach der Magisterarbeit gegeben habe – aber eigentlich ist es mir lieber, ihr die Schulden zu erlassen.«


Susanne Paulus, 27, arbeitet als freie Journalistin
»Während des Studiums hatte ich immer Geld: Bafög, Kindergeld, Jobs, und meine Eltern haben ab und an was springen lassen. Aber als ich sechs Monate mit meiner Magisterarbeit beschäftigt war, hatte ich plötzlich fast 2000 Miese auf dem Konto. Als ich mit meinem Freund zusammengezogen bin, haben meine Mutter, meine Tante und seine Eltern uns einiges für die Wohnung spendiert, und wenn ich was brauche, zum Beispiel neue Stiefel, ist meine Mutter für mich da. Ich dachte, ich würde mit Ende 20 finanziell auf eigenen Beinen stehen, aber das ist noch nicht absehbar. Ich arbeite Teilzeit und bewerbe mich um ein Volontariat, aber dafür ist ein längeres Praktikum Voraussetzung, da werde ich nur 500 Euro im Monat verdienen. Ich fühle mich oft ganz ohnmächtig, wenn ich überlege, wie aufgeschmissen ich ohne meine Mutter wäre. Ich weiß, sie gibt es mir gern, aber ich weiß auch, dass sie sich wegen mir einschränkt. Manchmal habe ich Angst, sie könnte mich für faul halten, dabei ist der Arbeitsmarkt im Moment einfach so. Wenn ich mal richtig Geld verdiene, dann spendiere ich ihr was Tolles, vielleicht einen Wellnessurlaub.«

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