FrauMueller_XIV 10.11.2008, 20:27 Uhr 2 2

Mythos Punk

„Alle Menschen werden automatisch in Schubladen geordnet. Und diese passt am besten zu mir.“

Punk hat viele Gesichter, Punk ist lebendig und immer in Bewegung. Aber was ist Punk eigentlich?
Punk: Ursprünglich eine Jugendbewegung, die in den sechziger Jahren entstand, gegründet zur Rebellion gegen veraltete Werte, gegen Konservatismus und Uniformismus, dafür für neue Ideen und Individualität.
Heute hat jeder sofort ein bestimmtes Bild eines Punks, oder Punkers, im Kopf: Irokesenschnitt, meist in Farben, die die Natur zumindest auf menschlichen Köpfen nicht hervorbringen kann, Leder- oder Jeansjacken mit Nieten und Aufnähern von Punkbands, Piercings, Springerstiefel und bunte Kleidung, oft mit Rissen. Doch Punk steht nie still und verändert sich fortlaufend. Das Aussehen ist wohl eins der wenigen Dinge, die die heutigen Punks noch mit denen der sechziger Jahre gemein haben.
In den Neunzigern, in denen ich selbst ein Kind war, waren Punks noch ganz klassisch Jugendliche, die am Bahnhof mit ihren Ratten und Hunden herum lungerten, bettelten, soffen und Drogen nahmen und dabei Passanten anpöbelten. Auch solche gibt es sicherlich heute noch. Aber viel auffälliger ist, wie hip es geworden ist, „punk“ zu sein. Wenn man heutzutage einen Punker auf der Straße sieht, kann man sich keineswegs sicher sein, es nicht mit einem verwöhnten Kind reicher Eltern zu tun zu haben, das gerne ein bisschen rebellieren möchte, indem es seine Jeans zerreißt, sich einen Palestinenserschal („Pali“) um den Hals wickelt und sich, wenn es ganz mutig ist, auch noch ein Unterlippenpiercing hat stechen lassen. Das dann aber jeden Abend zuhause am Abendbrottisch sitzt und nichts dagegen hat, wenn Omi ihm sonntags ein Scheinchen zusteckt, mit der Aufforderung „Kauf dir doch mal etwas Anständiges zum Anziehen, Kind“.
Punk hat viele Facetten. Punk ist zum Beispiel auch Straight Edge, eine Unterbewegung, die sich heute nicht mehr allzu großer Popularität erfreut. Straight Edge richtet sich gegen (übermäßigen) Konsum von Alkohol, Drogen, sowie Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern, viele „Edger“ sind zudem auch noch Vegetarier oder Veganer und verzichten außerdem auf Koffein. Aus dem Punk ist sXe, wie es oft abgekürzt wird, entstanden, um ein Zeichen zu setzen gegen in der Gesellschaft „normale“ Dinge wie Besäufnisse, Drogen, das Schlachten von Tieren, um sie zu essen, Promiskuität. Allerdings ordnen sich die heutigen Straight Edger musikalisch eher Hardcorebands wie Minor Threat zu, auch ihre Kleidung unterscheidet sich von denen der typischen Punks.
Punk ist vielschichtig, Punk ist immer in Bewegung, Punk bleibt nie gleich. Aber gerade, dass es heute so modern geworden ist für viele Jugendliche, diese Kleidung zu tragen und sich selbst als „Punk“ zu bezeichnen, bringt mich zu der Frage, was Punk an sich heutzutage eigentlich ausmacht.
Ich selbst bin kein Punk, habe aber immer mit dieser Bewegung und ihren Idealen sympathisiert, zumindest mit denen, die ihr typischerweise zugeordnet, oder auch unterstellt, werden. Zu nennen wären da eine sehr linke und antirassistische Einstellung, nicht alles anzunehmen, was von vergangenen Generationen vorgegeben wird, überhaupt, Ideale zu haben und politisch wie sozial den eigenen Kopf zu benutzen bei der Beurteilung von Dingen. Ich habe einen guten Bekannten, der sich selbst als „Punk“ bezeichnet. Und oberflächlich betrachtet würde ihn auch jeder andere so bezeichnen, mit seinen Springerstiefeln, dem Iro und den Tätowierungen, die beide Oberarme schmücken. Ohne seine Jeansweste, an der die Ärmel natürlich fransig abgeschnitten sind, und die mit Exploited- und Rancid-Aufnähern sowie Nieten unterschiedlicher Art geschmückt ist, geht er nicht aus dem Haus. In seinen CD-Player lässt er nur CDs von Punk-Bands. Neulich habe ich ihn gefragt, warum er eigentlich ein Punk ist, bzw. was ihn als Punk ausmacht. Abgesehen von seiner Kleidung und seinem Musikgeschmack, denn, so dachte ich, eine so berühmte und beliebte Bewegung muss doch noch mehr enthalten als eine bestimmte Art sich zu kleiden und einen bestimmten Musikgeschmack!? Zum Beispiel die von mir oben schon angesprochenen Ideale.
Auf meine Frage musste er erst einmal lange überlegen. „Schwer zu beantworten“, sagte er. Und dann: „Ich glaube, ich bin ein Punk, weil ich mich in dieser „Schublade“ am wohlsten fühle. Alle Menschen werden sowieso automatisch in Schubladen geordnet, und ich finde, dass diese eben am besten zu mir passt.“
Mit dieser Antwort war ich nicht ganz zufrieden und fragte weiter: „Was ist zum Beispiel mit deiner politischen Einstellung? Bist du extrem links?“ „Nein, sagte er. Ich bin mehr links als rechts und ich bin gegen Rassismus, aber ich finde Politik sowieso nicht so wichtig.“
Auch, dass er nur andere Punks, also Angehörige seiner Szene, als Freunde habe, verneinte er. Dass viele Punks nur Freunde haben wollen, die selbst auch Punks sind, das habe ich in einem Jugendzentrum in meiner Stadt erlebt, das eine blühende Hardcore- und Punkszene beherbergt. Als Nicht-Punk auf diesen öffentlichen Punkkonzerten, und noch dazu als Mädchen, fühlte ich mich dort oft nicht toleriert, zu merken an abwertenden Blicken und/oder Bemerkungen. Sie bildeten eine Szene, in die niemand hinein durfte, der nicht deutlich zeigen konnte, dass er dazu gehört.
Auch in diesem Jugendzentrum aufgefallen ist mir, dass sie oft sehr viel Alkohol tranken, diese Punks. Einmal sprach ich mit einem von ihnen und er sagte, das sei eine Art Ritual, sich zusammen zu besaufen, Punk dabei zu hören und zu pogen (eine Art Tanz, bei dem man zum schnellen Rhythmus der Punkmusik wild umher springt und sich gegenseitig anrempelt). Für ihn machte er eins der wichtigsten Bestandteile der Punkkultur aus, der Alkohol.
Für mich formen all diese Dinge, die ich selbst beobachtet oder in Gesprächen herausgefunden habe, ein nur sehr verwaschenes Bild von dieser Szene. Was offensichtlich wirklich alle Punks nur gemeinsam haben, ist die Liebe zu einer Musik, die laut, schnell und oft aggressiv ist – denn nimmt man die diversen Unterformen des Punks hinzu, ist nicht einmal mehr die Kleidung dieselbe. Am Ende bringt es mich zu dem Schluss, dass es keine allgemeingültige Definiton für einen Punk gibt. Punks sind so verschieden wie auch alle anderen Menschen, sie zeigen an ihrer Kleidung, dass sie sich von anderen, den „Normalen“ unterscheiden und einer Gruppe angehören – aber am Ende bleibt davon nicht viel, außer, dass sie es mit Vorurteilen zu tun bekommen, wie zum Beispiel das weitverbreitete, dass alle Punks drogenabhängig seien. Das sind sie nicht, und sie sind auch nicht alle aggressiv, weil sie aggressive Musik hören. Sie sind nicht links und oft nicht einmal politisch – sie unterscheiden sich manchmal voneinander wie Tag und Nacht, was den Charakter betrifft.
Mir bleibt zum Thema „Was ist ein Punk“ nur zu sagen: Punks sind ganz normale Menschen, und als solche muss man sie kennenlernen, ohne vorschnell zu urteilen.

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Kommentare

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    Warum bist du mit der Aussage "Ich glaube, ich bin ein Punk, weil ich mich in dieser „Schublade“ am wohlsten fühle" nicht ganz zufrieden. Ich habe mir nie wirklich Gedanken drüber gemacht ob ich mich noch als Punk definieren sollte oder nicht. Früher war ich der besoffene Junge im Jugendzentrum, heute trinke ich nicht mehr, höre ein extrem großes Musik-Spektrum(weit über die Grenzen von Punk hinaus) kleide mich zivilisiert und schnorre niemanden um ne Mark an. Auch politisch sehe ich mich doch eher gemäßigt Links und trotzdem habe ich mich nie mehr "Punk" gefühlt als in dem Augenblick in dem ich die Schubladen-Aussage las. Ich habe Bücher zu dem Thema gelesen und die zeigen doch sehr deutlich, wie dein Text auch, wie vielschichtig Punk ist. Von daher sind Definitionen sinnlos. Aber das Schubladen Ding machts möglich. Ich bin ein Punk, danke dafür.

    24.12.2009, 12:02 von HennaXXL
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    Real Punkrock never happend.
    Aber schöne Definition von 'Pogo'

    02.12.2008, 10:17 von sailor
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