Muttermord
Eine Parabel Alle Rechte bei Tilmann Kleye
M
Ganz tief einatmen und ausatmen. Die Camel gibt mir ein bisschen Boden unter den Füßen zurück. Einem, dem es wie weiße Glut zwischen den Nippeln brennt, dem ist nicht zu helfen. Mein Jupiterfinger und der kräftige Saturn drücken den Filter zu einem ovalen Spalt. Würde man einen Stein zwischen meine Kiefer legen, so würde ich Sand und Splitter spucken. Einer, der nicht hassen kann, der lebt nicht. Einer, der nur Hass ist, zerstört Leben, irgendwann auch sein eigenes. Meine Handknöchel schmerzen und vermischen sich mit dem Blut von ihr. Dort liegt sie, blau und zinnoberrot und schwarz sehe ich, wie ich mich bei ihr nun schon wieder entschuldigen soll. Tatsächlich liegt nicht SIE dort, sondern ein kleiner, blasser und gekrümmter Körper und meine gesamte scheiß Vergangenheit. Meine Mutter, meine geliebte Mum, ich schlug in ihr graziles Gesicht, das mit den großen, mahnenden Augen, das mit dem Mund, der eine unglaubliche Macht besaß, ich schlug auf ihr Antlitz ein, dass ihre zierliche Nase laut knallte, ihre gewaltigen Augen schauten ängstlich... Ich schlug ein weiteres Mal, dass es ihre gepflegten, großen Zähne in ihren zerstörerischen Mund schleuderte. Mit dem harten Ellenbogen knallte ich ihre weise Stirn in Stücke - und noch immer stand sie mahnend vor mir. Schließlich legte ich los. Ich berserkte ihr jedes strafende und richtende Wort aus ihrem Kopf, dass ihr aschblondes Haar ein ekliges Dunkelrot annahm. Als ich fertig mit ihr war, stand sie noch immer, mit einem Nicht-Kopf, der ein riesiges Blutloch war, eingefasst von zerdroschenen Ohren und zerblutendem Haar. Erst als ich endlich aus ganzem und vollen Herzen sagen konnte: „Ich liebe dich.“, fiel sie um, meine beste und einzige Mutter.
Nun, da ich sie tötete, kann sie leben in mir und für mich. Nun, da ich sie tötete, kann ich leben, ganz für mich und meine Menschen. Nun, da ich sie tötete: die gesamten Vorwürfe, die ich ihr noch viel zu lange machte.






Kommentare
Besten Dank für die Kommentare.
06.09.2011, 18:35 von TilmannKleyeHaß und Liebe - Siamesische Zwillinge, durch Blut mit einander verbunden, unter Blut getrennt - genau das kommt an. Gefällt!
06.09.2011, 10:12 von SasaliSprachlich sehr schön ausgearbeitet.
06.09.2011, 10:06 von KokomikoDas Stück als Parabel anzuteasern hebt es weg vom Bild zu großartigem Volumen.
Nix zum dran vorbei lesen. Aber wiederum kurz genug, um nicht überfrachtet zu werden.
1a!
mutig klug erwachsen
06.09.2011, 10:02 von Gluecksaktivistinhier darf sich schliesslich jeder ausleben.
06.09.2011, 09:35 von MiZa.schräg.
muttermörder! erschreckend.
06.09.2011, 09:22 von ilofi@ilofi erschreckend ja...
06.09.2011, 09:26 von Faradunatraurige realität irgendwo, bei irgendwem aber auch.
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06.09.2011, 09:14 von TraumversinkenGenau so war es.
06.09.2011, 08:36 von MmeKorsakowda bekomm ich gänsehaut.
06.09.2011, 08:26 von Faraduna