Marieken 30.11.-0001, 00:00 Uhr 22 23

Mutlöwe gegen Angsthase

Entscheidungen haben bemerkenswerte Ähnlichkeit zu Kaugummi und verbrauchter Luft. Das ist, wenn der Krieg zwischen Mutlöwe und Angsthase beginnt.

Gerade sitze ich im rot-rostigen Zug und bin auf der Flucht. Die Füße auf den ockergelben Sitz gegenüber gestellt, schweift mein Blick kreuz und quer durch das Zugabteil. Es stinkt nach verbrauchter Luft, die zu oft in Lungen eingesogen und wieder ausgeatmet worden ist. Kaugummireste kleben hartnäckig im harten Polster der Sitze und obwohl ich auf der Flucht bin, hänge ich fest. Verweile nun schon seit einer halben Stunde in Gedanken an einer einzigen Entscheidungsetappe, setze mir Fristen, wie an der nächsten Haltestelle musst du dich aber entschieden haben. Doch ich reise weiter, der Zug ruckelt an besagter Haltestelle vorbei und die Entscheidung dümpelt unbewegt in meinem Kopf, während mein Herz sich in ungreifbare Fernen träumt. Von Klippen und rauen Winden und rauschendem Meer träumt es, englische Sprachfetzen tanzen mir im Magen herum, während der Kopf nicht innehält, sich mit FSJ-Stellen zu beschäftigen und ich wäge ab, versuche große Zukunftsweichen zu stellen, die in Wahrheit unbedeutend winzig sind. Während ich in diesem Zug sitze, alte Menschen, lächelnd oder trauernd vorbei gehen sehe, da versuche ich Vermittlerin zu sein, zwischen Kopf und Herz. Doch es will mir nicht gelingen, immer bleibe ich hängen, an den Moneten, an dem Angsthasen in meiner rechten Körperhälfte, der sich mit dem Mutlöwen in der linken Hälfte zankt. Und doch – als der Zug durch immer flacheres Gelände tuckert, werde ich ruhiger, gelassener. Die Zeit erscheint mir so starr und steif in diesem Zugabteil, als hätte ich für meine Entscheidungen ewig Zeit. Fast erscheint es mir, als hätte ich mein Muster erkannt, immer gegen mein Herz zu klagen und es in Gefängnisstrafen zu verwickeln. Weiß Gott, wie lang es nicht mehr frei pochen wird, weil sich der Kopf die Herrschaft erkämpft hat.

Während ich unbeweglich in meinem Sitz verharre, fängt der glänzende Schlüssel in meiner Hosentasche an mich zu drücken und zu pieksen. Ich weiß, dass ich ihn eigentlich in die Hand nehmen müsste, ein freudiges Lächeln auf dem Gesicht und die Gewissheit, dass sich Türen öffnen werden. Dass ich Zusagen erhalten werde. Doch mitten in der Zeit des erbitterten Krieges zwischen Herz und Kopf erscheint mir dieses Versprechen wie ein Fluch, der mir mehr und mehr Möglichkeiten beschert. Dabei wird das Herz immer trauriger und der Verstand immer frustrierter. Denn sie können eben doch nicht ohne einander – die zwei Gegenspieler, die zum selben Kreislauf gehören, irgendwie. Verliert das Herz die Pumplizenz, so ist auch der Kopf arbeitslos und dazu verdammt, im Erdreich zu verrotten. Deshalb sollten sie sich doch eigentlich zu benehmen wissen – gemeinsam dafür sorgen, dass die kurze Lebenszeit möglichst bilderreich und farbenfroh gestaltet ist.

Doch irgendwie hat man mir in den letzten zwei Jahren den Zugang zu meiner Ruhequelle genommen. Das muss passiert sein, als man mich mitten in dieses riesige Wettrennen warf, als zweistellige Zahlen immer wichtiger wurden. Und die Angst immer größer. Da flüchtete ich mich von Bushaltestellenhäuschen in Bushaltestellenhäuschen, ohne unbesonnen über Gleise zu schreiten oder mit dem Rad den Berg runter zu düsen, freihändig.

Als ich so in diesem Wagon sitze und in den Mülleimer neben meinem rechten Knie starre, da weiß ich, dass es auch ein bisschen daran liegt, dass ich dich damals in die Wüste geschickt habe. Das war zu der Zeit, als du die Hand nach mir ausgestreckt hast und ich eine Trinkflasche und Proviant hineingelegt habe, ohne sie zu ergreifen. Dann hab ich dich an den Schultern gepackt und dich umgedreht und du bist marschiert. Wie ein Soldat.

Der Krieg in meinem Inneren lässt mich wissen: Es war ein Fehler.

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22 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Ich schließe mich zum Großteil der Vorrednerwelt an - die letzte Passage passt nicht so ganz hinein. Das lenkt das Vorherige in eine einzelne Schiene. Wobei es doch - neben den ganzen Ausstiegsmöglichkeiten - Weichen zum Schienenwechsel gibt.
    Nichts desto trotz ist der Text wahnsinnig gut geschrieben. Die Metapher des wohl ewig fahrenden Zuges passt sehr gut und gefällt sehr.

    Freu mich auf jeden Fall auf mehr von dir... :)

    27.06.2013, 15:21 von DerWesir
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  • 1

    Jaja, das Hin und Her zwischen belanglosem Alltagstrott und der großen weiten Welt, vor der man aber auch Angst hat... Kenne ich auch :)
    Passend dazu der Song "Hier" von Maxim. Mag ich sehr :)

    26.06.2013, 17:08 von MissRaspberryOL
    • 0

      dankeschön für den Song-Tipp ;) sehr passend!

      26.06.2013, 20:57 von Marieken
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  • 3

    Das FSJ war meine beste Zeit bisher! Machen!

    21.06.2013, 17:30 von Kathue-tata
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    • 0

      ...habe zwar nicht fsj aber dafür den efd gemacht - mein leben hat sich komplett geändert seither .
      und ich würds wieder tun!!

      24.06.2013, 17:07 von kudddelmuddl
    • 0

      streng genommen, hab ich ein fsj kultur gemacht :P

      24.06.2013, 21:16 von Kathue-tata
    • 0

      danke für euren Rat! :)

      24.06.2013, 22:07 von Marieken
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  • 3

    Richtig gut. Diese Schwebe zwischen zwei Lebensabschnitten, wenn einem doch eigentlich alle Türen offen stehen und genau das es ist, was einen davon abhält, sie einzurennen. Es lähmt. Ich habe mich sehr in deinem Text gefunden.

    20.06.2013, 13:21 von Sommerregen03
    • 1

      ich habe gerade eine Erkenntnis gewonnen... DAS ist es also, was mein Leben gerade irgendwie still stehen lässt...! Danke dafür!!

      20.06.2013, 13:46 von djkoze
    • 0

      Gern! :)

      21.06.2013, 12:40 von Sommerregen03
    • 1

      oh ja, genau das ist es. Dieses Meer an Möglichkeiten,in dem man entweder ertrinken oder Neuland entdecken kann, das fasziniert. Aber das was mir so schwer fällt, ist es, einfach loszuschwimmen.

      23.06.2013, 11:27 von Marieken
    • 0

      So sieht es aus! Losschwimmen...hört sich ja eigentlich gar nicht soschwer an ;-)

      23.06.2013, 15:02 von djkoze
    • 1

      Irgendwann erledigt der Zeit- / Entscheidungsdruck den Rest.

      23.06.2013, 17:16 von Sommerregen03
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    • 0

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und das Lob. Beabsichtigt war nicht, dass der ganze Text in diesen Verlust der vergangenen Liebe mündet, sondern dass diese nicht gelebte Liebe lediglich ein weiteres Beispiel für den Sieg des Verstandes gegen das Herz darstellen soll. Und vielleicht würde es einfacher fallen, große Entscheidungen zu bewältigen, wenn man es mit einem Glücksgefühl tut, das die Quelle im Herzen hat. Aber da der letzte Abschnitt so kurz gefasst ist, ist deine Kritik sehr berechtigt. Danke dafür!

      23.06.2013, 11:34 von Marieken
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  • 1

    sehr schön geschrieben. Hab richtig mitfühlen können und mir überlegt wieso es denn grundsätzlich den kampf zwischen herz und kopf gibt oder ob nicht immer das herz entscheiden sollte.
    lg

    20.06.2013, 07:40 von vonda
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  • 1

    gefällt mir, nicht nur, weil ich genau das kenne, sondern,weil du das, was man kennt sehr sehr schön geschrieben hast. ;) toll!

    20.06.2013, 01:22 von LaBalkaniera
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