Varekes 30.11.-0001, 00:00 Uhr 69 110

Mondmädchen

Endstation. Keiner sagt es, aber wir denken es beide.

„Wann haben wir uns zuletzt gesehen?“, fragst du.

„Ist Ewigkeiten her.“, sage ich und hoffe, dass du nicht merkst, wie froh ich darüber bin.

Du hast dich kaum verändert. Deine Haare sind jetzt kürzer, du trägst Lippenstift, aber da ist immer noch dieser schnippische Zug um deine Mundwinkel, wenn du lächeln musst, um dich weniger lächerlich zu fühlen. Zu Schulzeiten gehörtest du zu den Mädchen, die man nie alleine antraf. Du brauchtest immer jemanden, neben dem du stehen konntest.

„Wie ist es dir so ergangen?“, fragst du und wickelst dabei deine Kopfhörer auf. Du wolltest damals nichts von mir wissen und willst es auch heute nicht. Ich muss dich nicht ansehen, um der hektischen Bewegung deiner Augen folgen zu können. Du wirfst mit Flüchtigkeit nur so um dich. Du bist bis an die Zähne bewaffnet, mit allem, was dir in die Hände fällt. Ich teile zehn Jahre meines Lebens in Stationen auf, während du die Haltestellen zählst. Es sind nicht viele, bis du mich abgenickt hast und dich dazu verpflichtet fühlst, auch dein Leben kurz zu umreißen. Bestandsaufnahme. Ich erfahre mehr von dir, wenn ich dir nur mit einem Ohr zuhöre und mich stattdessen auf deine Stimme konzentriere. Brüchig ist die. Du räusperst dich nach fast jedem Satz.

Wenn wir uns nicht zufällig in der U-Bahn begegnet wären, säßest du trotzdem in einem fahrenden Zug. Du wärst das Mädchen mit den Kopfhörern, das in sich versunken von schalldichten Räumen träumt, überzeugt davon, dass alle Mitreisenden ein glücklicheres Los erwischt haben. Als Mädchen trugst du im Herbst weiße Wollstrumpfhosen. Jetzt bist du politisch korrekt. Dein Schal ist aus Polyester. Du trinkst Tee aus einer Thermoskanne. Selbst dein Telefon ist Obst.

Schöne neue Welt haben wir damals gelesen. Jetzt leben wir mittendrin. In einer Welt, die immer noch voll ist von Brüchen, mit denen wir rechnen müssen. Ob wir’s wollen oder nicht. Du hast eine Narbe auf dem Handrücken. Sie schimmert ganz blass unter der Haut hervor, sichelförmig. Ein Mondmädchen. Das bist du. Nichts als Widerschein.

Ich habe dich damals nicht verurteilt und ich tue es heute nicht. Du hast in der Zehnten erzählt, ihr hättet zwei Putzen. Bodenpersonal, hast du gesagt und dabei verächtlich die Augen verdreht. Jetzt erwähnst du mit ähnlicher Beiläufigkeit, deine Eltern putzten nun das Gemüse von unten. Ich sehe dich an. Du zuckst mit keiner einzigen Wimper, aber deine Schultern sinken tief ein.

„Erinnerst du dich noch an den Kotzabend?“ Wie könnte ich nicht? Du warst eine der Letzten auf der Party und ich habe stundenlang hinter zwei Autos gekauert, um dich abpassen zu können. Deine Freunde und du, ihr seid so sternhagelvoll gewesen. Keiner konnte mehr laufen. Du hast in den Briefkasten gekotzt und dich vor Lachen an dem verschluckt, was dir im Halse stecken geblieben war.

„Pennerkotze!“, hast du laut gerufen. Ich bin dann gegangen. Nicht ohne dir noch einmal zuzuwinken. Du hast die Hand an die Stirn gelegt und mir zugeküsst. Es war kalt an diesem Abend, aber du hast mir den Rest gegeben. Am nächsten Tag habe ich mir geschworen, dir nie mehr wieder Bedeutung beizumessen. Klappte drei Tage lang ganz gut.

Ich hab dich damals nicht verachtet und ich tue es heute nicht. Ich würde sogar gerne deine Hand nehmen. Unauffällig auffällig, so dass jeder, der hinsieht, ganz schnell wieder wegguckt.

„Ich muss die nächste raus.“, sagst du. Muss ich auch.

Im Bahnhof versuche ich, mit dir Schritt zu halten. Du trägst Pumps, aber du läufst immer noch schlurfend. Ich würde dich auf einen Kaffee einladen, aber du hast ja deinen Tee.

„Hast du eigentlich damals auf mich gestanden?“ Du fragst das völlig emotionslos. Ich halte dich an deiner Tasche fest. Du gibst dir nicht einmal Mühe, überrascht drein zu blicken. Deine ganze Körpersprache ist so aufmüpfig, so provokant, dass ich loslasse. „Ich wollt’s nur wissen.“, flötest du.

Irgendwann verfüttere ich dich an die Hunde. Aber nicht heute.

Draußen ist es kalt. Du rückst deinen Schal zurecht.

„Junge Frau, haben Sie mal nen Euro?“ Artig zückst du dein Portemonnaie. Du gibst fünfzig Cent. Ein Schein wäre zu heilig. Dabei hast du genug davon.

„Die Welt ist klein.“, sagst du zum Abschied.

„Ich weiß.“

Verdammt, ich weiß.

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69 Antworten

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    toll!!! :)

    15.04.2013, 15:24 von glitzerlimette
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    "Die Welt ist klein.“, sagst du zum Abschied.
    „Ich weiß.“
    Verdammt, ich weiß.

    Verdammt schön!

    12.04.2013, 21:36 von herzlosesGedankenspiel
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    ....Selbst
    dein Telefon ist Obst. <3

    06.04.2013, 19:39 von Terrorteddy
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    Als hätte man all das miterleben müssen!

    02.04.2013, 22:03 von fraumucklas
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    ... ich hasse sie.

    29.03.2013, 09:27 von Watschenbaum
    • 0

      ich auch. Die sind wie hübsch-hässliches unkraut.

      15.04.2013, 17:07 von blindpilotwishes
    • 0

      ... und unkraut vergeht niemals.

      15.04.2013, 19:38 von Watschenbaum
    • 0

      ....und vermehrt sich ständig.

      15.04.2013, 19:39 von blindpilotwishes
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  • 3

    "Ein Schein wäre zu heilig. Dabei hast du genug davon."

    Diese beiden Sätze finde ich nach mehrmaligem lesen wirklich am besten. Vor dem ganzen Hintergrund der Story so vielschichtig.

    Das Herz gibt's für all die wohlüberlegten Sätze und Bilder!

    27.03.2013, 14:20 von sellardore
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    Ganz großes Kino!

    - in meinem Kopf.

    26.03.2013, 22:37 von smn_
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    well done

    26.03.2013, 22:29 von Lina.Tanzend
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    Gut gemacht!

    26.03.2013, 18:50 von Pixie_Destructo
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