JungeJunge 15.08.2005, 01:24 Uhr 24 15

Mitten im Leben

So langsam wird es ernst um mich herum: Manche Freunde heiraten, manche wandern aus, manche sterben. Das Leben ist kein Spiel mehr.

Vor kurzem machte ich eine erschreckende Entdeckung: Albert Einstein war erst 26 Jahre alt, als er die Allgemeine Relativitätstheorie in die Welt warf. Ich selber war hingegen gerade 27 geworden - und irgendwie betrübte mich das Wissen um Einsteins Alter, als er das wichtigste Werk seines Lebens schuf. Kurz darauf las ich, dass Thomas Mann ebenfalls erst 26 war als er seinen Roman "Buddenbrooks" veröffentlichte, für den er Jahre später den Nobelpreis bekam. Abermals dachte ich: hmmm.....
Nicht, dass ich selber vorhatte, in dem Alter ein gleichartiges Werk der Welt vorzustellen. Aber es war immer beruhigend, zu wissen, dass man es prinzipiell noch konnte. Das ist jetzt vorbei. Ich kann sicher sagen: Ich habe mit 26 nichts weltbewegendes geleistet.
Am Anfang redete ich mir noch ein: "Na ja, Albert Einstein und Thomas Mann, das waren halt Genies..." - (und ich hatte mich inzwischen notgedrungen damit abgefunden, vielleicht doch kein Genie zu sein). Aber dann erwähnte eine Freundin etwas, dass mich abermals zum Grübeln brachte. Sie meinte:
- "Als meine Großmutter so alt war wie ich, hatte sie schon einen Beruf erlernt, geheiratet, zwei Kinder geboren, ein Haus eingerichtet und alles wieder auf der Flucht verloren. Sie baute sich im selben Alter schon ihre zweite Existenz auf, während ich noch nicht mal meine erste richtig stehen habe."
Die Zeichen begannen sich zu häufen, dass möglicherweise auch bei mir langsam der Zeitpunkt gekommen war, wo ich etwas vorzuweisen haben sollte. Wo es nicht mehr heißen kann "Eigentlich sollte ich erwachsen WERDEN", sondern wo es heißen muss "Eigentlich sollte ich erwachsen SEIN".
Die Zeit des Vorbereitens auf das "eigentliche" Leben ist zu Ende gegangen. Mit 27 offenbart sich so langsam, was das für ein Leben ist, das man führt. Neuerdings muss ich wohl sagen: "Ich stehe mitten im Leben".
Davor war es nicht all zu schwer, den richtigen Lebensweg zu erkennen. Abitur machen. Studienfach wählen. Zweifel überwinden. Ins Ausland gehen. Diplomarbeit schreiben. Studium abschließen. Den ersten Job finden. Ab da aber wurde es unsicher. Nach Ende des Studiums haben sich die scheinbar vorgegebenen Lebensstationen verflüchtigt und jeder krebst so auf seine Weise herum. Unter meinen Freunden macht jeder etwas anderes. Wohl keiner weiß so genau, wo man mit 27 stehen sollte, und jeder versucht, seine eigene Antwort darauf zu finden. Manche studieren noch, andere wechseln bereits zum zweiten Mal den Job, wieder andere werden Vater. Das ist es wohl dann, das richtige Leben. Finally.
Ein Freund von mir etwa erwartet ein Kind, er hat vor kurzem auch seine Freundin geheiratet. Er erzählt mir , dass es noch ziemlich ungewohnt sei, einen Ring am Finger zu tragen und "meine Frau" statt "meine Freundin" zu sagen. Aber dass es durchaus nicht unangenehm sei. Und dass sie sich beide sehr auf das Kind freuen. Und er lächelt dabei.
Ein anderer Freund hatte ein Jahr im Ausland studiert und sich danach nicht mehr in Deutschland zurechtgefunden. Seine Heimat ist ihm fremd geworden. Er ist wieder zurück ins Ausland gegangen und promoviert dort. Er sagt, er käme nicht mehr zurück
Und dazwischen bin ich und versuche meinen ganz eigenen Lebensweg zu basteln. Freestyle.
Ingeborg Bachmanns Roman "Das dreißigste Jahr" beginnt mit den Sätzen: "Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher."
Ich glaube, ich muss gar nicht erst warten, bis ich dreißig werde. Ich habe das Gefühl auch schon jetzt mit 27. Ist das schon die Quarter-life crisis?
Und dann gab es da noch das folgende Gespräch. Ich treffe einen Bekannten aus dem Studium, den ich eine Weile nicht gesehen habe, und er fragt mich:
- "Kennst du noch den Benjamin aus unserem Semester?"
- "Ja, was macht der jetzt?"
- "Der ist jetzt tot."
- "Was?"
- "Ja, tot. Gehirnblutung. Hat keiner kommen sehen. Dabei hat er gerade endlich eine Stelle gefunden gehabt."
Und da fällt mir wieder ein, dass "mitten im Leben" nur die eine Hälfte eines Zitats von Luther ist: Media in vita / in morte sumus. Mitten im Leben / sind wir vom Tode umgeben.
Ich sollte wirklich jetzt langsam erwachsen sein.

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24 Antworten

Kommentare

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    Danke.. du schreibst mir von der Seele.

    26.03.2007, 15:58 von Sue25
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    Sehr schön. Kann mich super damit identifizieren, zumal ich auch gerade erst 27 geworden bin...und kämpfe auch mit dem Erwachsen werden........

    20.12.2006, 15:33 von Lauries
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    QUARTERlife-Crisis mit 27? Bisschen optimistisch zu denken, dass erst nen viertel rum ist! ;o)
    Ne aber mal im Ernst, ganz großartiger text, er hat nur meiner meinung nach einen elementaren fehler. Du schreibst: "Ich sollte wirklich jetzt langsam erwachsen sein."

    Wenn du Leute befragst, was für sie erwachsen bedeutet und das dann mit dir vergleichst, wirst du 100% Übereinstimmung finden.
    Das Erwachsensein ist nur ein Hilfskonstrukt und kein Dogma. Es geht darum aufhören zu suchen.

    12.11.2006, 22:22 von Orson
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      @Orson "Das Erwachsensein ist nur ein Hilfskonstrukt und kein Dogma." Genau. Erwachsen... was is das schon! Es geht doch nicht darum, ob man ne sichere Arbeit oder viel ereicht hat,
      sondern darum wie man mit Konflikten umgeht und ob man die kindliche Naivität und den kurzsichtigen Egoismus verloren hat. Hast du, sonst würde dein Artikel doch ganz anders aussehn.
      Nur die Kindheit ist auf lange Sicht so unbeschwert, und wenn du das im Erwachsenenleben suchst, wirst du meiner Ansicht nach früher oder später (je nach Erkenntniszeitpunkt) herb enttäuscht werden. Eigentlich schade, aber, wie gesagt, man lernt ja auch damit umzugehn.
      Grüße aus dem sonnige Sibirien. ♥

      18.01.2007, 23:46 von Pipifuchs
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    wow, toller text.
    ich hab zwar noch ein wenig zeit, bis ich in deinem alter bin und dennoch hat mich dein text zum nachdenken angeregt, zum nachdenken über meine ziele, die ich noch erreichen möchte/sollte und zum nachdenken darüber, dass die zeit viel zu schnell vergeht..

    30.09.2006, 16:29 von andererseits
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    "quarter life crisis" = das wird mein begriff der woche, stark!

    manchmal geht es mir ganz ähnlich wie dir und ich habe die 3 schon davor stehen ... ;)

    das schlimmste ist, sich an den anderen zu messen. es verfälscht alles.

    20.09.2006, 15:52 von the_actress
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    Sehr gelungener Text. Tolle Gedanken auch wenn ich noch ein paar Jahre dahin hab heiraten alle Leute in meinem Umfeld und ich stehe vor einem ähnlichen "Problem"

    17.09.2006, 12:35 von funkyD
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    Ich bin zwar "erst" 23, mache mir allerdings genauso Gedanken um dieses Thema. Ich sehe es wie Honeypoops: heiraten, Kinder kriegen und ein eigenes Haus liegen noch vor mir und genau darauf freue ich mich. Dieser Schritt gehört ja auch (oder gerade) zum Erwachsen werden dazu, sollte aber meiner Meinung nach auch nicht zu früh gemacht werden. Meine Cousine ist 18 und hat gerade ein Kind bekommen - ich sehe jeden Tag, wie überfordert sie damit ist. Auch wenn es irgendwie einen negativen Touch hat: aber ich möchte es besser machen. Ich will vorbereitet sein. Ich will "erwachsen" sein. Aber ob man die "wahre Reife" je erlangt? Man lernt doch jeden Tag etwas Neues, entdeckt immer andere Sichtweisen und weiß nie, ob man nun auf dem rechten Weg ist. - Ich für mich habe aber beschlossen, dass ich MEINEN Weg einfach gehen werde. Egal wie er aussieht. Egal was kommt. Es ist doch schlimm, wenn man sich von anderen reinreden und sein Leben planen lässt.

    17.08.2006, 13:20 von PlaceboFan
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    Der Text ist einfach sensationell gut. Das sollte mal gesagt werden. Unglaublich gute Gedanken.

    11.08.2006, 10:07 von LeFlo
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